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Presse:
Badische Zeitung vom Mittwoch, 21. Juni 2006
Der alltägliche Wahnsinn um uns her
Beim Spiel der 12.
Waldorfschul-Klasse wurden Dürrenmatt und Loriot erfolgreich verquickt
LÖRRACH (tho). Dürrenmatt trifft Loriot — die 12. Klasse der Freien
Waldorfschule machte es möglich. “Wir sind doch schließlich nicht verrückt”
hieß das Stück, das die 13 Schüler und Schülerinnen mit Regisseurin Karin
Maßen einstudiert hatten. Dürrenmatts “Physiker” waren die Basis,
Loriot-Sketche eingefügt — eine ungewöhnliche, aber stimmige Ergänzung.
Loriots satirisches Schaffen steht mit dem großen Werk Dürrenmatts durchaus
in Verbindung. “Wir haben den Wahnsinn, der in den Physikern die Gruppe der
Wissenschaftler ergreift, mit dem alltäglichen Wahnsinn um uns herum
zusammen dargestellt. Das war eine Idee der Schüler” , erläuterte Karin
Maßen.
Der Wahnsinn, der in der von den Schülern und Maßen gekürzt dargestellten
Version von Dürrenmatts Klassiker zum Ausdruck kommt, übernimmt eine
Funktion. Die Gruppe von Wissenschaftlern erklärt sich für verrückt, um im
Irrenhaus ungestört ihre Forschungen fortzusetzen. Mörderische Technologien
würden durch ihre Erkenntnisse realistischer — das stürzt die Gruppe in
Konflikte. Hin- und Hergerissen zwischen der Verantwortung für die Folgen
ihre Forschungen auf der einen Seite und der wissenschaftlichen Erkenntnis
auf der anderen, flüchten sie in die Welt des Wahnsinns.
In
75 Minuten stellten die engagiert agierenden Schüler diese Konflikte dar.
Eingebettet in ein spartanisches Bühnenbild aus einer Bank und beweglichen
Stellwänden, konnten die starken Bilder und die Dynamik der Truppe das
Publikum rundum überzeugen. Mit entsprechend anhaltendem Applaus honoriert
man die Leistung der Truppe.
Die seit April dauernden Proben fanden bei den jungen Akteuren großen
Anklang. Das zeigte sich unter anderem daran, dass die Schüler freiwillig
zehn Tage von ihren Pfingstferien für das Projekt opferten und sich nicht
scheuten, vier Wochen lang täglich zehn bis zwölf Stunden zu proben. Aber
nicht nur die Schüler waren mit Begeisterung dabei. “Das Feedback war auf
allen Seiten sehr gut” , sagt die Regisseurin. “Bei den Vorstellungen für
die siebten bis 11. Klassen herrschte große Anteilnahme, das war zu spüren.”
Auch bei den Vorstellungen am Samstag und Sonntag war der kleine Saal in der
Schule gefüllt — mit einem Publikum, das die Vorstellung zufrieden verließ.
Im
Probenprozess und bei den Aufführungen unterstützten Ric Weisser, Stephan
Stock, Matthias Meier, Bernhard Greif, Anja Gottschalk, Linda Sepp und Felix
Banholzer als Regieassistenten Karin Maßen tatkräftig. Für die richtigen
Lichtstimmungen und den Ton sorgten Andre Kulawik und Arild Johannsen.
“Alles in allem eine hervorragende Ensembleleistung” , resümiert die
Regisseurin und meint damit auch die gute Zusammenarbeit mit den Lehrern
Thomas Esche, Doina Apostol und Ingrid Rögels.
Oberbadisches Volksblatt vom 20. Juni 2006
Den Wahnsinn inszeniert
Waldorfschule Lörrach
führte Dürrenmatts „Die Physiker“ auf
Von
Andreas Burget
Lörrach. Die Schüler der 12. Klasse der Freien Waldorfschule haben am
Wochenende nach mehrwöchiger Vorbereitung ihr Stück „Wir sind doch
schließlich nicht verrückt" nach der Vorlage „Die Physiker" von Friedrich
Dürrenmatt auf die Bühne gebracht. Regie führte Karin Maßen.
Das gesellschaftskritische Stück hatten die Schüler mit Sketchen von Victor
von Bülow alias Loriot aufgepeppt. Die typischen LoriotDialoge, penetrant
und langatmig, wie zum Beispiel die Frage, wie lange ein Vier-Minuten Ei
kochen muss, bauten eine Stimmung des Wahnsinns auf, die dem Zuschauer half,
in den Schauplatz des Geschehens, die
Irrenanstalt Les Cerisiers, einzutauchen.
Das Theaterstück handelt von drei Patienten: Newton, Einstein und Möbius.
Johann Wilhelm Möbius ist ein Physiker, der Formeln entdeckt hat, die in
falschen Händen die Welt vernichten könnten. Newton und Einstein sind die
Decknamen von Spionen, die Möbius dazu bewegen wollen, die Formeln an ihre
Regierungen zu verraten.
Alle drei gaukeln ihren Irrsinn nur vor: Möbius, damit seine gefährlichen
Formeln als Produkt des Irrsinns abgetan werden; Newton und Einstein, um
unentdeckt an Möbius heranzukommen. Jeder der drei erdrosselt eine
Krankenschwester, die er liebte, um sein jeweiliges Geheimnis zu bewahren.
Als deshalb die Polizei eintrifft,
vernichtet Möbius seine Formeln. Jedoch: Fräulein von Zahnd, die Besitzerin
und Chefärztin des Irrenhauses, ist die einzige wirkliche Irre in diesem
Stück, die die Weltherrschaft an sich reißen will.
Durch das hohes Tempo des Stückes, überzeichnete Lautstärke und die
Glanzrollen von Christof Högi als Möbius, Carmine Nocera als Inspektor
Blocher und Jessica Trefzger als Chefärztin, schafften es die Schüler mit
ihrer Unbefangenheit und hervorragenden schauspielerischen Leistungen das
Publikum zu fesseln.
Die Leistung der Darsteller überzeugte. Auch Ihr Klassenlehrer Thomas Esche
war positiv überrascht: „Es ist erstaunlich, wie es die Klasse in dieser
kurzen Zeit schaffte,
ganz selbstverständlich ohne das Einwirken von Lehrern, sich selbst zu
motivieren."
Nach der Aufführung gab es minutenlangen Applaus -
wohlverdient für die Schüler und die Regisseurin, die dem Publikum den (nicht)alltäglichen
Wahnsinn etwas näher bringen konnten.
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