aktuelle Inszenierung:


Freies Theater Tempus fugit

 

   
 
 

"Heros"
von Björn Steiert

Regie: Karin Maßen

 


 

   
   
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  Prolog

Seit dem Eintritt der USA in den Vietnamkrieg und besonders durch die brutale Bombardierung Nord-Vietnams begann ein einheitlicher Protest von Amerikanern und Westeuropäern. Die Friedensbewegung bekam eine internationale Relevanz, da nicht das nationale Bewusstsein für eine Sache, sondern ein internationales Bewusstsein für Frieden, über alle Grenzen und Unterschiede hinweg entstand. John Lennon war eine, wenn nicht sogar DIE Ikone der Friedensbewegung der 1970er Jahre. John Lennons Protestsong „Give Peace a Chance“ wurde in allen Teilen der Welt zur Anti-Kriegshymne und zeigt den weltweiten Wunsch einer ganzen Generation nach Frieden.

Auch heute gibt es Kriege. Aber eine Identifikationsfigur, wie einst John Lennon sie darstellte, fehlt.

 
  zum Stück:

Wie inszeniert man einen Antihelden?

Im Grammy Museum in Los Angeles war vom Oktober 2010 bis Ende März diesen Jahres eine Ausstellung John Lennon gewidmet: „John Lennon Songwriter“

Yoko Ono hatte diese mitkonzipiert. Weder der gewaltsame Tod, geschweige denn der Name des Mörders tauchen darin auf.

Kein Wort darüber.

Es soll ihm kein Denkmal gesetzt werden.

Auch die Stückvorlage von Björn Steiert will dem Mörder persönlich keinen Platz einräumen.

Dennoch basiert die Textvorlage auf den Geschehnissen dieser Tat. Alle Einzelheiten sind bekannt, darin gibt es kein Geheimnis mehr zu entdecken.

Für die Bühnenbearbeitung eine Herausforderung: wie inszenieren wir einen „Niemand“, von dem doch jeder weiß, dass er John Lennon ermordet hat. Der Täter ist immer noch in den USA im Gefängnis und weiter ohne Reue.

Die Aufgabe ist spannend und herausfordernd. Die Zusammenarbeit mit Autor, Schauspiel, Musik, Licht und Assistenz macht es möglich den Spagat zu wagen….

Karin Maßen

 
zum Autor:

„Björn Steiert kennt man hier als aufsehenerregenden Literaten mit einer sehr eigentümlichen Sprache jenseits aller Moden, mit einem ganz eigenen Klang. Schon seine Sprache allein besitzt eine besondere Musikalität.“ - so heißt es in der „Badische Zeitung“ über den Autor, der in einem früheren Artikel auch als „ein Formvollender, ein Wort-Architekt, ein Weltenentwerfer“ bezeichnet und in der „Oberbadischen“ als „das größte Talent“ unter den an einer Lesung beteiligten Schriftstellern aus der Region hervorgehoben wird.

Steiert wurde 1980 in Lörrach geboren, machte hier auch sein Abitur am Hebel-Gymnasium und leistete Zivildienst im Kreiskrankenhaus, ehe er sein Germanistikstudium begann. Man kennt ihn vor Ort zudem als Organisator eines viel gelobten kulturellen Veranstaltungsprogramms und durch musikalische Werke, etwa eine Vertonung von Michael Endes „Lied von der Anderwelt“.

Der Autor war wiederholt bei Literaturwettbewerben erfolgreich und veröffentlichte Beiträge in diversen Anthologien und Zeitschriften. So gewann er etwa mit „Die Wiederschöpfung“ schon 1999 einen 1. Preis mit seiner individuellen Aktualisierung des Faust-Stoffes oder veröffentlichte in S.Fischers renommiertem „Jahrbuch der Lyrik“ (laut der „Neuen Zürcher Zeitung“ einem „Pantheon deutschsprachiger Dichter“ …) 2006 das Gedicht „Jüdisches Ich“.

„Heros“ ging aus einer langen Beschäftigung des Autors mit John Lennon hervor, den er als Musiker ebenso schätzt und faszinierend findet wie als Friedensaktivist und Persönlichkeit. 2008 gewann Steiert mit dem Stück den 1. Preis eines von der Paula-Rombach-Stiftung und der Albert-Ludwigs-Universität-Freiburg ausgeschriebenen Literaturwettbewerbs. Die Preisverleihung fand im Februar durch Prof. Dr. Wolfgang Jäger statt, worauf der Text in der Literaturzeitschrift „allmende“ (Nr. 81) in einer gekürzten Fassung veröffentlicht wurde.

Informationen über den Autor: www.bjoernsteiert.de 

 
  zur Gruppe:

Stephan Stock wurde 1985 in Rheinfelden geboren. Nach einigen Jahren mit der Gruppe „Tempus fugit“ aus Lörrach, studierte er Schauspiel an der Hochschule der Künste Bern. Seine Soloperformance „Revolution!?“ eröffnete 2009 das Outnow!-Festival in Bremen. Als Gründungsmitglied des Theaterkollektivs vorschlag:hammer gewann er mit dem Stück „Vom Schlachten des gemästeten Lamms und vom Aufrüsten der Aufrechten“ den Jurypreis des 100° Festivals im HAU Berlin und den Preis des Körber Studios Junge Regie am Thalia Theater Hamburg. Seit September macht er den Master an der Zürcher Hochschule der Künste. >>INFO<<

Schauspieler Stephan Stock über „Heros“

Die Sehnsucht, etwas Großes zu schaffen, auf eine bestimmte Art unvergesslich zu werden, bewegt jeden Menschen auf gewisse Art und Weise. Der „Niemand", John Lennons Mörder, war bereit, für diesen Moment des Triumphes zu töten. Das ist eine krasse Ausprägung eines Wunsches, den wir wohl alle kennen! Etwas von Dauer zu schaffen und unserem Leben einen Sinn zu geben.
Mich fasziniert die Annäherung an einen Menschen, der bereit war, so weit zu gehen, der auf gewisse Art eine Kraft entwickelt hat, die, wenn nur einige Dinge anders gelaufen wären, auch etwas sehr Gutes hätte bewirken können.
Auf der anderen Seite stellen sich auch die Fragen: Wer bin ich in Abgrenzung zu dieser Person? Als was sehen mich die Leute auf der Bühne? Als ein Mensch, der in einer Zeit ohne Vorbilder aufgewachsen ist, faszinieren mich auch die Macht dieser Figur John Lennons und ihrer gleichzeitigen Ambivalenz als „Führer".

Sounddesigner Bernhard Greif über „Heros“

„Heros“ ist als Ein-Personen-Stück konzipiert. Die Soundebene, die ich für die Inszenierung entwickelt habe, dient dem Darsteller als akustischer Gegenpart auf der Bühne. Passagen aus dem Text können von ihm als Person auf die Tonspur ausgelagert werden, Originalmaterial in Form von Musik, Text, Interviews, etc., auf das der Text Bezug nimmt, kann wieder in Form von Ton in das Stück und das Bühnengeschehen re-integriert werden. Durch die Verwendung mehrerer Soundquellen auf der Bühne entstehen unterschiedliche akustische Orte, die das Geschehen strukturieren und in denen die Vermischung von Fakt und Fiktion, wie wir sie im Text finden, ihre Entsprechung erfahren. Nicht nur der „Niemand“ kommt zu Wort, sondern auch Lennon selbst.


 
  Presse
   
  Die Oberbadische vom 6.7.11

Da steckt viel Zauber drin

Stimmen-Chef Helmut Bürgel über Amateure, Profis, besondere Konzertorte und die Lust am Eigenen

Lörrach. Das Stimmenfestival wird am morgigen Donnerstag mit dem Auftritt von Voicelab, Studenten der Gesangs-Akademie aus Lörrach, im Burghof eröffnet. Mit Festivalchef Helmut Bürgel sprach unsere Redakteurin Gabriele Hauger über die Ausrichtung von Stimmen 2011.

[…]

Wie gelungen fanden Sie den Stimmen-Prolog?

Ich fand Heros sehr gelungen. Das Stück von Björn ist sehr gut. Ein sprachlich brillantes Konvolut, aus dem man erstmal ein Stück machen musste. Das hat Regisseurin Karin Maßen zusammen mit dem Musikdramaturgen Bernhard Greif exzellent gelöst. Ich fand das eine gelungene Geschichte für die Einführung von Stimmen. John Lennon war für mich einer der größten Liedermacher des 20. Jahrhunderts. Das Stück war eine Verbeugung vor diesem großartigen Künstler. Das passt zum Stimmenfestival.

[…]
 
  Der Sonntag vom 3. Juli 2011

Die gescheiterte Metamorphose

Premiere von Björn Steierts Stück „Heros“ im Lörracher Burghof

Der Lörracher Autor Björn Steiert hat sich lange mit John Lennon beschäftigt und schließlich ein Bühnenstück über dessen Mörder geschrieben. „Heros“ heißt der monologische Einakter, der am Mittwoch vor rund 100 Zuschauern vom Theater Tempus fugit im Burghof uraufgeführt wurde.

Dem psychopathischen Killer geht es oft um die eigene Metamorphose, lehrt Thomas Harris in dem Psychoklassiker „Das Schweigen der Lämmer“. Der Mörder [Name durch Tempus fugit entfernt] könnte als Paradebeispiel dafür herhalten. Ein Nobody (Niemand) sei er gewesen, der ein Somebody (Jemand) werden wollte, hat er einmal erklärt. Und obwohl er schließlich einen ähnlichen Berühmtheitsgrad wie Lee Harvey Oswald erreichte, wird er in dem Stück „Heros“ konsequent „Der Niemand“ genannt. Der Autor Björn Steiert verweigert ihm die Metamorphose - so wie Yoko Ono kürzlich bei einer Lennon-Ausstellung jeden Hinweis auf den gewaltsamen Tod und den Mörder vermied.

Steierts Psychogramm startet mittendrin, am 8. Dezember 1980. Des Mörders [Name durch Tempus fugit entfernt] Plan ist ausgereift. Am Nachmittag schreckt er zwar noch einmal vor seiner Tat zurück, weil ihn Lennons unerwartete Freundlichkeit beim Signieren einer Schallplatte kurzfristig aus dem Konzept bringt. Am späten Abend aber lauert er erneut vor dem „Dakota“, dem New Yorker Apartment-Haus, in dem John und Yoko Ono wohnen. Die Wartezeit bis zu den tödlichen Schüssen skizziert das Ein-Personen-Stück. „Alles basiert zum größten Teil auf den tatsächlichen Aussagen des Mörders, die ich aber in freier Weise weiterentwickelt habe“, erzählt Steiert.

Bei späteren Verhören und Interviews liefert der Mörder [Name durch Tempus fugit entfernt] ein wässriges Bild von seinen Motiven. „Phoniness“ wirft er dem einstmals Vergötterten vor, Scheinheiligkeit. Auch behauptet er, er habe das Buch „Der Fänger im Roggen“ berühmt machen wollen (unmittelbar nach dem Mord las er laut daraus vor). Gelegentlich hat er sich selber im Verdacht, wahnsinnig zu sein. Ein „göttlicher Auftrag“ spielt eine Rolle, aber auch Stimmen im eigenen Kopf. Auf der Burghof-Bühne tönen sie aus verschiedenen Lautsprechern, die im Halbkreis um den Schauspieler angeordnet sind. Eine griffige Idee des Sounddesigners Bernhard Greif, die recht beklemmend die Orientierungslosigkeit einer lädierten Psyche im selbst produzierten Stimmengewirr vorführt. Wie sich das Team um Regisseurin Karin Maßen überhaupt einiges hat einfallen lassen, um das desolate Innere des ersten „Herostraten“ der Popgeschichte nach außen zu kehren. Die moderne Burghof-Technik kommt dem zugute. So senkt sich zum Beispiel der Boden unter den Füßen des Protagonisten langsam nach unten ab. Der „Niemand“ muss sich anstrengen, um wieder hinauf ins Rampenlicht zu gelangen.

Im Lauf des Abends entledigt sich der Antiheld mehrerer übereinander getragener T-Shirts, aber auf jedem prangt Lennons Konterfei. Wie er sich auch häuten will: seiner Wahnwelt entkommt er nicht. In der Rolle des Mörders [Name durch Tempus fugit entfernt] ist Stephan Stock zu sehen, mit 25 Jahren so alt wie der Attentäter damals. „Heros“ ist zweifellos eine Herausforderung, Steierts moderne Variante des Königsmorddramas verlangt schauspielerisches Können. Schließlich steht im Zentrum das, was der 30-jährige Autor „die schwer fassbare Persönlichkeit“ des Mörders [Name durch Tempus fugit entfernt] nennt, ein so wechselhafter wie unberechenbarer Gemütszustand, der pausenlos zwischen Selbsthass und Größenwahn schwankt. Stephan Stock macht seine Sache gut. So gut, dass man als Zuschauer ab und zu überlegt, ob hinter der Fassade des Schauspielers nicht vielleicht doch ein irrer Prediger steckt.
 
  BZ vom 01.07.2011

Der Mann, der Lennon tötete

Das Theater Tempus fugit zeigt Björn Steierts Monolog "Heros" als Prolog für "Stimmen" 2011

"Ich bin vernünftig genug, den Wahnsinnigen zu spielen, auch vor mir selbst", sagt der "Niemand" kurz vor Schluss von der Bühne herab. Er ist der Antiheld schlechthin und steht für den Mann, der 1980 den damals 40-jährigen Beatles-Mitgründer John Lennon vor dessen New Yorker Wohnung erschoss. Die Schuld des Schützen stellt sich keine Sekunde in Frage, auch ihm selbst nicht, im Gegenteil. Als Motiv für das Unfassbare wird angenommen, der Mörder habe mit der Tat sowohl seine eigene Bedeutungslosigkeit für immer in den Schatten stellen als auch gleichzeitig am Nimbus des Getöteten teilhaben und fortan mit ihm in einem Atemzug genannt werden zu wollen.

Diese Sicht übernimmt auch das Stück des Lörracher Autors Björn Steiert und mit ihr die Geschichte gewordenen Details der Tat. Als Prolog zum diesjährigen "Stimmen"-Festival bringt das freie Theater Tempus fugit damit die vor drei Jahren mit dem Paula-Rombach-Literaturpreis ausgezeichnete Arbeit eines Theaternovizen zur Uraufführung auf die kleine Burghofbühne — und hat sich dafür einen alles andere als leichten Stoff ausgewählt. Steierts Werk spielt am Tag der Tat und bringt das fiktive Innenleben einer realen Person auf die Bühne. Ein kleiner Teil der Vorgeschichte spielt in diesen einzigen Tag hinein, die frühen, immer zu hohen Erwartungen einer vom Sohn eingenommenen Mutter etwa oder dessen von Anfang an als ausweglos erkannter Versuch, den Mord im Zwiegespräch mit sich selbst und dem Publikum vielleicht doch noch einmal abzuwenden.

Die theatralische Umsetzung des Stoffs hat indes an mehreren Fronten zu kämpfen, allem voran und allen Kürzungen zum Trotz an ihrer Textlastigkeit. Zwar verlangt die Rolle des Einpersonenstücks dem allein agierenden Schauspieler ein hohes Maß an Ausdrucksvariabilität ab. Stephan Stock als werdender Mörder, der einerseits noch über den vorderen Bühnenrand hinaus den aufdringlichen Charme des berufspositiven Entertainers versprüht, um sich wenig später im Bühnenhintergrund halb verängstigt, halb abweisend in seinen Kapuzenpullover zu vergraben, übt sich jedoch an einer Doppel- und Dreifachrolle, die eben das nicht ist. Zu deutlich wird da, dass sich das Publikum mit dem Bösen in keiner Minute identifizieren soll. Der Niemand bleibt so bis in jede Nuance die Person aus einem Guss, die er eigentlich nicht hätte sein sollen. Sein "Heros", zu dem ihn der Titel macht, ist selbstredend auch nur das irre Traumbild eines Mannes, der nicht einmal an den eigenen Wahnsinn glaubt.

Wo Stock das Bild des John Lennon auf seinem T-Shirt Grimassen schneiden lässt, gleich darauf dem eigenen Gesicht anpasst und anschließend wieder zerknüllt und von sich wirft, hat das dennoch eigenen Bühnenrang und steht, wie auch die wie von selbst agierenden Audioboxen für die Handschrift des Regie- und Sounddesign-Duos Karin Maßen und Bernhard Greif. Die ausgelagerte Tonebene strukturiert den vielfach gebrochenen Monolog nach Kräften und lässt einerseits die vom Ich getrennte Stimme des Niemands in mehreren Partien zu Wort kommen, fügt andererseits aber auch Original-Radiomeldungen vom Tag des Ereignisses ein sowie wenige Einspielungen aus Lennons musikalischem Werk.

Den Spagat, den Antrieb zur Tat zu vergegenwärtigen und den Täter ins Rampenlicht stellen, ohne diesem eine Bühne zu geben und so zum unfreiwilligen Erfüllungsgehilfen seiner Wünsche zu werden, kann das Stück dagegen nicht schaffen. Niemand wird zwar am Ende tatsächlich für jenen [Name durch Tempus fugit entfernt], der einen Menschen ermordet und darüber hinaus eine Identifikationsfigur für Millionen ausgelöscht hat, eine Kerze anzünden wollen. Dabei bleibt es aber, auch wenn "Heros" immer wieder daran erinnert, dass sein Niemand sich mehr als einmal geirrt hat: "Man ermordet üblicherweise den König, nicht den Gaukler", wendet eingangs eine seiner vielen Stimmen ein und vergisst dabei doch, dass es tatsächlich oft die Köpfe der Gaukler waren, die rollten, wenn die Herrscher sie nicht unterhaltend fanden.

Annette Mahro
 
  Die Oberbadische vom 1.7.11

Existenzielle Fragen eines Niemand

Prolog zum Stimmenfestival auf der Burghof-Bühne mit „Heros“
von Björn Steiert


Von Gabriele Hauger

Lörrach. Ein ganz Großer der Musikgeschichte, eine politische Stimme, der die Menschen zuhörten: Kein geringerer als Ex-Beatle John Lennon war Thema des Prologs „Heros“ zum Stimmenfestival.

Die Inszenierung von Tempus fugit-Regisseurin Karin Maßen nach einem Text des Lörracher Autors Björn Steiert feierte am Mittwochabend auf der Burghof-Bühne Premiere. Zurück blieb ein nachdenkliches Publikum.

1980 wurde John Lennon in New York von einem Menschen mit höchst fragwürdiger Persönlichkeit mit fünf Schüssen getötet. Der Mörder [Name durch Tempus fugit entfernt] ließ sich widerstandslos festnehmen und plädierte auf „nicht-schuldig“. Er ist ein zerrissener Typ, wird als geradezu gespaltene Persönlichkeit gezeigt, beherrscht und bedrängt von inneren Stimmen, schwankend zwischen Eitelkeit, Hass und Selbstmitleid.

Der gebürtige Rheinfelder Stephan Stock übernimmt die anspruchsvolle Solo-Rolle und glänzt mit konzentriertem, intensiven Spiel. Dabei kann er auf innovative Regieideen bauen: Original-Nachrichten über das Attentat werden eingespielt, ebenso Aufnahmen von Lennon selbst. Stimmen, die im Wechsel aus verschiedenen Lautsprecherboxen tönen, unterstreichen die multiple Persönlichkeit des Mörders und die facettenreichen Ereignisse zwischen Fakten und Fiktion (Sounddesign: Bernhard Greif).

Originell ist auch, wenn Stock, der wechselnde T-Shirts mit dem Konterfei Lennons trägt, das Gesicht des Musikers quasi zum Leben erweckt, indem er es über sein eigenes zieht. Ein sich hebender Bühnenboden lässt den Täter fast verschwinden hinter einer Mauer aus Selbstgerechtigkeit und Welthass.

Eingespielt wird das Lied, das wohl am deutlichsten die friedvolle Politik Lennons mit seiner brutalen Ermordung kontrastiert: „Imagine“. Der Mörder wendet sich direkt an das Publikum. Sein Monolog ist eine Litanei des Hasses und Selbsthasses, der Enttäuschung und der Anklage. Er bezeichnet sich selbst als ein Niemand. Er will sich durch das Töten einer charismatischen Identifikationsfigur selbst etwas von diesem Charisma einverleiben. „Ich werde teilhaben an seinem Ruhm.“ Und so ist „Heros“ mehr als nur eine Auseinandersetzung mit dem damaligen Attentat. Hinterfragt wird generell das Bedürfnis nach Anerkennung, nach der eigenen Bedeutung, nach der Präsenz in den Medien. Und der Wunsch der Menschen nach einer ehrlichen Identifikationsfigur, die sie nicht enttäuscht, die sich nicht korrumpieren lässt - die Suche nach einem Idol.

Aufgeworfen wird auch die Frage, was man aus seinem Leben, seinen „Startbedingungen“ macht. Heftig geht der Attentäter die Zuschauer an, stellt kritische, provozierende, geradezu existenzielle Fragen. Warum bereitet uns ein Toter solches Entsetzen - angesichts Millionen unschuldig Sterbender weltweit?

Der Mörder gibt anderen die Schuld an seinem Tun: Lennon, den Drogen, dem Christentum. „Eigentlich ist Gott schuld, aber den kann ich nicht erschießen.“ Ohne Reue erhebt sich dieser Niemand über alle anderen und entzieht sich der Verantwortung. Dem durchaus nachvollziehbaren Wunsch, etwas Großes zu schaffen, unvergesslich und berühmt zu werden, der aktueller denn je scheint - die Casting-Wellt lässt grüßen - findet im Lennon-Mörder seine pervertierte Ausprägung. Keine leichte Kost, viel Anregung zum Nachdenken.

Termine: bis 3. Juli, jeweils um 20.30 Uhr, auf der Burghof- Bühne (Hintereingang)
 
  BZ vom 29.06.2011

Ein Niemand, der sich über alle erhebt

Stimmen-Prolog auf der Theaterbühne: die Erstaufführung des Lörracher Autors Björn Steiert

Bob Dylan war schon da, Joan Baez und Neil Young, diesmal kommt John Lennon. Anders als seine Kollegen kann eine der berühmtesten Stimmen unserer Zeit zwar nicht anders als nur Reminiszenz bleiben. Der Prolog im Theater, den sich das Lörracher Stimmen-Festival 2011 erstmals gewährt, lässt den über der Geschichte schwebenden Beatles-Gründer selbstverständlich, obgleich konserviert, musikalisch zu Wort kommen. Daneben spricht aber ausgerechnet derjenige allein, der die Jahrhundert-Stimme für immer stumm gemacht hat.

Als der neben Paul McCartney wohl berühmteste Liverpooler am 8. Dezember 1980 in New York erschossen wird, lässt sich sein Mörder anschließend ohne Gegenwehr festnehmen und plädiert vor Gericht später selbst auf schuldig. Während der echte Lennon-Mörder offenbar nicht zuletzt auch wahnhafte religiöse Motive hatte, steht in Björn Steierts jetzt zum Stimmen-Auftakt uraufgeführtem Stück "Heros" der Glaube im Mittelpunkt, durch das Auslöschen des Idols selbst, wenn auch negativiert, an dessen Ruhm teilzuhaben. Aus dem bis dahin glück- und erfolglosen Niemand (Stephan Stock), soll ein Jemand werden.

"Ich wollte ihm in meinem Stück bewusst nicht den Stellenwert eines Namens zugestehen" , sagt der Lörracher Autor über seine Figur und schließt sich damit an ein antikes Urteil an, das den Hirten Herostratos auf ewig strafen sollte. Der hatte, offenbar aus ähnlichen Gründen wie der Lennon-Mörder den Tempel der Artemis in Ephesos angezündet. Das Gerichtsurteil, das neben der Todesstrafe verfügte, dass weder seine Tat noch sein Name je wieder genannt werden dürften, führte nicht zum Erfolg. Wie Herostratos hat es auch die Figur des [Name des Mörders] Mörders* zu mehr als einem ausführlichen Wikipedia-Eintrag gebracht.

Das Streben irgendwann einmal, und sei es nur für einen Augenblick, im Rampenlicht zu stehen, berühmt werden zu wollen um jeden Preis, dieser Gedanke spiele doch gerade heute, sagt Björn Steiert, eine wichtige Rolle. Wo eine Castingshow auf die nächste folge und es egal sei, ob der Weg zum Ruhm über das Sich-lächerlich-Machen führe oder im hier auf die Bühne gebrachten Extremfall, gar über einen Mord, steht für ihn der Zeitbezug auch mehr als 30 Jahre danach außer Frage. "Die Schnittmenge mit dem, was tatsächlich passiert ist, war für mich deshalb nicht das Wesentliche im Stück", erklärt der Autor, der mit dem 2008 bereits durch den Paula-Rombach-Literaturpreis ausgezeichneten "Heros" erstmals ein Stück auf die Bühne bringt.

Stimmen-Chef Helmut Bürgel, der sich das Einpersonenstück zum Festival-Auftakt vorstellen konnte, hatte die Verbindung zu Karin Maßen und Tempus fugit hergestellt. Insgesamt sei dann eine echte Teamarbeit daraus entstanden, erzählt die Leiterin des Lörracher freien Theaters am Rand der Bühne. Ihr selbst kam die Erfahrung mit einer Vielzahl von oft nicht ursprünglich für die Bühne konzipierten klassischen Stoffen zu Hilfe. Der für die Musikregie verantwortliche Bernhard Greif fand die Lösung, wie ein Teil der in mehrere Gesichter und Persönlichkeiten zerfallende Figur des "Niemand" auf die Bühne zu bringen sei, während die Burghof-Technik dem in der eigenen Bedeutungslosigkeit Versinkenden schließlich den Boden unter den Füßen zu entziehen wusste.

Als einen Versager, eine "verkrachte Ballastexistenz" sieht sich der Protagonist in Steierts "Heros" einerseits, gleichzeitig fühlt er sich vom Schicksal mehr als ungerecht behandelt. Selbst die Jugend seines Idolopfers könnte schwieriger gewesen sein als seine eigene. Nicht einmal wirklich bedeutungsvolles Unglück ist er dem Leben bisher Wert gewesen. Der Niemand fühlt sich nicht, will sich zugleich aber über alle anderen, auch über sein Publikum erheben: "Ich muss erst noch beweisen, dass ich existiere, und zwar in einem höheren Sinn als Ihr." Publikumsbeschimpfungen von der Bühne herab sind aus der Mode gekommen. Diesmal buhlt einer um die Gunst der Zuschauer, der am besten weiß, dass er sie nicht bekommen kann.

Mittwoch, 29. Juni, bis Sonntag, 3. Juli, jeweils 20.30 Uhr, Burghof Lörrach, kleine Bühne, Vorverkauf: BZ-Geschäftsstellen

*Änderung durch Tempus fugit
 
  Die Oberbadische vom 29.6.11

Prolog zum Stimmenfestival:
Heute Premiere von „Heros“


Am 8. Dezember 1980 wurde der Musiker John Lennon ermordet. Der Lörracher Autor Björn Steiert hat mit seinem Stück „Heros“ die Ermordung des erfolgreichen Musikers und Idols thematisiert und damit 2008 den ersten Preis des Paula-Rombach-Literaturwettbewerbs gewonnen. Beim Stimmenfestival wird die Umsetzung des Stücks als Prolog als deutschlandweite Premiere gezeigt (wir berichteten bereits ausführlich). Regie führt Karin Maßen vom freien Theater Tempus fugit. Stephan Stock spielt die Hauptrolle.

Im Mittelpunkt steht die Figur des Attentäters, der sich als „Niemand“ empfindet. Das Streben, um aus der Anonymität der Masse herauszustechen, ist aktueller denn je. Eine wichtige Rolle bei der Inszenierung kommt der Musikregie (Bernhard Greif) zu, die das Lebenswerk Lennons eigenständig mit einbezieht. Die Soundquelle dient dem Darsteller als akustischer Gegenpart auf der Bühne.

 
  Die Oberbadische vom 25.6.11

"Der Niemand", der John Lennon tötete

Theaterstück „Heros“ des Lörracher Autors Björn Steiert feiert beim Stimmen-Festival Premiere

Von Jürgen Scharf

Lörrach. Der Mann, der John Lennon getötet hat: Über den Attentäter, der 1980 den Ex- Beatles-Gitarristen erschossen hat, verfasste der Lörracher Autor Björn Steiert (30) ein Theaterstück, das als Prolog beim Stimmenfestival im Burghof seine Deutschlandpremiere erlebt. Die Hauptrolle wurde mit dem 25-jährigen Stephan Stock besetzt, der etwa in dem Alter ist, in dem der Täter damals war. Steiert hat für sein Stück „Heros“ bereits 2008 den ersten Preis des Freiburger Paula-Rombach-Literaturwettbewerbs gewonnen.

Burghofchef Helmut Bürgel, dem Steiert sein Buch vorgelegt hat, war beeindruckt. So bietet sich jetzt die Chance, das Ein-Mann-Stück auf der Bühne umzusetzen. Dabei stellt sich die Frage: Kann man einer so negativ besetzten Figur eine solche Bühne geben? Steiert ist der Ansicht, dass diese Figur nicht richtig fassbar ist und sich daher als Projektionsfläche anbietet. Den Namen des Mörders – […] - unterschlägt der Autor bewusst. So viel Ehre will er ihm nicht zukommen lassen, Daher heißt er nur „der Niemand“. Diese Bezeichnung geht auf eine Äußerung […] des Täters* zurück, der beim Verfahren sagte: „Ich war ein Niemand und wollte, dass man mich beachtet“. Die Gutachter urteilten, dass Lennons Mörder vom Drang nach Ruhm und Bekanntheit getrieben werde. Er wollte eine Berühmtheit töten, um selbst berühmt zu werden.

Was für ein Stoff für ein Theaterstück! Fast schon mit antikischer Wucht. Nicht von ungefähr hat Steiert ihm den Titel „Heros“ (Held) gegeben, was auch einen Bezug zu dem Griechen Herostrat hat, der den Tempel von Ephesus angezündet hat, um berühmt zu werden. Obwohl John Lennon nie auftritt, ist er stets präsent: sein Leben, sein Werk. Der Niemand, der gern ein Jemand wäre, reflektiert über sein früheres Idol und seinen Hass und die Aggression gegen den Musiker in großen Monologen und zeigt sich als gespaltene Persönlichkeit. Das Dialogische und die ständige Ansprache ans Publikum sind neben den Selbstgesprächen ein wichtiges Stilelement in Steierts Stück und beschwören eine alptraumartige Stimmung herauf. Das Erzählende in diesem an sich langen, abendfüllenden Theaterstück wurde von der Regisseurin Karin Maßen („Tempus fugit“) in einer auf 70 Minuten ohne Pause gekürzten Spielfassung zugunsten von Elementen des Darstellerischen zurückgenommen, wo der Schauspieler in Aktion treten kann.

Für den jungen Autor, der gerade seine Dissertation in Germanistik über Michael Ende verfasst, neben dem Lennon-Drama auch Lyrik und Prosa geschrieben hat und von dem auch einzelne Texte schon in Anthologien und Zeitschriften erschienen sind, bedeutet es schon etwas sehr Besonderes, seinen Psychothriller in seiner Heimatstadt auf professionelle Weise inszeniert zu sehen - noch dazu im Rahmen des Festivals.

„Ja, da freue ich mich einfach drauf“, sagt Steiert, „ich bin neugierig, was tatsächlich daraus wird“. Vor allem, was er Neues durch Regie und Schauspieler sehen kann. Gespannt ist er auch, wie die Sprache, das gesprochene Wort wirkt. Dass es ein wirkungsvolles Stück ist, davon ist Björn Steiert überzeugt, und er hofft, dass sich auch andere Bühnen dafür interessieren. Das Thema spreche nicht nur eine bestimmte Generation an, nicht nur Flower-Power und Hippiezeit, sondern sei zeitlos aktuell: „Man kann ohne Kenntnis der Beatles in „Heros“ gehen“.

Premiere von „Heros“ am 29. Juni, Burghof Lörrach; weitere Aufführungen
bis 3. Juli, jeweils 20.30 Uhr


*Änderung durch Tempus fugit
 
 
  Fotos
   
 
Foto: Elisabeth Wenk
   
  Bei den Proben am 21. Juni 2011
   
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
   
  Generalprobe am 28. Juni 2011
   
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
  Fotos: Thomas Quartier
   
 
 
Es spielen:
 
 
Regie Karin Maßen
   
Schauspiel Stephan Stock
   
Sounddesign Bernhard Greif
Regieassistenz Elisabeth Wenk
Text Björn Steiert
Lichtdesign/Produktionsleitung Mark Searle
Plakat/Programmgestaltung Patrick Maßen & Silvan Hahn
Programmheftredaktion Elisabeth Wenk
Organisation Thorsten Blank
Fotos Thomas Quartier
Video Patrick Maßen
 
Burghof Technikerteam - Natalie Asal, Ingo Weisner, Robert Leckelt
 
Wir danken ganz herzlich:

Dem Stimmen-Festival und der Burghof Lörrach GmbH für die gute Zusammenarbeit und für die Chance zu dieser Produktion. Dem Autor Björn Steiert für die zahlreichen Gespräche und Informationen. Der Matthäus Gemeinde Lörrach für die Bereitstellung der Proberäume in „Notzeiten“. Der Sparkasse Lörrach sowie allen Sponsoren und Paten für ihre Unterstützung.

 
   
 
 

 

 

 

IMPRESSUM

 

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