aktuelle Inszenierung:


Freies Theater Tempus fugit

 

   
 
 

"Der Belagerungszustand"
von Albert Camus

Regie: Vaclav Spirit

 


 

   
   
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  zum Stück:

Die symbolischen Gestalten „Pest“ und ihre „Sekretärin“ ergreifen in einer Stadt die Macht. Gemeinsam errichten sie einen tödlichen Machtapparat, der alles Leben und Sterben einer absurden Ordnung und Willkür unterwirft. Die Liebe wird ausgerottet, der Mensch zum Funktionär der Staatsmaschinerie erniedrigt. Undurchsichtige technokratische Bürden und Massenhinrichtungen dienen der systematischen Zermürbung der Bevölkerung. Der Ausnahmezustand wird zum dauerhaften Prinzip.

Während sich die alte Regierung sofort mit der neuen Herrschaft arrangiert und fast alle Bürger sich ihr unterwerfen, leistet nur der junge Arzt Diego Widerstand: Er verzichtet auf das private Glück und verhandelt mit den neuen Machthabern, um die Stadt zu retten. Sein freiwilliger Untergang zwingt das Regime der Pest zum Abzug. Doch die Bedrohung bleibt.

Camus‘ Belagerungszustand behandelt die zentralen Fragen des Existenzialismus und stellt die Absurdität des menschlichen Daseins zur Schau. Das Stück entstand unter dem Einfluss der deutschen Besatzung Frankreichs Anfang der 1940er Jahre und wurde 1948 in Paris uraufgeführt. Die zentralen Themen – Bürokratie, Willkür, totalitäre Herrschaft und Faschismus – sind jedoch zeitlos und noch immer aktuell.
 
  zum Autor:

Albert Camus (1913 - 1960) war ein, aus Algerien stammender, französischer Schriftsteller und Philosoph und gilt neben Sartre als einer der Vordenker des Existenzialismus. Er studierte an der Universität von Algier Philosophie und trat 1934 der Kommunistischen Partei bei. Im Jahr darauf gründete er mit anderen linken Intellektuellen das "Theater der Arbeit", für das er erste Bühnenstücke verfasste. 1937 brach er mit der KP, arbeitete als Journalist und siedelte 1940 nach Paris über, welches bald zu seinem ständigen Wohnsitz wurde. Von hier aus leitete er auch 1944/45 die Untergrundzeitung „Combats“, ein wichtiges Organ der französischen Résistance.

1942 erschienen sein Roman Der Fremde und der Essay Der Mythos von Sisyphos, die Camus' literarische Bekanntheit begründeten. Zu seinen Hauptwerken gehören neben seinen Theaterstücken vor allem Die Pest (Roman, 1947), Der Mensch in der Revolte (Essays, 1951) und Der Fall (Roman, 1956). In Der Belagerungszustand - wie auch in Die Pest - reflektiert Camus eigenes biographisches Material und beide Werke stellen letztlich ein Plädoyer für menschliche Solidarität und den Kampf gegen Tod und Unterdrückung dar. Wie der Autor aber selbst immer wieder betonte, so ist Der Belagerungszustand - trotz allen Ähnlichkeiten - „in keiner Weise eine Bühnenbearbeitung [s]eines Romans Die Pest“ (Camus).


 
  zur Gruppe:

Die dreizehn Spielerinnen und Spieler nehmen an der einjährigen Multiplikatorenausbildung in Theaterpädagogik, Schauspiel und Kulturmanagement bei Tempus fugit teil. Die Ausbildung sieht u.a. die gemeinsame Erarbeitung eines Theaterstücks in einem kompakten vierwöchigen Probenprozess mit einer anschließenden Regionaltournee vor. Ziel der täglichen Probenarbeit ist es, die Entstehung eines Stückes künstlerisch und organisatorisch in seiner Ganzheit erfahrbar zu machen, schauspielerische Fähigkeiten zu verfeinern und wertvolle Kenntnisse in der Rollenarbeit zu vermitteln.

Wie in den vergangenen Jahren inszenierte Vaclav Spirit - Regisseur der Theatergruppe „Gut & Edel“ - das Theaterstück im Rahmen der Multiplikatorenausbildung. Es ist seine bislang fünfte Gastregie bei Tempus fugit.



 
  Presse
   
  BZ vom 21.02.2011

Kein Platz für Liebe im Stück von Camus

Ensemble Tempus fugit präsentiert "Der Belagerungszustand" im Bürgersaal des Rathauses

RHEINFELDEN (BZ). Am Mittwoch, 23. Februar, und am Freitag, 25. Februar, jeweils um 20 Uhr, tritt das Ensemble Tempus fugit auf Einladung des Kulturamtes im Bürgersaal des Rathauses mit dem Stück "Der Belagerungszustand" unter der Regie von Vaclav Spirit auf.

In dem Stück aus der Feder von Albert Camus ergreifen die symbolischen Gestalten "Pest" und ihre "Sekretärin" in einer Stadt die Macht. Gemeinsam errichten sie dort einen tödlichen Machtapparat mit Wachturm und Stacheldraht, Parolen, Massenhinrichtung und Todeskommandos. Die Liebe wird ausgerottet, der Mensch wird zum Funktionär der Staatsmaschinerie erniedrigt. Das alte Regime arrangiert sich sofort mit der neuen Herrschaft und fast alle Bürger unterwerfen sich. Nur der junge Arzt Diego leistet Widerstand. Er verzichtet auf sein privates Glück und verhandelt mit den neuen Machthabern, um die Stadt zu retten.
Albert Camus schrieb das Stück unter dem Einfluss der Besetzung Frankreichs durch Nazi-Deutschland. 1948 erfolgte die Uraufführung in Paris. Doch die Themen des Stücks wie Bürokratie, Despotie, Willkür, Totalitätsregime, Unrechtstaat besitzen auch in der heutigen Zeit Aktualität.
 
  Die Oberbadische vom 1.2.11

In der ewigen Schleife des Grauens

Tempus fugit spielt „Der Belagerungszustand“ von Albert Camus / Inszenierung von Vaclav Spirit

Von Beatrice Ehrlich

Weil am Rhein. Dass sie anderen erfolgreich auf die Bühne helfen können, haben die in Ausbildung befindlichen Multiplikatoren des Freien Theaters Tempus fugit bereits vielfach unter Beweis gestellt. Heute sind sie selbst dran. In nur vierwöchiger Probenarbeit haben die künftigen Theaterpädagogen das Werk „Der Belagerungszustand“ von Albert Camus einstudiert. Regie führte Vaclav Spirit.

Ein schwacher Gouverneur und seine rechte Hand, die Bürgermeisterin, übergeben aus Angst und mangelnder Courage alle Macht einem fiesen Gesellen, der sich „die Pest“ nennt. Auf was sie sich da eingelassen haben, wird im Folgenden deutlich: Tag für Tag zieht der neue Herrscher, in seiner ganzen Heimtücke grandios ekelhaft dargestellt von Fabian Müller, demVolk die Daumenschrauben fester an. Ihm zur Seite steht sein ausführendes Organ, eine Sekretärin, die gleich von vier jungen Frauen (Daniele Hasche, Vivien Prahl, Larissa Probst, Elisabeth Wenk) gespielt wird.

Dieser Trick verstärkt den Eindruck von der Hilflosigkeit derjenigen, die diesem grausamen, blutrot gewandeten Quartett ausgeliefert sind. Wenn es sie gelüstet, dann ziehen sie einfach ein Blöckchen aus der Tasche und „streichen“ die betreffende Person. Schluss. Ende. Das neue System unterwirft die Menschen einer unentrinnbaren bürokratischen Kontrolle.

Eine der wenigen Lichtgestalten ist die Fischersfrau (Franziska Heining), die sich zumindest vor ihren stumm und dumm dastehenden Mitbürgern mit lauter Stimme zur Wehr setzt, wenn auch ohne jegliches Echo.

Die Bühne ist minimalistisch, einige Blöcke, eine Kleiderstange im Hintergrund, an der sich die Schauspieler umziehen. Ein finsteres Labor ist das, in dem die Menschen einem tödlichen Virus ausgesetzt werden, der bald alles lähmt. Auch die Farben sind reduziert. Nur das Rot hebt sich als Farbe des Bedrohlich-Bösen vor der grauen Eintönigkeit des gemeinen Volks ab. Es kommt nicht so sehr auf die Darstellung von Persönlichkeiten an, sondern auf das Entwerfen recht grobschlächtiger Charaktermasken: Der Opportunist, der Zyniker, der entehrte Mann. Der zynische Trinker mit dem trostlosen Namen „Nada“ (spanisch für: das „Nichts“), hervorragend gespielt von Eva Hintermaier, und seine närrische Doppelgängerin (Petra Jeroma) lassen sich von den neuen Machthabern vor den Wagen spannen, hantieren wie die Irren mit Erlässen und schikanieren das Volk, von dem sie einst mit Füßen getreten wurden. Die Parallelen zum Nationalsozialismus sind deutlich. Camus schrieb das Stück vor dem Hintergrund der deutschen Besatzung, benennt ihre Methoden: Sprechverbot, Hunger, Denunziation und Konzentrationslager.

Das „Happy End“ – dem jungen Liebenden Diego gelingt es, die anderen zu einer Revolte gegen „die Pest“ anzustacheln – täuscht darüber hinweg, dass für Camus der Mensch trotz allen Aufbegehrens Einzelner in seiner Misere gefangen bleibt. Auf den Terror folgt nur wieder die ewige Eintönigkeit des korrupten „Es darf nichts passieren“- Regimes, die, man ahnt es schon, bald wieder von neuem Terror abgelöst werden wird. Dem Ensemble ist es gelungen, trotz dieses schwierigen Stücks, dem die inhaltliche Dynamik weitgehend abgeht, beim Publikum eine Saite ins Schwingen zu bringen.

Weitere Termine: 23. und 25. Februar, 20 Uhr, Bürgersaal Rheinfelden; 4. bis 6. März, 20 Uhr, Aula HTG Lörrach, Karten unter Tel. 07621/1675476
 
  BZ vom 31.01.2011

Ein Kraftpaket mit Bravour

Vaclav Spirit inszeniert mit dem Theater Tempus fugit Albert Camus’ "Belagerungszustand"

Die Pest und ihre Sekretärin, der Tod, ergreifen die Macht in der kleinen spanischen Stadt Cádiz. Gemeinsam errichten die beiden allegorischen Gestalten einen tödlichen Machtapparat, der alles Leben einer absurden und willkürlichen Ordnung unterwirft. Gefühle werden ausgerottet, der Mensch zum Funktionär der Staatsmaschinerie erniedrigt. Der Ausnahmezustand wird in Albert Camus Theaterstück "Der Belagerungszustand" zum dauerhaften Macht- und Gesellschaftsprinzip. Vaclav Spirit griff den 70 Jahre alten Stoff auf und inszenierte ihn mit den Teilnehmern der Multiplikatorenausbildung von Theater fugit. Am Freitag war Premiere im Weiler Kesselhaus.

Ihre Aktualität ist es, die Theaterstücke als Vorlage für heutige Inszenierungen legitimiert. Doch wenn man danach sucht, ist in den meisten Stücken mindestens ein Thema oder eine Figur zu finden, die mit der Gegenwart irgendwie zu tun hat. Beim "Belagerungszustand" von Albert Camus muss man die aktuellen Bezüge allerdings nicht an den Haaren herbeiziehen, denn das unter dem Eindruck der deutschen Besatzung Frankreichs entstandene Stück ist zwar in seinem eifrigen Idealismus und der Ernsthaftigkeit seiner existenziellen Fragen nicht mehr ganz am Zahn der Zeit, doch ist es reich an Verbindungen zu Gesellschaft, Politik und Bürokratismus der Behörden, wie man sie heute oder immer schon kennt.

Aber es gibt nicht nur Ja-Sager bei Camus: Während sich die alte Regierung mit der neuen Herrschaft arrangiert und fast alle Bürger sich ihr unterwerfen, leistet wenigstens der junge Arzt Diego (Marius Klingenstein) Widerstand. Er ist bereit, auf das private Glück mit seiner großen Liebe Victoria (Anne Dahl) zu verzichten, und verhandelt mit den neuen Machthabern, um die Stadt zu retten. Sein freiwilliger Tod zwingt die Pest (Fabian Müller) zum Abzug. Doch die Bedrohung bleibt und die alten Machthaber sind die gleichen geblieben, von ihnen ist bei erneuter Gefahr für die Stadt keine Hilfe zu erwarten, so das pessimistische Ende des Stücks.

Während der Text neben den Bürgern von Cádiz, die den Chor bilden, mit neun Figuren auskommt, um diesen gesellschaftlichen und politischen Kosmos im Ausnahmezustand darzustellen, sind bei Vaclav Spirit 21 Charaktere im Spiel. Die 13 Jungschauspieler spielen also teilweise mehrere Rollen, die Herausforderung der schnellen Rollen- und Kostümwechsel meistern sie bravourös. Dass die Kleiderstange, auf der die zu wechselnden Kostüme aufgehängt sind, mitten auf der Bühne steht, erleichtert das schnelle Umziehen und ist gleichzeitig ein ironischer Fingerzeig von Spirit, der auch für das Bühnenbild verantwortlich ist, auf den illusorischen Charakter von Theater.

Mit den zusätzlichen Charakteren involviert der Regisseur aber nicht nur alle 13 Teilnehmer der einjährigen Multiplikatorenausbildung in das Geschehen, sondern schafft auf der Bühne auch die menschliche Masse, die die Gefahren von deren Anonymität und dem durch sie möglichen Mitläufertum besonders deutlich machen. Die Rolle der schamlosen Sekretärin der Pest hat Spirit auf vier Schauspielerinnen aufgeteilt, die des opportunistischen Säufers Nada teilen sich in großartiger Besetzung Eva Hintermaier und Petra Jeroma. Das einvernehmliche Zwiegespräch des Bösen und seine Bedrohung bekommen damit noch mehr Präsenz und machen auch diese Inszenierung aus dem Hause Tempus fugit zu einem pädagogischen wie inszenatorischen Kraftpaket.

— Weitere Aufführungen: 23. und 25. Februar, 20 Uhr, Bürgersaal Rheinfelden, 4. bis 6. März, 20 Uhr, Aula des Hans-Thoma-Gymnasiums Lörrach, Reservierung: 07621/1675476, E-Mail: ticket@fugit.de

 
  Der Sonntag vom 30.1.11

Bürgersinn gegen Dämonie

Das freie Theater Tempus fugit zeigt Albert Camus‘ „Belagerungszustand“ – und schafft eine bewahrende Aktualisierung

Zeitlose Theaterstücke zeichnen sich gemeinhin dadurch aus, dass sie immer wieder aufs Neue aktuell sind. Entscheidend ist dabei nicht nur der Stoff alleine, sondern stets auch seine Vermittlung auf der Bühne. Nun zeigt das freie Theater Tempus im Weiler Kesselhaus Albert Camus‘ „Belagerungszustand“ — ein Lehrstück für Publikum und Schauspieler zugleich. Und mit seiner Inszenierung ist es dem Gastregisseur Vaclav Spirit gelungen, das Publikum zu begeistern, ohne aus dem existentialistischen Drama Camus‘ zwangsläufig ein Gegenwartsstück zu basteln.

Dabei hätte gerade die Besetzung des Stücks mit 13 jungen Darstellern des Theaters Tempus fugit durchaus eine derartige Interpretation nahe gelegt. Gerade durch den Verzicht auf den expliziten Gegenwartsbezug aber gewinnt die Inszenierung an Glaubwürdigkeit — und die braucht es auch.

Camus ist schließlich keine leichte Kost, dem in Algerien geborenen Franzosen geht es um die Absurdität des menschlichen Daseins. So auch im „Belagerungszustand‘ einem Stück, das während der Zeit der deutschen Besetzung Frankreichs im zweiten Weltkrieg entstand. Es geht um Macht und Willkür, um Mitläufer und verliebte Idealisten und auch darum, dass Geschichte sich schon alleine deshalb wiederholt, weil sich im Grunde nie etwas ändert. Das Stück endet, wie es angefangen hat. Stolz verkündet der Gouverneur, alles sei in bester Ordnung, so lange alles beim Alten bleibt.

Dabei haben der Regisseur und sein Ensemble das Bühnenstück ordentlich aufgemöbelt. Originell ist die Besetzung der Rolle der Sekretärin, die als personifizierter Tod in Erscheinung txitt. Spirit hat ihren Part auf vier Darstellerinnen aufgeteilt, ein dämonisches Damenquartett in lasziver Pose. Gemeinsam mit der Figur Pest (Fabian Müller) haben sie einen bürokratischen Machtapparat erschaffen, der Leben und Sterben einer absurden und vollkommen willkürlichen Ordnung unterwirft. Die Pest verkündet mit entsetzlicher Fratze: „Das Schicksal ist gebändigt, es hat ein Büro bezogen.“

Die Bürger der Stadt werden dazu gezwungen, sich in einem undurchsichtigen, technokratischen Staatsapart voll sinnloser Verordnungen zurecht zu finden. Über das sinnlose Abmühen einzelner urteilt höhnisch
das dämonische Gespann: "Wenn das Verbrechen Gesetz wird, ist es kein Verbrechen mehr.“

Zwei Alternativen zur Unterwerfung zeigt das Stück allerdings auf. Den beiden Protagonisten, die als Gegenpol zur allgemeinen Masse in Erscheinung treten, gelingt zwar nur ein Etappensieg, dennoch bringen sie die Maschine kurzweilig ins Stocken. Der eine ist Diego, der mit Liebe gegen die Resignation an geht, der andere Nada (spanisch: Nichts) — ein zynischer Säufer, der vom Leben eben so wenig erwartet wie vom Tod.

Trotz der düsteren Prognosen wirkt Spirits Inszenierung dennoch stets lebendig, zuweilen sogar packend. Es ist dem Ensemble gelungen, auch die ironischen Zwischentöne herauszuarbeiten, aufgebrochen wird das Stück auch durch musikalische und akrobatische Einlagen, Pantomime und Gesang. Die gestalterische Vielfalt kommt nicht von ungefähr: Alle 13 am Stück mitwirkenden Akteure sind Teilnehmer der einjährigen Multiplikatorenausbildung in Theaterpädagogik, Schauspiel und Kulturmanagement bei Tempus fugit. Vier Wochen lang haben sie das Stück gemeinsam erarbeitet mit dem Ziel, dieses nicht nur auf einer Regionaltournee (die nächste Station ist Rheinfelden) aufzuführen, sondern dabei auch die Theaterarbeit in Gänze kennen zu lernen.

JULIA JACOB
 
  Wochenblatt vom 26.1.11

Tempus fugit präsentiert

13 junge Schauspieler erarbeiteten innerhalb von vier Wochen ein Theaterstück


Landkreis. Dreizehn junge Leute durchlaufen gerade eine Multiplikatorenausbildung beim Freien Lörracher Theater Tempus fugit. Diese Ausbildung dauert ein Jahr und basiert auf drei Säulen: Theaterpädagogik, Schauspiel und Kulturmanagement. So erlernen sie hier nicht nur Schauspiel an sich, sondern auch andere Facetten des Theaterdaseins.

Die Auszubildenden sind zum größten Teil junge Leute, die gerade mit der Schule fertig geworden sind, und das Ausbildungsjahr als Orientierungsphase nutzen. Dabei können sie für sich herausfinden, was genau sie im Theater machen möchten.

Neben dem Unterricht nehmen sie an unterschiedlichen Trainings wie Stimm-, Körper- oder Rhythmustraining sowie an Projekten von Tempus fugit teil. Bei diesen Projekten können sie das Gelernte gleich umsetzen. Ein Praktikum bei Tempus fugit ist seit 2003 möglich. Eine Ausbildung wird hier erst seit vier Jahren angeboten. Im Rahmen der Ausbildung erarbeiten die Praktikanten innerhalb von vier Wochen ein Theaterstück, mit dem sie anschließend auf Regionaltournee gehen.

„Ziel der täglichen Probearbeit ist es, die Entstehung eines Stückes künstlerisch und organisatorisch in seiner Ganzheit zu erfassen, schauspielerische Fähigkeiten zu verfeinern und wertvolle Kenntnisse in der Rollenarbeit zu erlernen,“ erklärt Regieassistent Tim Krause. Inszeniert wird das Stück vom Regisseur Vaclav Spirit.

In diesem Jahr hat er das Stück von Albert Camus „Der Belagerungszustand“ ausgesucht. Es wird viele Massenszenen geben, verrät der Regisseur, immerhin wirken 13 Personenmit. Zum Stück: Die symbolischen Gestalten „Pest“ und ihre „Sekretärin“ kommen an die Macht und unterwerfen die ganze Stadt. Nur der junge Arzt Diego leistet Widerstand. Musikalische Leitung übernimmt Anne Ehmke. Sie sei mit dem musikalischen Talent des Projekt-Teams sehr zufrieden. Die meisten Gesangspassagen seien spontan bei den Proben entstanden, erklärt Ehmke.

Aufgeführt wird „Der Belagerungszustand“ am 28., 29., 30., 31. Januar im Kesselhaus, Weil Am Rhein, am 23. und 25. Februar im Bürgersaal Rheinfelden und am 4., 5. und 6. März im Hans-Thoma- Gymnasium in Lörrach. Beginn ist jeweils um 20 Uhr. (irs)
 
  BZ vom 25.01.2011

Alles für das Theater lernen

Multiplikatoren von Tempus fugit produzieren mit Vaclav Spirit

von unserer Mitarbeiterin Claudia Gabler

LÖRRACH. Seit vier Jahren gibt es die Multiplikatorenausbildung beim freien Lörracher Theater Tempus fugit. Dreizehn junge Leute können hier pro Spielzeit eine zwölfmonatige Ausbildung in den Bereichen Theaterpädagogik, Schauspiel und Kulturmanagement machen. Damit sollen die jungen Menschen befähigt werden, selbstständig Theaterprojekte auszuführen.

In jedem Jahr nehmen alle Teilnehmer der Ausbildung gemeinsam an einer Stückproduktion teil. Innerhalb der seit September 2010 laufenden Ausbildungsphase ist dies die Inszenierung von Albert Camus’ Stück "Der Belagerungszustand" in einer Inszenierung von Gastregisseur Vaclav Spirit, die am 28. Januar im Weiler Kesselhaus Premiere hat.

Die Ausbildung bei Tempus fugit sieht unter anderem die Erarbeitung von Stück und Inszenierung innerhalb eines kompakten vierwöchigen Probenprozesses plus eine anschließende regionale Tournee der Produktion vor. Dabei ist das Team in sämtliche organisatorische Aufgabenbereiche des Theaters eingebunden — von der Produktionsleitung, über Bühnenbau bis zum Kulturmarketing. Ziel der Probenarbeit ist es, die Entstehung einer Produktion von Anfang bis Ende für die jungen Menschen künstlerisch und organisatorisch erfahrbar zu machen, schauspielerische Fähigkeiten zu verfeinern und Kenntnisse in der Rollenarbeit zu vermitteln.

So kann die Lörracher Ausbildung zu einer praxisbezogenen beruflichen Orientierung beitragen — viele der Teilnehmer haben gerade die Schule abgeschlossen und sind noch auf der Suche nach dem richtigen Beruf. Auf welchen Bereich des Theaters sich die jungen Menschen am Ende festlegen, steht bei der Entscheidung für die Ausbildung oft noch nicht fest. Die diesjährige Teilnehmerin Vivien Prahl aus Parchim in Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel kam mit dem Berufswunsch Schauspielerin nach Lörrach. In den letzten Monaten der Ausbildung hat sie dann aber die Theaterpädagogik als ihr berufliches Ziel entdeckt.

Die Regie der Inszenierung im Rahmen der Multiplikatorenausbildung übernimmt Vaclav Spirit, wie in den vergangenen Jahren auch. Seine Entscheidung für das Camus-Stück hat verschiedene Gründe. Zum einen sei das unter dem Einfluss der deutschen Besatzung Frankreichs entstandene Stück mit seiner Behandlung von Themen wie Bürokratie, Willkür, totalitäre Herrschaft und Faschismus zeitlos und, so Spirit, immer noch aktuell. Zum anderen sei das Stück geeignet für die Ausbildung bei Tempus fugit, weil es sich nicht auf zwei oder drei Figuren konzentriere, sondern insgesamt 22 Rollen biete, die alle interessant und wichtig für die Handlung seien.

Bei insgesamt 13 Schauspielern muss jeder Teilnehmer außerdem mehrerer Rollen übernehmen. Die dadurch nötigen schnellen Wechsel hinter der Bühne trainieren die jungen Schauspieler ebenso wie die extrem kurze Probenzeit von vier Wochen und zeigen ihnen, wie echtes Theater funktioniert und wie schwierig es auch sein kann, so Spirit.

Der 19-jährige Marius Klingenstein hat gerade sein Abitur gemacht. Er verbringt sein Freiwilliges Soziales Jahr bei Tempus fugit und macht gleichzeitig die Multiplikatorenausbildung. In der Inszenierung übernimmt er die Rolle des Arztes Diego. Die jungen Theatermacher sind alle sehr ernsthaft und leidenschaftlich dabei, so Spirit. Ziel des Projekts ist es, die Ausbildung auf 24 Monate auszuweiten und für den Bereich der Theaterpädagogik das anerkannte Zertifikat "Theaterpädagoge BuT" ausstellen zu können.
 
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  Fotos
   
  Generalprobe am 27. Januar 2011
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
  Fotos: Thomas Quartier
   
 
 
Es spielen:
 
 
Pest Fabian Müller
Sekretärin Daniela Hasche
Vivien Prahl
Larissa Probst
Elisabeth Wenk
Nada Eva Hintermaier
Nadas Doppelgänger Petra Jeroma
Diego Marius Klingenstein
Victoria, Botin Anne Dahl
Gouverneur, Pfarrer, Bürgermeister, Mann Jakob Klapprott
Richter, Schiffer, Bote, Mann Elias Füchsle
Frau des Richters, Bürgermeisterin, Frau Maren Schrader
Jüngere Tochter des Richters, Fischerin, Botin Franziska Heinig
Volk, Chor Alle
   
Regie, Textbearbeitung, Bühnenbild Vaclav Spirit
Musikalische Leitung Anne Ehmke
Regieassistenz, Produktionsleitung, Programminhalte Tim Krause
Technische Leitung André Kulawik
Körperarbeit, Choreografie Michael Greff
Programm- und Plakatgestaltung Etienne Blatz
   
Fotos Thomas Quartier
 
Aufführungsrechte Rowohlt Theater Verlag
 
Wir danken ganz herzlich

Der Stadt Lörrach, dem Kulturamt Weil am Rhein und dem Kulturamt Rheinfelden für ihre Unterstützung, dem Kesselhaus Weil am Rhein, dem Hans-Thoma-Gymnasium und der Waldorfschule Lörrach für die Aufführungsmöglichkeiten. Besonderer Dank geht auch an das Kreisjugendreferat Lörrach sowie dem Ministerium für Kultus, Jugend und Sport für die Förderung über den Landesverband Amateurtheater Baden-Württemberg e.V. sowie an allen Sponsoren und Paten.
 
   
 
 

 

 

 

IMPRESSUM

 

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