Die symbolischen Gestalten „Pest“ und
ihre „Sekretärin“ ergreifen in einer Stadt die Macht. Gemeinsam
errichten sie einen tödlichen Machtapparat, der alles Leben und Sterben
einer absurden Ordnung und Willkür unterwirft. Die Liebe wird
ausgerottet, der Mensch zum Funktionär der Staatsmaschinerie erniedrigt.
Undurchsichtige technokratische Bürden und Massenhinrichtungen dienen
der systematischen Zermürbung der Bevölkerung. Der Ausnahmezustand wird
zum dauerhaften Prinzip.
Während sich die alte Regierung sofort
mit der neuen Herrschaft arrangiert und fast alle Bürger sich ihr
unterwerfen, leistet nur der junge Arzt Diego Widerstand: Er verzichtet
auf das private Glück und verhandelt mit den neuen Machthabern, um die
Stadt zu retten. Sein freiwilliger Untergang zwingt das Regime der Pest
zum Abzug. Doch die Bedrohung bleibt.
Camus‘ Belagerungszustand
behandelt die zentralen Fragen des Existenzialismus und stellt die
Absurdität des menschlichen Daseins zur Schau. Das Stück entstand unter
dem Einfluss der deutschen Besatzung Frankreichs Anfang der 1940er Jahre
und wurde 1948 in Paris uraufgeführt. Die zentralen Themen – Bürokratie,
Willkür, totalitäre Herrschaft und Faschismus – sind jedoch zeitlos und
noch immer aktuell.
Albert Camus (1913 - 1960) war ein, aus
Algerien stammender, französischer Schriftsteller und Philosoph und gilt
neben Sartre als einer der Vordenker des Existenzialismus. Er studierte
an der Universität von Algier Philosophie und trat 1934 der
Kommunistischen Partei bei. Im Jahr darauf gründete er mit anderen
linken Intellektuellen das "Theater der Arbeit", für das er erste
Bühnenstücke verfasste. 1937 brach er mit der KP, arbeitete als
Journalist und siedelte 1940 nach Paris über, welches bald zu seinem
ständigen Wohnsitz wurde. Von hier aus leitete er auch 1944/45 die
Untergrundzeitung „Combats“, ein wichtiges Organ der französischen
Résistance.
1942 erschienen sein Roman Der Fremde und
der Essay Der Mythos von Sisyphos, die Camus' literarische Bekanntheit
begründeten. Zu seinen Hauptwerken gehören neben seinen Theaterstücken
vor allem Die Pest (Roman, 1947), Der Mensch in der Revolte (Essays,
1951) und Der Fall (Roman, 1956). In Der Belagerungszustand - wie auch
in Die Pest - reflektiert Camus eigenes biographisches Material und
beide Werke stellen letztlich ein Plädoyer für menschliche Solidarität
und den Kampf gegen Tod und Unterdrückung dar. Wie der Autor aber selbst
immer wieder betonte, so ist Der Belagerungszustand - trotz allen
Ähnlichkeiten - „in keiner Weise eine Bühnenbearbeitung [s]eines Romans
Die Pest“ (Camus).
Die dreizehn Spielerinnen und Spieler
nehmen an der einjährigen Multiplikatorenausbildung in Theaterpädagogik,
Schauspiel und Kulturmanagement bei Tempus fugit teil. Die Ausbildung
sieht u.a. die gemeinsame Erarbeitung eines Theaterstücks in einem
kompakten vierwöchigen Probenprozess mit einer anschließenden
Regionaltournee vor. Ziel der täglichen Probenarbeit ist es, die
Entstehung eines Stückes künstlerisch und organisatorisch in seiner
Ganzheit erfahrbar zu machen, schauspielerische Fähigkeiten zu
verfeinern und wertvolle Kenntnisse in der Rollenarbeit zu vermitteln.
Wie in den vergangenen Jahren inszenierte Vaclav Spirit - Regisseur
der Theatergruppe „Gut & Edel“ - das Theaterstück im Rahmen der
Multiplikatorenausbildung. Es ist seine bislang fünfte Gastregie bei
Tempus fugit.
Ensemble Tempus
fugit präsentiert "Der Belagerungszustand" im Bürgersaal des Rathauses
RHEINFELDEN (BZ). Am Mittwoch, 23. Februar, und am Freitag, 25.
Februar, jeweils um 20 Uhr, tritt das Ensemble Tempus fugit auf
Einladung des Kulturamtes im Bürgersaal des Rathauses mit dem Stück "Der
Belagerungszustand" unter der Regie von Vaclav Spirit auf.
In dem
Stück aus der Feder von Albert Camus ergreifen die symbolischen
Gestalten "Pest" und ihre "Sekretärin" in einer Stadt die Macht.
Gemeinsam errichten sie dort einen tödlichen Machtapparat mit Wachturm
und Stacheldraht, Parolen, Massenhinrichtung und Todeskommandos. Die
Liebe wird ausgerottet, der Mensch wird zum Funktionär der
Staatsmaschinerie erniedrigt. Das alte Regime arrangiert sich sofort mit
der neuen Herrschaft und fast alle Bürger unterwerfen sich. Nur der
junge Arzt Diego leistet Widerstand. Er verzichtet auf sein privates
Glück und verhandelt mit den neuen Machthabern, um die Stadt zu retten.
Albert Camus schrieb das Stück unter dem Einfluss der Besetzung
Frankreichs durch Nazi-Deutschland. 1948 erfolgte die Uraufführung in
Paris. Doch die Themen des Stücks wie Bürokratie, Despotie, Willkür,
Totalitätsregime, Unrechtstaat besitzen auch in der heutigen Zeit
Aktualität.
Die Oberbadische vom 1.2.11
In der ewigen Schleife des
Grauens
Tempus fugit
spielt „Der Belagerungszustand“ von Albert Camus / Inszenierung von
Vaclav Spirit
Von Beatrice Ehrlich
Weil
am Rhein. Dass sie anderen erfolgreich auf die Bühne helfen können,
haben die in Ausbildung befindlichen Multiplikatoren des Freien Theaters
Tempus fugit bereits vielfach unter Beweis gestellt. Heute sind sie
selbst dran. In nur vierwöchiger Probenarbeit haben die künftigen
Theaterpädagogen das Werk „Der Belagerungszustand“ von Albert Camus
einstudiert. Regie führte Vaclav Spirit.
Ein schwacher Gouverneur
und seine rechte Hand, die Bürgermeisterin, übergeben aus Angst und
mangelnder Courage alle Macht einem fiesen Gesellen, der sich „die Pest“
nennt. Auf was sie sich da eingelassen haben, wird im Folgenden
deutlich: Tag für Tag zieht der neue Herrscher, in seiner ganzen
Heimtücke grandios ekelhaft dargestellt von Fabian Müller, demVolk die
Daumenschrauben fester an. Ihm zur Seite steht sein ausführendes Organ,
eine Sekretärin, die gleich von vier jungen Frauen (Daniele Hasche,
Vivien Prahl, Larissa Probst, Elisabeth Wenk) gespielt wird.
Dieser Trick verstärkt den Eindruck von der Hilflosigkeit derjenigen,
die diesem grausamen, blutrot gewandeten Quartett ausgeliefert sind.
Wenn es sie gelüstet, dann ziehen sie einfach ein Blöckchen aus der
Tasche und „streichen“ die betreffende Person. Schluss. Ende. Das neue
System unterwirft die Menschen einer unentrinnbaren bürokratischen
Kontrolle.
Eine der wenigen Lichtgestalten ist die Fischersfrau
(Franziska Heining), die sich zumindest vor ihren stumm und dumm
dastehenden Mitbürgern mit lauter Stimme zur Wehr setzt, wenn auch ohne
jegliches Echo.
Die Bühne ist minimalistisch, einige Blöcke, eine
Kleiderstange im Hintergrund, an der sich die Schauspieler umziehen. Ein
finsteres Labor ist das, in dem die Menschen einem tödlichen Virus
ausgesetzt werden, der bald alles lähmt. Auch die Farben sind reduziert.
Nur das Rot hebt sich als Farbe des Bedrohlich-Bösen vor der grauen
Eintönigkeit des gemeinen Volks ab. Es kommt nicht so sehr auf die
Darstellung von Persönlichkeiten an, sondern auf das Entwerfen recht
grobschlächtiger Charaktermasken: Der Opportunist, der Zyniker, der
entehrte Mann. Der zynische Trinker mit dem trostlosen Namen „Nada“
(spanisch für: das „Nichts“), hervorragend gespielt von Eva Hintermaier,
und seine närrische Doppelgängerin (Petra Jeroma) lassen sich von den
neuen Machthabern vor den Wagen spannen, hantieren wie die Irren mit
Erlässen und schikanieren das Volk, von dem sie einst mit Füßen getreten
wurden. Die Parallelen zum Nationalsozialismus sind deutlich. Camus
schrieb das Stück vor dem Hintergrund der deutschen Besatzung, benennt
ihre Methoden: Sprechverbot, Hunger, Denunziation und
Konzentrationslager.
Das „Happy End“ – dem jungen Liebenden Diego
gelingt es, die anderen zu einer Revolte gegen „die Pest“ anzustacheln –
täuscht darüber hinweg, dass für Camus der Mensch trotz allen
Aufbegehrens Einzelner in seiner Misere gefangen bleibt. Auf den Terror
folgt nur wieder die ewige Eintönigkeit des korrupten „Es darf nichts
passieren“- Regimes, die, man ahnt es schon, bald wieder von neuem
Terror abgelöst werden wird. Dem Ensemble ist es gelungen, trotz dieses
schwierigen Stücks, dem die inhaltliche Dynamik weitgehend abgeht, beim
Publikum eine Saite ins Schwingen zu bringen.
Weitere Termine: 23. und 25. Februar, 20
Uhr, Bürgersaal Rheinfelden; 4. bis 6. März, 20 Uhr, Aula HTG Lörrach,
Karten unter Tel. 07621/1675476
BZ vom 31.01.2011
Ein Kraftpaket mit Bravour
Vaclav Spirit inszeniert mit dem Theater Tempus fugit Albert
Camus’ "Belagerungszustand"
Die Pest und ihre
Sekretärin, der Tod, ergreifen die Macht in der kleinen spanischen Stadt
Cádiz. Gemeinsam errichten die beiden allegorischen Gestalten einen
tödlichen Machtapparat, der alles Leben einer absurden und willkürlichen
Ordnung unterwirft. Gefühle werden ausgerottet, der Mensch zum
Funktionär der Staatsmaschinerie erniedrigt. Der Ausnahmezustand wird in
Albert Camus Theaterstück "Der Belagerungszustand" zum dauerhaften
Macht- und Gesellschaftsprinzip. Vaclav Spirit griff den 70 Jahre alten
Stoff auf und inszenierte ihn mit den Teilnehmern der
Multiplikatorenausbildung von Theater fugit. Am Freitag war Premiere im
Weiler Kesselhaus.
Ihre Aktualität ist es, die Theaterstücke als
Vorlage für heutige Inszenierungen legitimiert. Doch wenn man danach
sucht, ist in den meisten Stücken mindestens ein Thema oder eine Figur
zu finden, die mit der Gegenwart irgendwie zu tun hat. Beim
"Belagerungszustand" von Albert Camus muss man die aktuellen Bezüge
allerdings nicht an den Haaren herbeiziehen, denn das unter dem Eindruck
der deutschen Besatzung Frankreichs entstandene Stück ist zwar in seinem
eifrigen Idealismus und der Ernsthaftigkeit seiner existenziellen Fragen
nicht mehr ganz am Zahn der Zeit, doch ist es reich an Verbindungen zu
Gesellschaft, Politik und Bürokratismus der Behörden, wie man sie heute
oder immer schon kennt.
Aber es gibt nicht nur Ja-Sager bei
Camus: Während sich die alte Regierung mit der neuen Herrschaft
arrangiert und fast alle Bürger sich ihr unterwerfen, leistet wenigstens
der junge Arzt Diego (Marius Klingenstein) Widerstand. Er ist bereit,
auf das private Glück mit seiner großen Liebe Victoria (Anne Dahl) zu
verzichten, und verhandelt mit den neuen Machthabern, um die Stadt zu
retten. Sein freiwilliger Tod zwingt die Pest (Fabian Müller) zum Abzug.
Doch die Bedrohung bleibt und die alten Machthaber sind die gleichen
geblieben, von ihnen ist bei erneuter Gefahr für die Stadt keine Hilfe
zu erwarten, so das pessimistische Ende des Stücks.
Während der
Text neben den Bürgern von Cádiz, die den Chor bilden, mit neun Figuren
auskommt, um diesen gesellschaftlichen und politischen Kosmos im
Ausnahmezustand darzustellen, sind bei Vaclav Spirit 21 Charaktere im
Spiel. Die 13 Jungschauspieler spielen also teilweise mehrere Rollen,
die Herausforderung der schnellen Rollen- und Kostümwechsel meistern sie
bravourös. Dass die Kleiderstange, auf der die zu wechselnden Kostüme
aufgehängt sind, mitten auf der Bühne steht, erleichtert das schnelle
Umziehen und ist gleichzeitig ein ironischer Fingerzeig von Spirit, der
auch für das Bühnenbild verantwortlich ist, auf den illusorischen
Charakter von Theater.
Mit den zusätzlichen Charakteren
involviert der Regisseur aber nicht nur alle 13 Teilnehmer der
einjährigen Multiplikatorenausbildung in das Geschehen, sondern schafft
auf der Bühne auch die menschliche Masse, die die Gefahren von deren
Anonymität und dem durch sie möglichen Mitläufertum besonders deutlich
machen. Die Rolle der schamlosen Sekretärin der Pest hat Spirit auf vier
Schauspielerinnen aufgeteilt, die des opportunistischen Säufers Nada
teilen sich in großartiger Besetzung Eva Hintermaier und Petra Jeroma.
Das einvernehmliche Zwiegespräch des Bösen und seine Bedrohung bekommen
damit noch mehr Präsenz und machen auch diese Inszenierung aus dem Hause
Tempus fugit zu einem pädagogischen wie inszenatorischen Kraftpaket.
— Weitere Aufführungen: 23. und 25. Februar, 20 Uhr, Bürgersaal
Rheinfelden, 4. bis 6. März, 20 Uhr, Aula des Hans-Thoma-Gymnasiums
Lörrach, Reservierung: 07621/1675476, E-Mail:
ticket@fugit.de
Der Sonntag vom 30.1.11
Bürgersinn gegen Dämonie
Das freie Theater Tempus fugit zeigt Albert Camus‘
„Belagerungszustand“ – und schafft eine bewahrende Aktualisierung
Zeitlose Theaterstücke zeichnen sich gemeinhin dadurch aus, dass sie
immer wieder aufs Neue aktuell sind. Entscheidend ist dabei nicht nur
der Stoff alleine, sondern stets auch seine Vermittlung auf der Bühne.
Nun zeigt das freie Theater Tempus im Weiler Kesselhaus Albert Camus‘
„Belagerungszustand“ — ein Lehrstück für Publikum und Schauspieler
zugleich. Und mit seiner Inszenierung ist es dem Gastregisseur Vaclav
Spirit gelungen, das Publikum zu begeistern, ohne aus dem
existentialistischen Drama Camus‘ zwangsläufig ein Gegenwartsstück zu
basteln.
Dabei hätte gerade die Besetzung des Stücks mit 13
jungen Darstellern des Theaters Tempus fugit durchaus eine derartige
Interpretation nahe gelegt. Gerade durch den Verzicht auf den expliziten
Gegenwartsbezug aber gewinnt die Inszenierung an Glaubwürdigkeit — und
die braucht es auch.
Camus ist schließlich keine leichte Kost,
dem in Algerien geborenen Franzosen geht es um die Absurdität des
menschlichen Daseins. So auch im „Belagerungszustand‘ einem Stück, das
während der Zeit der deutschen Besetzung Frankreichs im zweiten
Weltkrieg entstand. Es geht um Macht und Willkür, um Mitläufer und
verliebte Idealisten und auch darum, dass Geschichte sich schon alleine
deshalb wiederholt, weil sich im Grunde nie etwas ändert. Das Stück
endet, wie es angefangen hat. Stolz verkündet der Gouverneur, alles sei
in bester Ordnung, so lange alles beim Alten bleibt.
Dabei haben
der Regisseur und sein Ensemble das Bühnenstück ordentlich aufgemöbelt.
Originell ist die Besetzung der Rolle der Sekretärin, die als
personifizierter Tod in Erscheinung txitt. Spirit hat ihren Part auf
vier Darstellerinnen aufgeteilt, ein dämonisches Damenquartett in
lasziver Pose. Gemeinsam mit der Figur Pest (Fabian Müller) haben sie
einen bürokratischen Machtapparat erschaffen, der Leben und Sterben
einer absurden und vollkommen willkürlichen Ordnung unterwirft. Die Pest
verkündet mit entsetzlicher Fratze: „Das Schicksal ist gebändigt, es hat
ein Büro bezogen.“
Die Bürger der Stadt werden dazu gezwungen,
sich in einem undurchsichtigen, technokratischen Staatsapart voll
sinnloser Verordnungen zurecht zu finden. Über das sinnlose Abmühen
einzelner urteilt höhnisch das dämonische Gespann: "Wenn das
Verbrechen Gesetz wird, ist es kein Verbrechen mehr.“
Zwei
Alternativen zur Unterwerfung zeigt das Stück allerdings auf. Den beiden
Protagonisten, die als Gegenpol zur allgemeinen Masse in Erscheinung
treten, gelingt zwar nur ein Etappensieg, dennoch bringen sie die
Maschine kurzweilig ins Stocken. Der eine ist Diego, der mit Liebe gegen
die Resignation an geht, der andere Nada (spanisch: Nichts) — ein
zynischer Säufer, der vom Leben eben so wenig erwartet wie vom Tod.
Trotz der düsteren Prognosen wirkt Spirits Inszenierung dennoch
stets lebendig, zuweilen sogar packend. Es ist dem Ensemble gelungen,
auch die ironischen Zwischentöne herauszuarbeiten, aufgebrochen wird das
Stück auch durch musikalische und akrobatische Einlagen, Pantomime und
Gesang. Die gestalterische Vielfalt kommt nicht von ungefähr: Alle 13 am
Stück mitwirkenden Akteure sind Teilnehmer der einjährigen
Multiplikatorenausbildung in Theaterpädagogik, Schauspiel und
Kulturmanagement bei Tempus fugit. Vier Wochen lang haben sie das Stück
gemeinsam erarbeitet mit dem Ziel, dieses nicht nur auf einer
Regionaltournee (die nächste Station ist Rheinfelden) aufzuführen,
sondern dabei auch die Theaterarbeit in Gänze kennen zu lernen.
JULIA JACOB
Wochenblatt vom 26.1.11 Tempus fugit
präsentiert 13 junge Schauspieler erarbeiteten
innerhalb von vier Wochen ein Theaterstück
Landkreis.
Dreizehn junge Leute durchlaufen gerade eine Multiplikatorenausbildung
beim Freien Lörracher Theater Tempus fugit. Diese Ausbildung dauert ein
Jahr und basiert auf drei Säulen: Theaterpädagogik, Schauspiel und
Kulturmanagement. So erlernen sie hier nicht nur Schauspiel an sich,
sondern auch andere Facetten des Theaterdaseins.
Die
Auszubildenden sind zum größten Teil junge Leute, die gerade mit der
Schule fertig geworden sind, und das Ausbildungsjahr als
Orientierungsphase nutzen. Dabei können sie für sich herausfinden, was
genau sie im Theater machen möchten.
Neben dem Unterricht nehmen
sie an unterschiedlichen Trainings wie Stimm-, Körper- oder
Rhythmustraining sowie an Projekten von Tempus fugit teil. Bei diesen
Projekten können sie das Gelernte gleich umsetzen. Ein Praktikum bei
Tempus fugit ist seit 2003 möglich. Eine Ausbildung wird hier erst seit
vier Jahren angeboten. Im Rahmen der Ausbildung erarbeiten die
Praktikanten innerhalb von vier Wochen ein Theaterstück, mit dem sie
anschließend auf Regionaltournee gehen.
„Ziel der täglichen
Probearbeit ist es, die Entstehung eines Stückes künstlerisch und
organisatorisch in seiner Ganzheit zu erfassen, schauspielerische
Fähigkeiten zu verfeinern und wertvolle Kenntnisse in der Rollenarbeit
zu erlernen,“ erklärt Regieassistent Tim Krause. Inszeniert wird das
Stück vom Regisseur Vaclav Spirit.
In diesem Jahr hat er das
Stück von Albert Camus „Der Belagerungszustand“ ausgesucht. Es wird
viele Massenszenen geben, verrät der Regisseur, immerhin wirken 13
Personenmit. Zum Stück: Die symbolischen Gestalten „Pest“ und ihre
„Sekretärin“ kommen an die Macht und unterwerfen die ganze Stadt. Nur
der junge Arzt Diego leistet Widerstand. Musikalische Leitung übernimmt
Anne Ehmke. Sie sei mit dem musikalischen Talent des Projekt-Teams sehr
zufrieden. Die meisten Gesangspassagen seien spontan bei den Proben
entstanden, erklärt Ehmke.
Aufgeführt wird „Der
Belagerungszustand“ am 28., 29., 30., 31. Januar im Kesselhaus, Weil Am
Rhein, am 23. und 25. Februar im Bürgersaal Rheinfelden und am 4., 5.
und 6. März im Hans-Thoma- Gymnasium in Lörrach. Beginn ist jeweils um
20 Uhr. (irs)
BZ vom 25.01.2011
Alles für das Theater lernen
Multiplikatoren von Tempus fugit produzieren mit Vaclav
Spirit
von unserer Mitarbeiterin Claudia Gabler
LÖRRACH. Seit vier Jahren gibt es die Multiplikatorenausbildung beim
freien Lörracher Theater Tempus fugit. Dreizehn junge Leute können hier
pro Spielzeit eine zwölfmonatige Ausbildung in den Bereichen
Theaterpädagogik, Schauspiel und Kulturmanagement machen. Damit sollen
die jungen Menschen befähigt werden, selbstständig Theaterprojekte
auszuführen.
In jedem Jahr nehmen alle Teilnehmer der Ausbildung
gemeinsam an einer Stückproduktion teil. Innerhalb der seit September
2010 laufenden Ausbildungsphase ist dies die Inszenierung von Albert
Camus’ Stück "Der Belagerungszustand" in einer Inszenierung von
Gastregisseur Vaclav Spirit, die am 28. Januar im Weiler Kesselhaus
Premiere hat.
Die Ausbildung bei Tempus fugit sieht unter anderem
die Erarbeitung von Stück und Inszenierung innerhalb eines kompakten
vierwöchigen Probenprozesses plus eine anschließende regionale Tournee
der Produktion vor. Dabei ist das Team in sämtliche organisatorische
Aufgabenbereiche des Theaters eingebunden — von der Produktionsleitung,
über Bühnenbau bis zum Kulturmarketing. Ziel der Probenarbeit ist es,
die Entstehung einer Produktion von Anfang bis Ende für die jungen
Menschen künstlerisch und organisatorisch erfahrbar zu machen,
schauspielerische Fähigkeiten zu verfeinern und Kenntnisse in der
Rollenarbeit zu vermitteln.
So kann die Lörracher Ausbildung zu
einer praxisbezogenen beruflichen Orientierung beitragen — viele der
Teilnehmer haben gerade die Schule abgeschlossen und sind noch auf der
Suche nach dem richtigen Beruf. Auf welchen Bereich des Theaters sich
die jungen Menschen am Ende festlegen, steht bei der Entscheidung für
die Ausbildung oft noch nicht fest. Die diesjährige Teilnehmerin Vivien
Prahl aus Parchim in Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel kam mit dem
Berufswunsch Schauspielerin nach Lörrach. In den letzten Monaten der
Ausbildung hat sie dann aber die Theaterpädagogik als ihr berufliches
Ziel entdeckt.
Die Regie der Inszenierung im Rahmen der
Multiplikatorenausbildung übernimmt Vaclav Spirit, wie in den
vergangenen Jahren auch. Seine Entscheidung für das Camus-Stück hat
verschiedene Gründe. Zum einen sei das unter dem Einfluss der deutschen
Besatzung Frankreichs entstandene Stück mit seiner Behandlung von Themen
wie Bürokratie, Willkür, totalitäre Herrschaft und Faschismus zeitlos
und, so Spirit, immer noch aktuell. Zum anderen sei das Stück geeignet
für die Ausbildung bei Tempus fugit, weil es sich nicht auf zwei oder
drei Figuren konzentriere, sondern insgesamt 22 Rollen biete, die alle
interessant und wichtig für die Handlung seien.
Bei insgesamt 13
Schauspielern muss jeder Teilnehmer außerdem mehrerer Rollen übernehmen.
Die dadurch nötigen schnellen Wechsel hinter der Bühne trainieren die
jungen Schauspieler ebenso wie die extrem kurze Probenzeit von vier
Wochen und zeigen ihnen, wie echtes Theater funktioniert und wie
schwierig es auch sein kann, so Spirit.
Der 19-jährige Marius
Klingenstein hat gerade sein Abitur gemacht. Er verbringt sein
Freiwilliges Soziales Jahr bei Tempus fugit und macht gleichzeitig die
Multiplikatorenausbildung. In der Inszenierung übernimmt er die Rolle
des Arztes Diego. Die jungen Theatermacher sind alle sehr ernsthaft und
leidenschaftlich dabei, so Spirit. Ziel des Projekts ist es, die
Ausbildung auf 24 Monate auszuweiten und für den Bereich der
Theaterpädagogik das anerkannte Zertifikat "Theaterpädagoge BuT"
ausstellen zu können.
Der Stadt Lörrach, dem Kulturamt
Weil am Rhein und dem Kulturamt Rheinfelden für ihre
Unterstützung, dem Kesselhaus Weil am Rhein, dem
Hans-Thoma-Gymnasium und der Waldorfschule Lörrach für die
Aufführungsmöglichkeiten. Besonderer Dank geht auch an das
Kreisjugendreferat Lörrach sowie dem Ministerium für Kultus,
Jugend und Sport für die Förderung über den Landesverband
Amateurtheater Baden-Württemberg e.V. sowie an allen Sponsoren und
Paten.