aktuelle Inszenierung:


Freies Theater Tempus fugit

 

   
 
 

"Im Land der letzten Dinge"
von Paul Auster

Regie: Karin Maßen

 


 

   
   
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  zum Stück:

Wozu immer man sich entschließt, man wird es bereuen, und zwar bis an sein Lebensende...

Eine junge Frau begibt sich auf die Suche nach ihrem Bruder, einem spurlos verschwundenen Journalisten.
Die Liebe zu ihm führt sie, entgegen aller Warnungen, in eine Stadt, in der nach und nach alles verschwindet.
Die Stadt bricht förmlich in sich zusammen. Die Menschen leben in und von den Trümmern, die die Zivilisation ihnen zurückließ. Nicht nur die Dinge, sondern auch die Menschlichkeit und die Formen des Umgangs miteinander entschwinden.
Auf sich allein gestellt beginnt für sie nun der Kampf ums nackte Überleben. Dabei bleibt sie nicht immer allein ...

Die Inszenierung „Im Land der letzten Dinge“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Paul Auster, erschienen im Rowohlt Taschenbuch Verlag.
 

 
  zum Autor:

Paul Auster wurde 1947 in Newark, New Jersey geboren. Als Nachkomme immigrierter Juden aus Österreich wuchs er in einem mittelständischen, bildungsbürgerlichen Umfeld auf. Er studierte Anglistik und vergleichende Literaturwissenschaften. Danach heuerte er für sechs Monate auf einem Öltanker im Golf von Mexiko an. Von 1971-74 lebte er dann in Frankreich, überwiegend in Paris. Zurück in den USA nahm Paul Auster einen Lehrauftrag an und übersetzte einige französische Autoren (Blanchot, Bouchet, Dupin, Joubert, Mallarmé, Sartre). Außerdem arbeitete er als Herausgeber französischer Literatur in amerikanischen Verlagen.
Mittlerweile lebt Paul Auster in Brooklyn, New York, ist mit der Schriftstellerin Siri Hustvedt verheiratet und hat zwei Kinder. Weltbekannt wurde Auster durch seine Serie experimenteller Detektivgeschichten, die gesammelt als New-York-Trilogie veröffentlicht wurden. Seine Werke weisen oft starke Bezüge zu den Transzendentalisten des 19. Jahrhunderts auf. Paul Austers Protagonisten sind häufig Schriftsteller und Suchende, die sich der scheinbaren Unordnung der Welt und dem Chaos der Ereignisse ausgeliefert fühlen.

Er erhielt den France Culture Prix Etranger (1988) und den Morton Dauwen Zabel Award (1990).

 
  Kurzbiografie: Andrea Casabianchi



Andrea Casabianchi stammt aus Lörrach und fand 1999 den Weg zum Freien Theater Tempus Fugit. Von 2004-2008 studierte sie Schauspiel an der Folkwang Hochschule Essen. Bereits während ihres Studiums war sie als Gast in Produktionen am Schauspiel Essen und dem Düsseldorfer Schauspielhaus zu sehen. Es folgten weitere Gastengagements am Landestheater Bregenz. Seit der Spielzeit 2009/10 ist sie Ensemblemitglied am Theater Osnabrück wo sie unter anderem in "Felix Nussbaum" in der Inszenierung von Johan Kresnik und in "Rustschuk-die gerettete Zunge", Inszenierung Ivan Stanev, zu sehen war. Für diese Rolle wurde sie von Stephan Keim (die Welt) in der Kritikerumfrage der Zeitschrift "Theater heute" 2010/11 in der Kategorie "Beste Nachwuchskünstlerin" genannt. Seit der Spielzeit 2012/13 war sie in vielen Arbeiten unter der Regie von Annette Pullen zu sehn. Unter anderem in der Uraufführung "Ich wünsch mir eins" von Azar Mortazavi und in "Die Mittagsfrau" nach dem Roman von Julia Franck.
 
  Presse
 

Die Oberbadische vom 13.1.09

Und kein Weg führt zurück
 
Premiere der Tempus Fugit-Inszenierung „Im Land der letzten Dinge“
 
Von Gabriele Hauger
 
Lörrach. Es friert einen bis ans Herz. Beklemmend ist die Stille am Ende des eineinhalbstündigen Solostücks nach Paul Austers düsterem Roman „Im Land der letzten Dinge“, bevor der Applaus einsetzt. Premiere der Tempus Fugit-Inszenierung im Nellie Nashorn war am Freitagabend. Andrea Casabianchi, die ihr Schauspielstudium an der Folkwang Hochschule Essen absolviert hat, spielt die Hauptfigur Anna Blume unter der Regie von Karin Maßen: überzeugend, ergreifend, meist den Spannungsbogen haltend, und wechselt dabei immer wieder in andere Rollen. Eine anspruchsvolle Leistung, die enorme Bühnenpräsenz und Textsicherheit erforderten. Schlüssig führt bereits das kalte Bühnenbild, bestehend aus bedrohlichen, scharfzackigen metallisch-grau wirkenden Elementen (Bühnenbau: André Kulawik, Schreinerei Stoll) in die Atmosphäre des fiktiven Romans ein. Anna Blume ist 19, ihr Bruder, der Journalist William, wurde in ein fremdes Land geschickt; seitdem ist er verschollen.
 
Das Mädchen macht sich mutig auf, ihn zu finden - und gerät in eine Welt, in der Straßen und Häuser verschwinden, Mitmenschlichkeit ein Fremdwort ist und Illusionen gefährlich. „Das Einzige, was zählt, ist auf den Beinen zu bleiben“, schreibt Anna an ihr Zuhause, obgleich sie weiß, ihr Brief wird niemals ankommen.
 
Anna ist eine Suchende, wie viele Protagonisten in Austers Romanen. Eine Suchende in einer entfremdeten Welt, die es einem kaum erlaubt, seine Menschlichkeit zu bewahren. Diese Welt ist kalt und einsam, beherrscht von Wohnungsnot, rabiaten Müll- und Restesammlern, Selbstmördern, Mördern, Vergewaltigern und Hunger. Am Gefährlichsten ist es, Illusionen und Träumen nachzuhängen. „Gewohnheiten sind tödlich“.
 
Der amerikanische Autor hat in seinem Briefroman von 1987 eine Mischung aus real existierender Diktatur, Elends-Megacity mit Science Fiction-haften Horror-Elementen beschrieben. Assoziationen drängen sich da förmlich auf.
 
Was passiert mit den Menschen unter solchen Bedingungen, ist die spannende, durchaus moralische Frage. Anna Blume jedenfalls überschreitet die letzte Schwelle zur Verrohung nicht, sie widersteht der Versuchung, Leichen auszurauben oder den verhassten Ferdinand, bei dessen Frau sie Unterschlupf gefunden hat, zu töten. Sie schafft es sogar, in diesem Elend Liebe zu finden, die aber nicht von Dauer ist. Das Ende ist ohne Illusionen - kein Weg führt zurück. Und dennoch sagt Anna fast trotzig: „Es wäre falsch, nichts zu tun.“
 
Kratzende, metallische Klänge (Bernhard Greif) und grelle Lichtspots unterstreichen die Atmosphäre eindrücklich. Die Kisten und den Einkaufswagen, die Anna immer wieder umstellt und neu nutzt - als Schutz oder als Beute - sind wichtiger Bestandteil des Spiels, Symbol für den verzweifelten Versuch, dem Chaos einen Rahmen, eine Ordnung zu geben.
 
Andrea Casabianchi verkörpert ideal die junge, trotz allen Elends sich behauptende und niemals am Sinn ihres Einsatzes zweifelnde Anna. Eindrücklich spielt sie die Szenen voll schreiender Einsamkeit, wenn man sich für seine eigenen Träume hasst, und droht, Moral und Mut zu verlieren. Mit dem verzweifelten Warnruf an ein imaginäres Gegenüber, nie in eine solche Falle zu tappen, bleibt der Zuschauer zurück und findet nur mühsamwieder in die reale, eigentlich doch schöne Welt.

 
  BZ vom 12.01.2009

Eine zerstörte Welt

Premiere von Paul Austers "Im Land der letzten Dinge" im Lörracher Nellie Nashorn

Paul Austers 1987 erschienener Briefroman "Im Land der letzten Dinge" ist wie alle Romane Austers ein düsteres Werk und wird immer wieder der Science Fiction zugeordnet. Der amerikanische Schriftsteller selbst ärgert sich über diese Genre-Zuweisung und nennt als reale Bezüge des Romans die Belagerung Leningrads im Zweiten Weltkrieg, die dort ab 1941 einsetzenden Fälle von Kannibalismus und die Probleme der Müllentsorgung zum Beispiel in Kairo.

Ein politischer Text also und ein Text mit einem vielschichtigen Plot: Die 19-jährige Anna Blume begibt sich auf die Suche nach ihrem verschollenen Bruder, dem Journalisten William Blume, von dem sie nichts mehr hat als die Adresse der Zeitung, für die er arbeitet. Ihre Suche führt sie in eine untergehende Stadt voller Armut, Kriminalität und Absurdität: So genannte Renner rennen sich in kollektiven Todesläufen durch die Stadt zu Tode. Tote dürfen nicht beerdigt werden, weil ihre Leichname der städtischen Energieversorgung als Brennstoff dienen müssen. Schiffe können nicht mehr auslaufen, von der Existenz von Flugzeugen will keiner der Bewohner plötzlich mehr etwas wissen. Anna Blume muss also bleiben und ist gezwungen, sich für Jahre in der lebensbedrohlichen, apokalyptischen Stadt zurechtzufinden. Sie lebt dort zunächst als Obdachlose, die sich mühsam Essen und Kleider besorgt und ständig von Raub und Vergewaltigung bedroht ist.

Eine mutige und mit einem pessimistischen Blick auf die weltweite soziale und Wirtschaftslage auch sehr aktuelle Idee also von der Gründerin des "Freien Theaters Tempus fugit" und Regisseurin Karin Maßen, aus dem dicken, sehr komplexen Roman Austers einen Theaterabend zu machen. Ebenso mutig ist die Idee, die aus dem Roman entwickelten szenischen Monologe und Dialoge aller Personen in einer anderthalbstündigen Inszenierung im Nellie Nashorn allein von der jungen Schauspielerin Andrea Casabianchi spielen zu lassen.

Neben ihren Gesprächen mit sich selbst richtet Anna Blume ihr Wort hauptsächlich an einen nicht weiter beschriebenen Liebhaber von früher. Und immer wieder macht sie sich mit in der Stadt aufgeschnappten Phrasen selbst Mut ("Das einzige, was zählt, ist auf den Beinen bleiben"), oder sie nimmt ihn sich in schwachen Momenten selbst und stellt nüchtern fest: "Ist etwas erst einmal weg, dann für immer." Dennoch will sie leben, jammert nicht und behält ihre Zivilcourage.


Von Andrea Casabianchi, die 1981 in Lörrach geboren wurde, seit 1999 bei "Tempus fugit" spielt und vergangenes Jahr ihr Schauspielstudium in Essen abschloss, ist die Inszenierung nicht nur eine reife Textleistung — auch der Sprung zwischen den Rollen und Perspektiven gelingt ihr. Und Casabianchi überzeugt vor allem dann, wenn sie die unschuldige Anna Blume verlässt und ihre sexuellen Fantasien offenbart oder wenn sie zum Beispiel von der Lust erzählt, die sie beim Erwürgen eines zudringlich gewordenen alten Mannes empfindet.

Überhaupt geht es kalt zu auf der Bühne: Ton und Licht schmerzen in den Ohren und Augen (Ton/Klangkomposition: Bernhard Greif) und überall tummeln sich bedrohlich große abstrahierte Menschenkörper aus Holz (Bühnenbau: André Kulawik), zackig an ihren Kanten erinnern sie an die verkleideten Mitglieder des rassistischen amerikanischen Ku-Klux-Klans. Unzählige schwere Holzkisten dienen der Protagonistin mal als Häuserwand, mal als Schutzschild vor drohenden Gefahren. Immer wieder stapelt sie sie unter Kraftaufwand neu, sucht nach einem Ordnungssystem für ihre sich ständig verändernde Lebenssituation.

Überhaupt geht es Anna Blume schon längst nicht mehr darum, den verschollenen Bruder wiederzufinden, sondern es geht darum, selbst zu überleben in einem Labyrinth aus Identitäten und einen Sinn zu suchen in einem Leben auf einer zerstörten Welt wie dieser.


Claudia Gabler


Die Oberbadische vom 7.1.09

Wie kann der Mensch Mensch bleiben?

Tempus Fugit: Premiere im Nellie Nashorn

Lörrach (hau). Das Freie Theater Tempus Fugit zeigt als Premiere das Solo „Im Land der letzten Dinge“ nach dem Roman von Paul Auster. Premiere ist am 8. Januar im Nellie Nashorn. Es ist vor allem Austers „wunderbare Sprache“, die Regisseurin Karin Maßen und die professionelle Schauspielerin Andrea Casabianchi - ein Tempus Fugit-„Gewächs“ aus Lörrach - gleichermaßen begeistert hat. Gemeinsam haben sie in einem „faszinierenden Prozess“ die Dramaturgie ausgearbeitet. Zum Stück: Ein 19-jähriges Mädchen sucht seinen Bruder, der als Journalist in ein fremdes Land geschickt wird und dort verschollen ist. Das Mädchen macht sich auf in diesen Fantasiestaat, in dem Endzeitstimmung und der Kampf ums nackte Überleben herrschen. Doch die junge Frau ist voller Mut und Klarsicht, hadert nicht mit ihrem Schicksal.

Diese Charakterzüge haben Schauspielerin Andrea Casabianchi, die während des Solos in verschiedene Rollen schlüpft, besonders imponiert. Das Faszinierende ist, dass trotz Chaos und Gewalt in diesem „Land der letzten Dinge“ dennoch wunderbare Begegnungen mit Menschen möglich sind, die ihre Menschlichkeit nicht verloren haben. „Ein hoch aktuelles Thema“, so Maßen.

Atmosphärisch unterstützt wird das Stück von einer Klangcollage von Bernhard Greif.

 
  BZ vom 07.01.2009

Trotzdem Mensch bleiben

Tempus fugit zeigt Paul Austers "Im Land der letzten Dinge" / Solo für Andrea Casabianchi

Von unserer Redakteurin Sabine Ehrentreich

LÖRRACH. Immer wieder kehren Theaterleute, die bei Tempus fugit angefangen und sich dann auf eine Profilaufbahn begeben haben, für Projekte nach Lörrach zurück. Am Freitag hat ein Stück Premiere, bei dem Andrea Casabianchi als Spielerin agiert, und Bernhard Greif die Musik beisteuert.

Sie habe Paul Austers Roman "Im Land der letzten Dinge" schon vor vielen Jahren gelesen, sagt Regisseurin Karin Maßen — und dann gleichsam auf eine Konstellation gewartet, die es ihr erlaubt, den Stoff auf die Bühne zu bringen. Als die Lörracherin Andrea Casabianchi im vergangenen Jahr in Essen ihre Schauspielausbildung abschloss, schien ihr der Moment gekommen. Für Karin Maßen ist die Darstellerin, die sie aus vielen Tempus Fugit Produktionen kennt, die ideale Besetzung. Im Probenprozess bestätigte sich das. Maßen und Casabianchi setzten in einem manchmal schon "gespenstischen" Gleichklang, wie beide sagen, das Werk des Amerikaners für die Bühne um. Am Freitag ist die Produktion im Nellie Nashorn zum ersten Mal zu sehen.

Eine junge Frau begibt sich darin auf die Suche nach ihrem verschollenen Bruder. Das führt sie in eine Stadt, in der alles zusammenbricht, in eine gespenstische Welt. Andrea Casabianchi spielt verschiedene Figuren, doch stets aus der Perspektive der jungen Suchenden. Begeistert habe sie ebenso wie Karin Maßen die sehr direkte Sprache, aber auch der Mut und die Klarsicht der Protagonistin. Sie bleibe auch in einer apokalyptischen Welt immer Mensch und stelle sich der Situation, ohne zu hadern.

Bernhard Greif, der ebenfalls lange bei Tempus fugit spielte und in Gießen angewandte Theaterwissenschaften studiert, hat für die Inszenierung eine Musikinstallation erdacht. Das Stück soll nach den Aufführungen im Nellie Nashorn gehalten und kann auch als szenische Lesung aufgeführt werden. Eine Aufführungshilfe vom Landesverband Freier Theater ist bewilligt, ein Antrag auf Förderung für die Produktion läuft noch. Unabhängig davon ist Karin Maßen glücklich, dass sie den Stoff endlich auf die Bühne bringen kann. In ihren Augen ist er "hochaktuell".

   
 
   
  Fotos
   
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fotos: Thomas Quartier

   
 
 
Es spielt:
 
 
Andrea Casabianchi  
   
Regie Karin Maßen
   
Dramaturgie Karin Maßen
Andrea Casabianchi
Lichtdesign und Lichttechnik André Kulawik
Ton- & Klangkomposition Bernhard Greif
Programm- und Plakatgestaltung Simon Stotz
Programminhalte Michael Zier
Frédéric Toussaint
Bühnenbau Schreinerei Stoll
André Kulawik
Fotos, Video Thomas Quartier
Produktionsleitung Frédéric Toussaint
   
 
Aufführungsrechte beim Rowohlt Theater Verlag, Reinbek bei Hamburg.

Wir danken ganz herzlich:

Insbesondere dem Nellie Nashorn für die Proben- und Aufführungsmöglichkeiten,
der Stadt Lörrach,
allen Sponsoren und Paten,
sowie allen Tempus fugit SpielerInnen für die Hilfe beim Plakatieren und allen anderen Hilfsdiensten.

Gefördert durch den Landesverband Freier Theater Baden-Württemberg e.V. aus Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst.
   
 
 

 

 

 

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