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BZ vom 29.01.2008
Bild einer kränkelnden
Gesellschaft
Jugendtheatergruppe
Tempus fugit und Vaclav Spirit inszenieren im Nellie Nashorn in Lörrach
John Millingtons "Ein wahrer Held"
In der Liebe und im Krieg sind alle Mittel erlaubt. Das mag sich auch
Christy Mahon gedacht haben, als er die schöne Pegeen in dieser herunter
gekommenen Kneipe das erste Mal erblickt. Die oder keine, egal mit
welchen Mitteln, denn das Mädchen ist bereits einen anderen versprochen.
Dass ausgerechnet der Mord an seinem Vater ihn zu einem wahren Helden
macht, scheint ihn Zeiten von medial aufgebauschter jugendlicher Gewalt
beinahe ein Abbild der Realität zu sein. Doch Christy Mahon ist nur ein
Charakter des Stücks "Ein wahrer Held", das die Jugendtheatergruppe
Tempus fugit unter der Regie von Vaclav Spirit einstudiert hat. Am
Samstag feierte es Premiere im Nellie.
Was nach einem modernen Stück klingt, hatte tatsächlich 1907 seine
Premiere in Dublin. Der Ire John Millington Synge hat das Stück
geschrieben, dass bei seiner Uraufführung für einen Skandal sorgte.
Werden doch im Verlauf von 60 Minuten kirchliche Werte und menschliche
Verhaltensweisen mittels künstlerischer Freiheit kritisiert. Und so
passiert es, dass der junge, unsichere Christy Mahon vorgibt, seinen
Vater mit einem Spaten den Schädel gespalten zu haben, um die
Anerkennung der Menschen zu erhalten, die er für seine Freunde hält.
Einen Mord musste er begehen, um vom Niemand zum Jemand zu avancieren.
Mit seiner schüchternen Mimik, den zaghaften Bewegungen erweist sich Ric
Weißer in der Rolle des Christy Mahon als brillante Besetzung. Er
transportiert mit jeder Bewegung, mit jeder Geste, mit jedem Satz die
Unsicherheit des Protagonisten. Und in unbeobachteten Momenten zeigt er
nur dem Zuschauer sein wahres Gesicht: wenn er in Unterhosen vor einem
Spiegel posiert um sich vor Augen zu führen, dass er jemand ist. Er
spielt eine Posse mit den Dorfbewohnern, führt sie an der Nase herum,
ohne das sie es merken.
Ein Niemand wird zu einer Ikone stilisiert, zu einem Sexsymbol erhoben
und als die Fassade bröckelt, lässt man den Star ganz schnell wieder
fallen. Es ist das Bild einer kränkelnden Gesellschaft, das die elf
jungen Schauspieler mit nur wenigen Mitteln inszenieren.
Generationskonflikt, die Sehnsucht nach der perfekten Liebe und das
Streben nach Bewunderung, nach gesellschaftlicher Akzeptanz sind die
Themen, die in "Ein wahrer Held" mit dem theatralischen Augenzwinkern
inszeniert werden. Ein Tisch und ein paar Holzkisten sind die
Requisiten, mit denen man auskommt. Vor allem die Akteure überzeugen
durch ihr engagiertes Spiel, das sowohl seine traurigen Momente hat, als
auch seine Lustigen, aber niemals mit dem erhobenen Zeigefinger daher
kommt, sondern eher zum Nachdenken anregt.
Kornelia Schiller
Die Oberbadische vom
28.1.08
Sagenhafter
Aufstieg, Fall und Emanzipation
Jugendtheatergruppe
Tempus fugit feiert in Lörrach Premiere mit Stück es irischen Autors
John Millington Synge
Von Norman Riebesel
Lörrach. Um Bewunderung, Liebe und Zurückweisung geht es in dem Stück
„Ein wahrer Held“ des Iren John Millington Synge. Am Samstag hatte die
Jugendtheatergruppe von Tempus fugit Premiere mit dem Drama. Regie
führte Vaclav Spirit, eigentlich Regisseur der Theatergruppe „Gut und
Edel“, der das Stück mit den jungen Schauspielern in nur zwei Wochen
einstudiert hat Der junge, verunsicherte und panische Christopher Mahon
(Ric Weißer) kommt in die Kneipe eines verschlafenen Dorfes Die
Dorfbewohner interessieren sich sofort für ihn, umso mehr, als er
behauptet, seinen Vater (Thorsten Blank) erschlagen zu haben. Sie
bewundern ihn und sehen in ihm einen echten Helden. Auch Pegeen (Nicole
Pawlowski) kann sich dieser Verehrung nicht entziehen. Zeitweise wuselt
sogar eine Schar kreischender Mädels um ihn herum - er ist in dem Dorf
so etwas wie ein Popstar.
Doch bald zeigt sich, dass er lediglich glaubte, seinen Vater erschlagen
zu haben. Der ist nur verletzt und kommt selber in das Dorf, um sich an
seinem Sohn zu rächen. Als die Dorfbewohner das schließlich mitbekommen,
lassen sie Mahon fallen wie eine heiße Kartoffel, sogar Pegeen, die ihn
heiraten wollte. Er ist zuerst enttäuscht, aber am Ende ist er doch
dankbar, dass sie ihn zum Mann gemacht haben. Er versöhnt sich mit
seinem Vater und sie lassen die Dorfbewohner links liegen, verspotten
sie wegen ihrer Dummheit und gehen nach Hause.
In dem Stück sieht man viele bekannte Tempus fugit-Gesichter, was schon
fast eine Qualitätsgarantie ist. Ric Weißer gelingt es hervorragend, die
Unsicherheit Mahons umzusetzen. Er ist der verschreckte, schüchterne
Knabe, der am Ende gereift aus der Geschichte hervor geht. Nicole
Pawlowski ihrerseits in der weiblichen Hauptrolle besticht vor allem
durch ihr ausdrucksstarkes Spiel. Ihre Figur ist in ihrer
unerschütterlichen Selbstsicherheit ein Gegenpol zu Mahon. Auch den
inneren Konflikt, in den sie gerät, als sie entdeckt, dass Mahon seinen
Vater keineswegs umgebracht hat, stellt sie glaubwürdig dar. Für den
Zuschauer ist es fast ein Schock, dass auch sie sich schließlich von
Mahon abwendet. Auf die solide Leistung können auch die anderen
Schauspieler stolz sein, so dass Vaclav Spirit sich zufrieden zeigte.
Obwohl er sonst nicht für Tempus fugit tätig ist, trägt das Stück die
typische Handschrift der Gruppe: Am wichtigsten ist dabei, dass auf der
Bühne immer was los ist und dass es meist unglaublich schnell geht.
Beschaulich geht es dort niemals zu. Immer wuseln die Schauspieler hin
und her, fliegende Auf- und Abtritte sind die Regel, kurze und knackige
Dialoge folgen aufeinander. Auch typisch für Tempus fugit ist die gute
Körperbeherrschung, die in der Gruppe durch ein gezieltes
Athletiktraining gefördert wird und es den Schauspielern ermöglicht,
sogar Stunts hinzulegen, was auch diesem Stück wieder einmal zugute
gekommen ist. Das Bühnenbild ist wie immer aus einfachen Mitteln
zusammengesetzt, aber nicht so spartanisch wie sonst oft. Es besteht im
wesentlichen aus ein paar alten Kisten.
BZ vom 25.01.2008
Liebe und
Zurückweisung
Die Jugendtheatergruppe
von Tempus fugit spielt "Ein wahrer Held" / Premiere am Samstag
Von unserer
Redakteurin Silke Kohlmann
LÖRRACH. Unter der Regie von Vaclav Spirit bringt die
Jugendtheatergruppe von Tempus fugit "Ein wahrer Held" auf die Bühne. Im
Stück des irischen Autors John Millington Synge geht es um Bewunderung
und Zurückweisung. Ein Stück für junge Menschen, sagt Spirit. Am Samstag
hat es im Nellie Nashorn Premiere.
Eines Abends kommt ein erschöpfter und verdreckter Fremder in die Kneipe
eines verschlafenen Dorfes. Sofort weckt er das Interesse der
Dorfbewohner. Ist er auf der Flucht? Nur zögernd gibt der Fremde
Auskunft — und berichtet schließlich, seinen Vater erschlagen zu haben.
Die Dorfbewohner sind hellauf begeistert: Ein echter Mann, ein wahrer
Held ist in ihren Reihen. Aber bald schon erfährt sein unbeschwerlich
gewordenes Leben eine Wendung.
Die Uraufführung des "Playboy of the Western World" — so der
Originaltitel — führte 1907 in Dublin zu einem großen Skandal:
Nationalistische Kreise vermuteten eine Verunglimpfung der Ehre des
Vaterlands und die Kirche hielt die sittlichen und moralischen
Grundlagen der Gesellschaft für erschüttert.
Regisseur Vaclav Spirit hat das Stück ins Hier und Heute übertragen. "Es
eignet sich sehr gut für eine junge Gruppe", sagt Spirit. Schließlich
ist der "wahre Held" ein junger Mann. Und das Thema des Stücks ist immer
aktuell: Es geht um den Generationenkonflikt, "um den Konflikt eines
jungem Mannes mit seinem Vater, aber auch mit seinen Kumpels" , erklärt
Spirit. Es handelt von Liebe und Bewunderung, aber auch vom
Im-Stich-Gelassen-Werden.
Binnen zwei Wochen haben die jungen Schauspieler von Tempus fugit das
Stück eingearbeitet. "Es war eine wunderbare Zusammenarbeit" , berichtet
Spirit. "Die jungen Leute waren wahnsinnig diszipliniert und
bereitwillig, hart zu arbeiten."
Schon einmal hat Vaclav Spirit, eigentlich Regisseur der Lörracher
Theatergruppe "Gut und Edel" , mit Tempus fugit zusammengearbeitet, hat
die Goldoni-Komödie "Diener zweier Herren" inszeniert. Mit Karin Maßen,
Regisseurin von Tempus fugit, verbinde ihn eine lange Freundschaft.
"Jetzt hatten beide Seiten Lust, wieder zusammenzuarbeiten", erklärt
Spirit. |