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BZ vom 09.10.2008
Die Kraft zur Freiheit
Das deutsch-französische Theaterstück
"Erzähl mir — Raconte moi" nach dem "Roman eines Schicksallosen"
im Burghof Lörrach
"Roman eines Schicksallosen" .
So überschreibt der Schriftsteller Imre Kertész seine autobiografische
Erinnerung an die Deportation ins deutsche Konzentrationslager
Buchenwald 1942, sein Überleben in dieser Todeszone und die Rückkehr in
einen Alltag ohne Lager — zumindest ohne reales Lager. Kertész
unterscheidet zwischen Schicksal und Freiheit und sieht darin keine
Alternativen. Wer Freiheit wählt, kann nicht mehr von Schicksal reden;
da bleibt — schicksallos — nur die Verantwortung für sich und sein Tun.
Der ungarische Autor lehnt es denn auch ab, sich als Opfer (der Nazis)
zu sehen; er zieht aktiven Zorn passiver Schwermut vor, Konfrontation
und Erinnern dem Vergessen: Das ist seine Basis fürs Weiterleben.
Diese Botschaft destilliert Carolina
Pecheny-Durozier in ihrem Theaterstück "Erzähl mir — Raconte
moi" aus dem Roman und der schließt sich ihr im Schlussmonolog,
einem Appell an die Kraft zur Freiheit, ziemlich eindeutig an.
In einfachen, aber eingängigen Bildern übersetzt die
Inszenierung, die die französisch-argentinische Regisseurin mit
Schauspielern der Theater Tempus Fugit (Lörrach) und Lilas en
Scène (Paris) erarbeitet hat, Kertész’ Geschichte zuvor ins
Theater. 2007 feierte die deutsch-französische Koproduktion in
Paris Premiere; nun eröffnete sie auch die Lörracher
Veranstaltungsreihe "Erinnern & Vergessen“.
Mit großen Schritten, ausladenden Bewegungen und
Verrenkungen erkundet eine Frau (Christine Kotschi) die spärlich
ausgestattete Spielfläche auf der zum Kammertheater umfunktionierten
Burghof-Bühne und richtet sich — offenbar eine Anglerin — da ein: eine
Slapstick-Figur, der die Katastrophe eingeschrieben scheint, die einen
Bogen spannt zwischen Idylle und Anstalt. Peu à peu greifen weitere
Figuren ins Geschehen ein: der Clochard (François Accard), ein nervöser
Überlebenskünstler, verschmitzt und gejagt, stets auf der Hut und
ständig auf der Suche nach Verwertbarem. Dritter "Schicksalloser" ist
ein Italiener (Matthias Meier), ein leicht hinterhältiger Narziss
zwischen Macho und Muttersöhnchen. Eine Bäuerin (Karin Maßen) zärtlich
und natürlich brutal, wie es das Landleben fordert, sowie eine skurrile,
leicht überdrehte Schauspielerin (Stefanie Klimkait) komplettieren die
Gruppe.
Die Figuren sollen in ihrer Beliebigkeit wohl
die Unberechenbarkeit des Terrors spiegeln. Aber es braucht
etwas viel Zeit, bis die Inszenierung dieses Tableau entfaltet
hat; mitunter weht i gar ein Hauch von l’art pour l’art von der Bühne auf die Tribüne.
Dramaturgisch aber erarbeitet sich die Inszenierung in dieser
ausladenden Ouvertüre die notwendige Höhe für das weitere Geschehen.
Prägnant und kompakt skizziert die Inszenierung von da eine packende
Talfahrt ins Grauen — ins zerstörerische KZ-Milieu und den Alltag nach
der "Befreiung" , der in allen Varianten aufscheint — vom Suizid
(Clochard) bis zum selbstvergessenen Lebenstaumel (Italiener und die
Schauspielerin).
Unter dem Strich bietet Raconte moi pantomimisch
fundiertes Körpertheater, das in kleineren Stadttheater auch anzutreffen
ist — Theateravantgarde verkörpert das Stück aber nicht. Einmontierte
Textbausteine aus der Antigone oder Shakespeares Hamlet erweitern das
Thema zudem auf allgemein menschliche Ebenen, montieren zeitlose
Daseinsfragen in die Zeitbezüge. Das ist legitim als Versuch der Öffnung
und des Verstehens aber problematisch zugleich. Schließlich heben
Historiker oder jüdische Organisationen immer wieder auf die monströse
Einzigartig des Holocaust ab.
Gefallen kann die Inszenierung vor allem durch ihre
klare Symbolsprache und Regieeinfälle — von der Stilisierung der
Zugfahrt ins KZ, die mit minimalem Requisiteneinsatz und perkussiv
erzeugten Fahrgeräuschen in Szene gesetzt wird, über die mit
Karton-Köpfen symbolisierte bestialische Entpersönlichung, die das Leben
im KZ mit sich brachte, bis zu dem mit einer schlichtem Geste, dem
Zudecken, angedeuteten Aufkommen von Solidarität. In solchen Momenten
blitzt Theaterkunst auf.
Michael Baas
Die Oberbadische
vom 9.10.2008
Bilder vom
Unsagbaren, Unfassbaren
Premiere von „Raconte moi - erzähl mir“ im Burghof / Auftakt der
Reihe „Erinnern und Vergessen“
Von Gabriele
Hauger
Lörrach. Die
Judenverfolgung in der Nazi-Zeit und die Verantwortung von uns Deutschen
- das wird ein schwieriges, mit größter Sensibilität anzufassendes Thema
bleiben - balancierend zwischen Erinnern und Vergessen. Als Auftakt der
gleichnamigen Kulturreihe mit rund 70 verschiedenen Veranstaltungen rund
um die Einweihung der neuen Synagoge in Lörrach am 9. November fand am
Dienstagabend die Premiere des Stücks „Raconte moi - erzähl mir“ statt.
Die Produktion hat bereits in Paris große Erfolge gefeiert. Die
Erwartungen an das hiesige freie Theater Tempus fugit und das
renommierte Théâtre Lilas en Scène in Lörrach waren also groß.
Orientiert an Imre
Kertèszs „Roman eines Schicksalslosen“ erzählt das Stück in starken
Bildern mit nur wenig Worten von fünf Leben: Menschen, die zu Beginn
noch nicht wissen, dass sie alle das gleiche, eigentlich unbeschreibbare
Schicksal der Deportation erleiden werden. Nur durch dieses Nicht-
Wissen ist ein Überleben dieses Wahnsinns überhaupt möglich.
Das Stück beginnt
langsam. Atmosphärische Wegweiser bilden Musik und Klänge (Christine
Kotschi) wie jiddische Melodien oder das Geräusch ratternder Züge, das
sofort Assoziationen auslöst: Waggons, Deportation, Auschwitz. Es
schwebt von Beginn an ein düsterer Grundton über dieser Inszenierung von
Carolina Pecheny-Durozier, deren Biografie von der Shoa geprägt ist -
nur ihre Großmutter überlebte den Holocaust. Als sie noch klein war,
drängte die Regisseurin die Überlebende: „Raconte moi, erzähl mir!“ -
daher also der Titel des Stücks. Eine Antwort bekam sie nicht. Wie will
man dergleichen auch in Worte fassen?
Fünf Menschen aus
ganz unterschiedlichen Lebenswelten begegnen sich im Stück zufällig:
eine musizierende Anglerin, ein lebenskünstlerischer Clochard, ein
junger Macho-Italiener, eine Bäuerin mit ihrem Baby, eine eitle
Schauspielerin. Die einzelnen Szenen scheinen zunächst normaler,
zuweilen sogar amüsanter Alltag: Wenn die Bäuerin (Karin Maßen) mit
ihrem gackernden Huhn Anna spricht, der Macho-Italiener (Matthias Meier)
cool einen Liebesbrief schreibt, die Schauspielerin (Stefanie Klimkait)
an ihrem Koffer herumzerrt oder der Clochard (Francois Accard) sich
pantomimisch an einem Hühnerschenkel ergötzt. Und doch spüren, ahnen,
fürchten wir mittels Musik, Geräuschen, eingestreuter Sequenzen,
Textbausteinen sowie Zitaten beispielsweise aus dem „Hamlet“ das sich
nähernde Grauen.
Und es kommt - mit
voller Wucht, die Zuschauer verbleiben in atemloser Stille. Da ist die
Szene mit dem einst so lebensfrohen Italiener: Er muss sich ausziehen,
strammstehen, ganz entblößt, schutzlos, hilflos, erstarrt vor Angst. Da
ist wabernder Qualm - wir denken an Brennöfen und Gaskammern. Die
Gesichter von Papp-Häusern verhüllt, torkeln die Schauspieler gekrümmt
vor Entsetzen zu heftigen musikalischen Dissonanzen über die Bühne,
suchen sich zu halten, wo es doch keinen Halt gibt. Beinahe unerträglich
dann die fast tierischen Schreie der Bäuerin, die ihr Baby umklammert:
„Nur eine Minute, eine Sekunde, einen Moment.“ Wir brauchen nicht mehr,
um zu verstehen, was jetzt droht: die Wegnahme, der Verlust, der Tod
ihres Kindes. Die rasende Verzweiflung der Mutter lässt einen innerlich
erstarren. Das sind die ganz starken Szenen, die ohne plakativ zu
werden, den Horror des Holocaust thematisieren - Szenen, die weitere
innere Bilder auslösen, die wir alle aus Geschichtsunterricht und Dokus
kennen.
Besonders der
erste Teil der Inszenierung mag manchen Zuschauer jedoch etwas
überfordert haben. Ohne Vorwissen fiel das Verständnis der Zusammenhänge
schwer, ebenso die Einordnung der eingestreuten Hamlet- und
Antigone-Monologe. Höchst bedauerlich war, dass die Sicht auf die Bühne
in den hinteren Reihen stark eingeschränkt war, gerade bei einem Stück,
das eher auf Bilder, denn auf Worte setzt.
Die Schauspieler
indes überzeugten mit faszinierender Intensität in Mimik und Gestik. Und
die Schlussszene brachte vielen Zuschauern Enträtselung und Klärung: Es
erklingt die Stimme eines Mädchens aus dem Off. Sie stellt Fragen,
direkt und ohne Scheu. Die Musikerin in der Rolle einer
Holocaust-Überlebenden versucht zu antworten: „Erinnern ist mir
wichtiger als das Vergessen“, ein Satz, über den noch lange nachzudenken
ist.
Die Oberbadische vom 6.10.08
Raconte-moi - Erzähl’ mir wie es war!
Deutsch-französisches
Holocaust-Erinnerungsprojekt auf der Burghof-Bühne
Von Jürgen Scharf
Lörrach. In Paris wurde es neun Mal im legendären
Théâtre du Soleil aufgeführt und beeindruckte das Publikum. „Die Leute
blieben danach noch lange sitzen und haben das Gespräch gesucht“,
erzählt Karin Maßen. Nach der französischsprachigen Uraufführung des
Stücks „Raconte-moi – Erzähl’ mir“ im November letzten Jahres kommt
jetzt das deutsch- französische Gemeinschaftsprojekt des Freien Theaters
Tempus fugit und des Théâtre Lilas en Scène mit der deutschsprachigen
Erstaufführung nach Lörrach.
In der Reihe „Erinnern und Vergessen“, einem
Kulturprojekt im Grenzland, wird dieses Theaterstück, das auf dem wohl
bekanntesten Buch des ungarischen Autors Imre Kertész „Roman eines
Schicksallosen“ basiert, vier Mal im Burghof gespielt. „Wir wollten es
zusammen machen“, sagt die Leiterin von Tempus fugit, die selber
mitspielt. Der Kontakt zu der französischen Theatergruppe entstand durch
die Regisseurin Carolina Pecheny-Durozier, die man von Schauspielkursen
her kannte und die im Kulturraum Rosenhof in Tegernau- Schwand 2005 mit
Tempus fugit-Darstellern das Stück „Mockinpott“ von Peter Weiss
inszeniert hat. In Paris, wo die Regisseurin mit dem Théâtre Lilas en
Scène zusammenarbeitet, hat man sich dann getroffen, um im
Theaterlaboratorium zu experimentieren. So kam es zur Kooperation eines
deutschfranzösischen Erinnerungsprojekts, das die Problematik des
Holocaust behandelt.
Carolina Pecheny-Durozier, deren Familie selber vom
Holocaust betroffen war – nur ihre Großmutter hat das Grauen überlebt –
beschäftigt sich stark mit der Shoah, der Verfolgung und Ermordung der
Juden im Nationalsozialismus. Wie sie erzählt, hat die Tochter die
Mutter oft gefragt: „Raconte-moi“, also: Erzähl mir, wie es damals war.
Und diese Art von künstlerischer Vergangenheitsbewältigung gab dem
Theaterstück den Titel. Vor dem biografischen Hintergrund und der
persönlichen Betroffenheit muss man Pechenys Regie-Arbeit ein Stück weit
als Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte sehen.
Vorlage liefert Kertész’ autobiografischer Roman, der
den Alltag in Auschwitz schildert und eine Folie für die episodenhaften
Szenen, Lebensläufe, Schicksale, Geschichten und Handlungen der
einzelnen Personen ist. Die Regisseurin hat für die Sprache des Autors
eine Entsprechung im Theater mit eindringlichen Bildern gesucht. In dem
Fünf-Personen- Stück begegnen sich eine Musikerin, ein junger Italiener,
eine Bäuerin, ein Clochard und ein Schauspieler. Neben Karin Maßen
wirken als Darsteller Stefanie Klimkait, François Accard, Matthias Meier
sowie Christine Kotschi (Musik) mit. Dieser Tage wurden die Proben
wieder aufgenommen. An die Lörracher Vorstellungen schließt sich eine
kleine Tournee an, die nach Tübingen, Rheinfelden und Berlin führt -
schließlich ist Klaus Wowereit Schirmherr des Projekts.
Der Sonntag vom 5. Oktober 2008
Frage ohne Antwort
Ein aufwühlendes Theaterprojekt: „Raconte
moi – Erzähl mir“ im Burghof Lörrach
Der Auftakt der Lörracher Reihe „Erinnern &
Vergessen“ (...) könnte erschütternder kaum sein: Deutsche und
französische Schauspieler dramatisieren Imre Kertesz‘
autobiografischen Auschwitz-Roman.
ANNETTE MAHRO
Eine Antwort kann es nicht geben. Die
Ausgangsfrage, ob und wie ein Weiterleben nach der Erfahrung des
Unfassbaren möglich sein kann, muss offen bleiben. Imre Kertész,
Auschwitz-Überlebender und Literaturnobelpreisträger von 2002,
hat sich ihr in seinem autobiografischen Hauptwerk, dem „Roman
eines Schicksalslosen‘ dennoch gestellt. Sein Werk war
Inspiration und Grundlage für ein deutsch- französisches
Erinnerungsprojekt, das am Dienstag im Lörracher Burghof
deutsche Premiere hat.
Zentral ist für „Erzähl mir— Raconte moi“ die
Frage nach der Darstellbarkeit, die sich jeder Bühnenproduktion,
diesmal aber auch den Betroffenen und Opfern stellt. Wie lässt
sich, was sich jeder lebbaren Erinnerung notwendig entziehen
müsste, vermitteln, wie damit umgehen? Die französische
Regisseurin Carolina Pecheny-Durozier, um deren Idee herum das
Stück von Mitgliedern des freien Theaters „Tempus Fugit“ aus
Lörrach und dessen französischen Partner, den „Lilas en Scène“
entwickelt wurde, hat zum Thema sehr persönliche Bezüge. Die
gesamte Familie ihrer Mutter ist im KZ umgekommen. Die
Großmutter konnte als einzige Überlebende bis zum Tod nicht über
ihre Erfahrungen sprechen.
„Ich habe mich sehr oft mit der Shoah
beschäftigt“, sagt die Französin, „ich habe viel dazu gelesen,
aber zu der Frage nach dem Weiterleben nie eine Antwort
gefunden.“ Entwürfe wären denkbar, etwa der Ausweg in die Kunst,
aber auch der selbstbestimmte Tod. Das Geschehen auf der Bühne
teilt sich in drei Abschnitte, den Aufbruch, die Ankunft in
Auschwitz und schließlich die Rückkehr. Alle fünf Figuren des
Stücks werden in ihrem alltäglichen Lebensumfeld eingeführt.
Eine zentrale Rolle spielt die Fischerin und Musikantin
(Christine Kotschi), die mit einer Vielzahl von zum Teil eigens
für „Raconte-moi“ gefertigten Instrumenten durch das Stück
führen wird. Als nächster betritt der Lebenskünstler und
Clochard (François Accard) die Bühne, es folgen die Bäuerin
(Karin Maßen), der junge Italiener (Matthias Meier) und die
Schauspielerin (Stefanie Klimkait).
Aus Kertész‘ Roman
wurden Struktur und Idee übernommen, ansonsten entwickelt das
Stück aber ein Eigenleben. Sophokles‘ „Antigone“ und
Shakespeares „Hamlet“ fließen zusätzlich als Textsplitter ein.
Deutlich über dem Wort stehen Bild und Ton, die kunstvoll
minimieren und auf den Punkt verdichten, was sich nur minimieren
lässt. Je weniger von einem greifbaren Bild aber schließlich
übrig bleibt, umso gewaltiger wird der Assoziationsspielraum für
den Zuschauer.
In
„Erzähl mir“ wird er
stellenweise ähnlich erdruckend wie etwa in
Constantin Costa Gavras‘ meisterlicher Verfilmung von Rolf
Hochhuths „Stellvertreter“ (2002).
Die Güterzüge, die in
dessen Film immer neu durchs Land rattern, bald mit
geschlossenen in die eine, bald mit offenen Waggontüren in die
andere Richtung, brauchen keinen Kommentar. Mit noch einmal
weniger Text kommt die Bühne aus. „Die Worte, die übrig
bleiben“, so beschreibt Carolina Pecheny-Durozier ihre
Vorgehensweise, „sind die unvermeidlichen“.
Was
bleibt, ist aber nicht nur Hamlets berühmtes „Sein oder
Nichtsein“ in deutsch und französisch oder Antigones
Schuld-Monolog. Es bleiben auch Teile eines Kinderliedes, mit
dem eine Mutter ihr Baby in den Schlaf singt, Diskussionsfetzen
eines Jugendlichen mit seiner Mutter oder Bruchstücke aus den
Zurufen zweier Verliebter. Fünf anfangs noch völlig von einander
getrennte Schicksale werden schließlich zu einem.
„Erzähl mir —
Raconte-moi“ wurde als Koproduktion von ‚Tempus fugit“ und
„Lilas en Scène“ im November 2007 in Ariane Mnouchkines
legendärem Pariser „Théâtre du Soleil“ uraufgeführt. Die
deutsche Fassung reist weiter nach Tübingen, Rheinfelden und
nach Berlin, dessen Bürgermeister und Bevollmächtigter
für
die deutschfranzösische Zusammenarbeit Klaus Wowereit die
Schirmherrschaft über das Projekt übernommen hat. In Lörrach
bildet das Stück den Auftakt zum Kulturprojekt „Erinnern &
Vergessen“, mit dem am 9. November 70 Jahre nach ihrer
Zerstörung die Einweihung der neuen Lörracher Synagoge gefeiert
wird.
BZ vom 04.10.2008
Die Bändigung des Unerträglichen
Das deutsch-französische Theaterprojekt
"Erzähl mir — Raconte-moi" gastiert im Burghof Lörrach
"Ich bin eine
Überlebende der Shoa." Sechs Worte, eine tonnenschwere Botschaft
und das Einzige, was die polnische Großmutter Carolina
Pecheny-Durozier von ihrem frühen Schicksal offenbarte. Als
einziges Familienmitglied hatte die Großmutter die Verfolgung
und Vernichtung der europäischen Juden durch die deutschen
Nationalsozialisten und deren Verbündete über- und zwangsläufig
unfassbare Dinge erlebt — ein Schicksal, das sie unter Tränen in
diesem einem Satz preisgab und danach bis zu ihrem Tod nie
wieder thematisierte, wie die argentinisch-französische
Theaterregisseurin schildert. Da s ist ein Weg, mit Erinnerungen
umzugehen. Imre Kertész, der ungarische
Literaturnobelpreisträger, hat die gleiche Erfahrung in anderer
Form verarbeitet — auch er wurde von der nationalsozialistischen
Menschen-Vernichtungsmaschinerie erfasst und hat sie überlebt.
Sein "Roman eines Schicksallosen" beschreibt das aus der
Perspektive eines 14-Jährigen als nüchterne Bestandsaufnahme.
"Kertész weigert sich ein Opfer zu sein" , analysiert Carolina
Pecheny-Durozier das im Gespräch in Lörrach.
Der autobiografische Text und diese Weigerung
liefern ihr den Rahmen für das deutsch-französische
Erinnerungsprojekt "Erzähl mir — Raconte-moi" . Die Regisseurin,
die auch schon am Rosenhof in Schwand gastierte, hat daraus in
einer Koproduktion des Lörracher Theaters Tempus fugit mit dem
französischen Theater Lilas en Scène eine Bilderfolge
komponiert, ein Théâtre des Images. Die Geschichte orientiere
sich zwar an der Struktur des Romans, folge dessen
Spannungsbogen — vom Aufbruch ins Konzentrationslager, der
Ankunft und dem Zurechtfinden in Buchenwald bis zur Rückkehr von
dem Ort des Grauens. Aber die Aufführung ist keine
Dramatisierung des Romans. Im Gegenteil. "Die Worte stehen nicht
im Vordergrund" , schildert die Regisseurin. Rollendialoge
gibt’s gleich gar keine, stattdessen reflektieren einmontierte
Textbausteine Reaktionen auf extreme, hoffnungslose Situationen
— Shakespeares Hamlet und sein Monolog vom Sein oder Nichtsein
zum Beispiel. Dazu gibt’s viel Musik — unter anderem mit einer
iranischen Geige, einer Ghicheh, und bildhafte Szenen. "Wir
erzählen die Geschichte mit einfachen klaren Mittel" , betont
Karin Maßen denn auch.
Das Stück entwickelt sich aus der Begegnung
von fünf Menschen — einem jungen Italiener (Matthias Meier),
einer angelnden Musikerin (Christine Kotschi), einem
Lebenskünstler und philosophisch-angehauchten Clochard (François
Accard), einer Schauspielerin (Stefanie Klimkait) und einer
Bäuerin (Karin Maßen). Das Quintett trifft sich zufällig und
ahnt nicht, dass daraus ein gemeinsames Schicksal werden wird:
die Deportation in ein Konzentrationslager. Dieses verändert das
Dasein dramatisch und Stufe um Stufe wird den Protagonisten dort
die ausweglose Lage bewusst. Genau dieses langsame Erkennen
wiederum legt aber die Grundlage dafür, dass sie überleben . . .
Die Gemeinschaftsproduktion deren Schirmherr
übrigens der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus
Wowereit, als Kulturbeauftragter der Bundesregierung für die
deutsch-französische Zusammenarbeit ist, wurde im Vorjahr zum
fünften "Festival De Troupes Théâtrales" in Ariane
Mnouchkines Théâtre du Soleil nach Paris eingeladen und dort
sehr positiv aufgenommen — auch wenn die erste Reaktion oft
Verstörung zeigt, wie die Regisseurin erinnert. Nun kommt das
Stück in einer sprachlich leicht angepassten deutschen Version
in den Burghof — auf die zum Kammertheater umfunktionierte Bühne
des Großen Saals.
Michael Baas
BZ vom 25.10.2007
Theater des
Unfassbaren
Tempus
fugit gastiert mit der Gemeinschaftsproduktion "Raconte moi" im Théâtre
du Soleil
Tempus
fugit ist fraglos eine Erfolgsgeschichte. Vor mehr als zehn Jahren
gründete Karin Maßen die freie Theatergruppe. Inzwischen haben sich aus
der Wurzel nicht nur zahlreiche neue Triebe entwickelt; vielmehr ist der
mittlerweile sehr stabile Stamm um die Gründerin längst auf dem Weg vom
Amateur- zum Profitheater. Und das Ziel ist klar. "Wir wollen
professionelle Strukturen schaffen und eine professionelle Gruppe
aufbauen" , sagt Karin Maßen. Mit "Raconte moi — erzähl’ mir" , erklimmt
Tempus fugit nun zumindest eine weitere Stufe auf der langen Leiter in
dieses Profigeschäft.
Die
Gemeinschaftsproduktion mit dem französischen Theater Lilias en Scène,
deren Schirmherr übrigens der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus
Wowereit, als Kulturbeauftragter der Bundesregierung für die
deutsch-französische Zusammenarbeit ist, wurde mit sieben weiteren
Inszenierungen zum fünften "Festival De Troupes Théâtrales" in Ariane
Mnouchkines Théâtre du Soleil nach Paris eingeladen. Das wiederum ist
nicht irgendein Theater, sondern eine der ersten Adressen der freien
Theaterszene in Europa. Acht mal wird "Raconte moi" während des
sechswöchigen Festivals in dem Theatertempel aufgeführt; zusätzlich
werden von der Truppe — zum schauspielerischen Team gehören neben Karin
Maßen auch die Tempus fugit-Mitglieder Stefanie Klimkait und Matthias
Meier — Arbeitsdienste erwartet und spontanes szenisches Arbeiten. Ein
Anspruch, der auch eine vergleichsweise erfahrene Schauspielerin wie
Karin Maßen fordert. "Ich bin aufgeregt", räumt die 52-Jährige ein.
Inhaltlich befasst sich das Stück vor allem mit dem Thema Erinnerung,
genauer gesagt mit der Frage, wie Erinnerungen jenseits der Ebene der
Zeitzeugen wachzuhalten sind. Den Stoff dazu liefert eine der großen
Katastrophen des 20. Jahrhunderts, der Zweite Weltkrieg und insbesondere
der nationalsozialistische Terror und seine Massenmorde an Juden,
Behinderten, Zwangsarbeitern, Linken . . . Im Kern geht es um die Frage,
welche lebendige Form des Erinnerns denjenigen bleibe, die die Shoa und
die Nazi-Diktatur nicht unmittelbar erlebt haben. Ziel sei eine
theatrale Umsetzung, eine Form, die die Risse zwischen real Erlebtem und
dem Nachgeborensein überbrückt, "die nicht sentimentalisiert oder
instrumentalisiert" , wie es in der Projektbeschreibung heißt. Mit
anderen Worten: Es geht darum, der Verkürzung der Geschichte auf
moralisierende Schlagworte und Gedenktage entgegenzutreten.
Die
Basis dafür bilden Werke des ungarischen Literaturnobelpreisträgers Imre
Kertész, der die nationalsozialistischen Konzentrationslager am eigenen
Leib erlitten hat und mit dessen Generation "die lebendige Erfahrung"
dieser Katastrophe ausstirbt, wie er feststellt. Das insgesamt
achtköpfige Ensemble habe unter Leitung der argentinischen Regisseurin
Carolina Pecheny-Durozier, die übrigens schon mit einer Inszenierung im
Rosenhof in Schwand gastierte, aus den Kertész-Texten aber eigene
Figuren entwickelt, schildert Maßen; diese tasteten sich behutsam an
Einzelschicksale heran, zeigten Menschen, die im Konzentrationslager
ankommen, ihr Leben diesen Umständen anpassen und im besten Fall nach
1945 mit den schrecklichen Erlebnissen weiterleben müssen. Figuren also,
die das Unbeschreibliche fassbar zu machen versuchen. Umgesetzt wird das
sehr körperbetont, in einem Bühnenbild des französischen Künstlers Erik
Nussbicker und mit viel Musik; diese komponierte die in Paris lebende
Deutsche Christine Kotschi.
Das
Projekt versteht sich denn auch nicht nur als Beitrag gegen das
Verblassen historischer Erfahrungen, sondern will einen
kulturübergreifende Dialog übers Erinnern anregen. Deshalb soll es nach
der Premiere in Paris auf Tournee gehen durch Deutschland und Frankreich
und nach Möglichkeit noch mit Zeitzeugen-Projekten in lokalen
Bibliotheken vernetzt werden. Für die deutsche Erstaufführung hat Tempus
fugit den Burghof ins Auge gefasst; auch in der Coupole in St. Louis und
der Filiature in Mulhouse soll "Raconte moi" zu sehen sein — dann in der
französischen Version.
Michael Baas |