aktuelle Inszenierung:

Theater Tempus fugit in Kooperation mit dem Théâtre Lilas en Scène
aus Frankreich zeigt die deutschsprachige Erstaufführung

 

   
 
 

"Raconte moi -
erzähl mir"
Inspiriert von Imre Kertész

Regie: Carolina Pecheny-Durozier

Schirmherr: Klaus Wowereit
(Bevollmächtigter der BRD für kulturelle Angelegenheiten im Rahmen des Vertrags über die deutsch-französische Zusammenarbeit)

 

 


 

   
   
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  zum Stück:

Inhalt von "Raconte moi - erzähl mir"

„Es gibt keine Absurdität, die man nicht natürlich leben würde (…)“
(Imre Kertész in : Roman eines Schicksallosen)

Das Theaterstück erzählt vom normalen Alltag einzelner Personen, die sich zufällig und flüchtig über den Weg laufen. Niemand ahnt, dass Ihnen das gleiche Schicksal bevor steht: Die Deportation in ein Konzentrationslager. Dort durchleben sie gemeinsam Stationen, die ihre Lebenssituation auf unmenschliche Weise dramatisch verändert. Allerdings nicht auf einen Schlag, sondern in der Abfolge der Zeit - Stufe um Stufe wird ihnen das ganze Ausmaß ihrer katastrophalen Lebensumstände bewusst. Und genau dies, nicht alles von Anfang an gewusst zu haben, lässt sie die schrecklichen Ereignisse überleben.
Doch was kommt nach dem Sturm? Wie lässt sich mit den unvorstellbaren Erfahrungen nach der Befreiung weiterleben? Gibt es neben Selbstmord und lebenslanger Opferrolle einen dritten Weg, der die traumatischen Erinnerungen in eine produktive Kraft transformiert, wie ihn der Literaturnobelpreisträger Imre Kertész einfordert?


Über das Erinnerungsprojekt "Raconte moi - erzähl mir"


Nach der erfolgreichen französischsprachigen Uraufführung im Pariser Théâtre du Soleil im Oktober 2007 ist das deutsch-französische Gemeinschaftsprojekt nun mit einer deutschsprachige Aufführungsstaffel in Lörrach, Tübingen, Rheinfelden und Berlin zu sehen.

„Ich gehöre zur letzten Generation, die eine lebendige Erfahrung von Auschwitz hat. Mit mir wird die lebende Erfahrung sterben. Es bleibt die Erinnerung.“
(Imre Kertész in: David Dambitsch, Stimmen der Geretteten, Audio Verlag)

Ziel des Erinnerungsprojekts ist die Suche nach einer zeitgemäßen Erinnerungsform an die Opfer des nationalsozialistischen Regimes. Auslöser für das Projekt war die Beobachtung, dass die Zahl der Zeitzeugen stetig abnimmt und damit das lebendigste Erinnerungswissen für immer erlischt. Es drängt sich die Frage auf, welche Form der Erinnerung Nachgeborenen dann bleibt.

"Raconte moi - Erzähl mir" ist die Suche nach einer Erinnerungsform, die die Lehren aus der Vergangenheit für gegenwärtiges Handeln nutzbar macht. Mit wenig Sprache und vielen ausdrucksstarken Bildern suchten die sechs Ensemblemitglieder hierfür eine künstlerische Entsprechung. Neben zahlreichen Erlebnisberichten durch Vorrecherchen, z.T. aber auch persönlichen Erfahrungen orientierte sich das Ensemble insbesondere an dem Wirken von Literaturnobelpreisträger Imre Kertész. Demnach muss das Erzählte berühren, ohne eine durch Betroffenheit ausgelöste Starre zu bewirken.
 

 
  zu Imre Kertész: 

Imre Kertész (* 9. November 1929 in Budapest) ist ein ungarischer Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger 2002.

Wegen seiner jüdischen Abstammung wurde Kertész 1944 über Auschwitz in das Konzentrationslager Buchenwald und in dessen Außenlager Tröglitz/Rehmsdorf bei Zeitz verschleppt. Seine Erfahrungen dort beschrieb er in dem autobiografischen Buch Roman eines Schicksallosen, im ungarischen Original Sorstalanság. Der Roman wurde 2005 von Lajos Koltai verfilmt.

Imre Kertész lebt mit seiner Frau abwechselnd in Berlin und in Budapest.

„Ich bin die letzte Generation, die eine lebendige Erfahrung von Auschwitz hat. Mit mir wird diese lebendige Erfahrung aussterben. Es bleibt die Erinnerung.“ (Imre Kertész)

„Es gibt keine Absurdität, die man nicht natürlich leben würde.“ (Imre Kertész, „Roman eines Schicksallosen“)

 
  Grußwort des Schirmherrn Klaus Wowereit

(Bevollmächtigter der Bundesrepublik Deutschland für kulturelle Angelegenheiten im Rahmen des Vertrages über die deutsch-französische Zusammenarbeit)

Es geht um unsere Geschichte und vor allem geht es um das gemeinsame Erinnern und das Bewahren des Andenkens jener Generation, die das Unbeschreibliche überlebte und den Mut zu einem Neuanfang fand, der Deutschland und Frankreich heute in fester Freundschaft verbindet. Die Erinnerungskultur mag diesseits und jenseits des Rheins unterschiedlich geprägt sein, wichtig ist, dass man sich erinnert und miteinander über die jeweils unterschiedlichen Erinnerungen spricht, dass man die historischen Erfahrungen an die Jüngeren weiter gibt, damit sie das Gedenken bewahren und um sie vorzubereiten auf die Übernahme der Verantwortung für die Gestaltung einer friedlichen Zukunft.

Genau dazu leistet dieses Projekt einen wichtigen Beitrag. Aufführungen wird es in Deutschland und Frankreich geben, begleitet durch öffentliche Diskussionen und Berichte von Zeitzeugen vor Schulklassen. Bei all dem geht es aber nicht nur um die Erinnerung, um Vergangenes, es geht vor allem um die Zukunft. Unsere Zukunft werden wir Deutsche und Franzosen im geeinten Europa gemeinsam gestalten. „Raconte moi – erzähl mir" ist auch eine Aufforderung, selbst etwas zu erzählen, Position zu beziehen und unterschiedlich erlebte und wahrgenommene Geschichte mitzunehmen in die gemeinsame europäische Zukunft.

Ich bin sicher, all jene, die die Aufführungen besuchen, werden etwas zu erzählen haben. Etwas, was zum Nachdenken anregt. Damit erreicht das Projekt sein Ziel.

Ich wünsche viel Erfolg!

Klaus Wowereit

 
   
  Presse
   
 

BZ vom 09.10.2008

Die Kraft zur Freiheit

Das deutsch-französische Theaterstück "Erzähl mir — Raconte moi" nach dem "Roman eines Schicksallosen" im Burghof Lörrach

"Roman eines Schicksallosen" . So überschreibt der Schriftsteller Imre Kertész seine autobiografische Erinnerung an die Deportation ins deutsche Konzentrationslager Buchenwald 1942, sein Überleben in dieser Todeszone und die Rückkehr in einen Alltag ohne Lager — zumindest ohne reales Lager. Kertész unterscheidet zwischen Schicksal und Freiheit und sieht darin keine Alternativen. Wer Freiheit wählt, kann nicht mehr von Schicksal reden; da bleibt — schicksallos — nur die Verantwortung für sich und sein Tun. Der ungarische Autor lehnt es denn auch ab, sich als Opfer (der Nazis) zu sehen; er zieht aktiven Zorn passiver Schwermut vor, Konfrontation und Erinnern dem Vergessen: Das ist seine Basis fürs Weiterleben.

Diese Botschaft destilliert Carolina Pecheny-Durozier in ihrem Theaterstück "Erzähl mir — Raconte moi" aus dem Roman und der schließt sich ihr im Schlussmonolog, einem Appell an die Kraft zur Freiheit, ziemlich eindeutig an. In einfachen, aber eingängigen Bildern übersetzt die Inszenierung, die die französisch-argentinische Regisseurin mit Schauspielern der Theater Tempus Fugit (Lörrach) und Lilas en Scène (Paris) erarbeitet hat, Kertész’ Geschichte zuvor ins Theater. 2007 feierte die deutsch-französische Koproduktion in Paris Premiere; nun eröffnete sie auch die Lörracher Veranstaltungsreihe "Erinnern & Vergessen“.

Mit großen Schritten, ausladenden Bewegungen und Verrenkungen erkundet eine Frau (Christine Kotschi) die spärlich ausgestattete Spielfläche auf der zum Kammertheater umfunktionierten Burghof-Bühne und richtet sich — offenbar eine Anglerin — da ein: eine Slapstick-Figur, der die Katastrophe eingeschrieben scheint, die einen Bogen spannt zwischen Idylle und Anstalt. Peu à peu greifen weitere Figuren ins Geschehen ein: der Clochard (François Accard), ein nervöser Überlebenskünstler, verschmitzt und gejagt, stets auf der Hut und ständig auf der Suche nach Verwertbarem. Dritter "Schicksalloser" ist ein Italiener (Matthias Meier), ein leicht hinterhältiger Narziss zwischen Macho und Muttersöhnchen. Eine Bäuerin (Karin Maßen) zärtlich und natürlich brutal, wie es das Landleben fordert, sowie eine skurrile, leicht überdrehte Schauspielerin (Stefanie Klimkait) komplettieren die Gruppe.

Die Figuren sollen in ihrer Beliebigkeit wohl die Unberechenbarkeit des Terrors spiegeln. Aber es braucht etwas viel Zeit, bis die Inszenierung dieses Tableau entfaltet hat; mitunter weht i gar ein Hauch von l’art pour l’art von der Bühne auf die Tribüne. Dramaturgisch aber erarbeitet sich die Inszenierung in dieser ausladenden Ouvertüre die notwendige Höhe für das weitere Geschehen. Prägnant und kompakt skizziert die Inszenierung von da eine packende Talfahrt ins Grauen — ins zerstörerische KZ-Milieu und den Alltag nach der "Befreiung" , der in allen Varianten aufscheint — vom Suizid (Clochard) bis zum selbstvergessenen Lebenstaumel (Italiener und die Schauspielerin).

Unter dem Strich bietet Raconte moi pantomimisch fundiertes Körpertheater, das in kleineren Stadttheater auch anzutreffen ist — Theateravantgarde verkörpert das Stück aber nicht. Einmontierte Textbausteine aus der Antigone oder Shakespeares Hamlet erweitern das Thema zudem auf allgemein menschliche Ebenen, montieren zeitlose Daseinsfragen in die Zeitbezüge. Das ist legitim als Versuch der Öffnung und des Verstehens aber problematisch zugleich. Schließlich heben Historiker oder jüdische Organisationen immer wieder auf die monströse Einzigartig des Holocaust ab.

Gefallen kann die Inszenierung vor allem durch ihre klare Symbolsprache und Regieeinfälle — von der Stilisierung der Zugfahrt ins KZ, die mit minimalem Requisiteneinsatz und perkussiv erzeugten Fahrgeräuschen in Szene gesetzt wird, über die mit Karton-Köpfen symbolisierte bestialische Entpersönlichung, die das Leben im KZ mit sich brachte, bis zu dem mit einer schlichtem Geste, dem Zudecken, angedeuteten Aufkommen von Solidarität. In solchen Momenten blitzt Theaterkunst auf.

Michael Baas


Die Oberbadische vom 9.10.2008

Bilder vom Unsagbaren, Unfassbaren

Premiere von „Raconte moi - erzähl mir“ im Burghof / Auftakt der Reihe „Erinnern und Vergessen“

Von Gabriele Hauger

Lörrach. Die Judenverfolgung in der Nazi-Zeit und die Verantwortung von uns Deutschen - das wird ein schwieriges, mit größter Sensibilität anzufassendes Thema bleiben - balancierend zwischen Erinnern und Vergessen. Als Auftakt der gleichnamigen Kulturreihe mit rund 70 verschiedenen Veranstaltungen rund um die Einweihung der neuen Synagoge in Lörrach am 9. November fand am Dienstagabend die Premiere des Stücks „Raconte moi - erzähl mir“ statt. Die Produktion hat bereits in Paris große Erfolge gefeiert. Die Erwartungen an das hiesige freie Theater Tempus fugit und das renommierte Théâtre Lilas en Scène in Lörrach waren also groß.

Orientiert an Imre Kertèszs „Roman eines Schicksalslosen“ erzählt das Stück in starken Bildern mit nur wenig Worten von fünf Leben: Menschen, die zu Beginn noch nicht wissen, dass sie alle das gleiche, eigentlich unbeschreibbare Schicksal der Deportation erleiden werden. Nur durch dieses Nicht- Wissen ist ein Überleben dieses Wahnsinns überhaupt möglich.

Das Stück beginnt langsam. Atmosphärische Wegweiser bilden Musik und Klänge (Christine Kotschi) wie jiddische Melodien oder das Geräusch ratternder Züge, das sofort Assoziationen auslöst: Waggons, Deportation, Auschwitz. Es schwebt von Beginn an ein düsterer Grundton über dieser Inszenierung von Carolina Pecheny-Durozier, deren Biografie von der Shoa geprägt ist - nur ihre Großmutter überlebte den Holocaust. Als sie noch klein war, drängte die Regisseurin die Überlebende: „Raconte moi, erzähl mir!“ - daher also der Titel des Stücks. Eine Antwort bekam sie nicht. Wie will man dergleichen auch in Worte fassen?

Fünf Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten begegnen sich im Stück zufällig: eine musizierende Anglerin, ein lebenskünstlerischer Clochard, ein junger Macho-Italiener, eine Bäuerin mit ihrem Baby, eine eitle Schauspielerin. Die einzelnen Szenen scheinen zunächst normaler, zuweilen sogar amüsanter Alltag: Wenn die Bäuerin (Karin Maßen) mit ihrem gackernden Huhn Anna spricht, der Macho-Italiener (Matthias Meier) cool einen Liebesbrief schreibt, die Schauspielerin (Stefanie Klimkait) an ihrem Koffer herumzerrt oder der Clochard (Francois Accard) sich pantomimisch an einem Hühnerschenkel ergötzt. Und doch spüren, ahnen, fürchten wir mittels Musik, Geräuschen, eingestreuter Sequenzen, Textbausteinen sowie Zitaten beispielsweise aus dem „Hamlet“ das sich nähernde Grauen.

Und es kommt - mit voller Wucht, die Zuschauer verbleiben in atemloser Stille. Da ist die Szene mit dem einst so lebensfrohen Italiener: Er muss sich ausziehen, strammstehen, ganz entblößt, schutzlos, hilflos, erstarrt vor Angst. Da ist wabernder Qualm - wir denken an Brennöfen und Gaskammern. Die Gesichter von Papp-Häusern verhüllt, torkeln die Schauspieler gekrümmt vor Entsetzen zu heftigen musikalischen Dissonanzen über die Bühne, suchen sich zu halten, wo es doch keinen Halt gibt. Beinahe unerträglich dann die fast tierischen Schreie der Bäuerin, die ihr Baby umklammert: „Nur eine Minute, eine Sekunde, einen Moment.“ Wir brauchen nicht mehr, um zu verstehen, was jetzt droht: die Wegnahme, der Verlust, der Tod ihres Kindes. Die rasende Verzweiflung der Mutter lässt einen innerlich erstarren. Das sind die ganz starken Szenen, die ohne plakativ zu werden, den Horror des Holocaust thematisieren - Szenen, die weitere innere Bilder auslösen, die wir alle aus Geschichtsunterricht und Dokus kennen.

Besonders der erste Teil der Inszenierung mag manchen Zuschauer jedoch etwas überfordert haben. Ohne Vorwissen fiel das Verständnis der Zusammenhänge schwer, ebenso die Einordnung der eingestreuten Hamlet- und Antigone-Monologe. Höchst bedauerlich war, dass die Sicht auf die Bühne in den hinteren Reihen stark eingeschränkt war, gerade bei einem Stück, das eher auf Bilder, denn auf Worte setzt.

Die Schauspieler indes überzeugten mit faszinierender Intensität in Mimik und Gestik. Und die Schlussszene brachte vielen Zuschauern Enträtselung und Klärung: Es erklingt die Stimme eines Mädchens aus dem Off. Sie stellt Fragen, direkt und ohne Scheu. Die Musikerin in der Rolle einer Holocaust-Überlebenden versucht zu antworten: „Erinnern ist mir wichtiger als das Vergessen“, ein Satz, über den noch lange nachzudenken ist.


Die Oberbadische vom 6.10.08

Raconte-moi - Erzähl’ mir wie es war!

Deutsch-französisches Holocaust-Erinnerungsprojekt auf der Burghof-Bühne

Von Jürgen Scharf

Lörrach. In Paris wurde es neun Mal im legendären Théâtre du Soleil aufgeführt und beeindruckte das Publikum. „Die Leute blieben danach noch lange sitzen und haben das Gespräch gesucht“, erzählt Karin Maßen. Nach der französischsprachigen Uraufführung des Stücks „Raconte-moi – Erzähl’ mir“ im November letzten Jahres kommt jetzt das deutsch- französische Gemeinschaftsprojekt des Freien Theaters Tempus fugit und des Théâtre Lilas en Scène mit der deutschsprachigen Erstaufführung nach Lörrach.

In der Reihe „Erinnern und Vergessen“, einem Kulturprojekt im Grenzland, wird dieses Theaterstück, das auf dem wohl bekanntesten Buch des ungarischen Autors Imre Kertész „Roman eines Schicksallosen“ basiert, vier Mal im Burghof gespielt. „Wir wollten es zusammen machen“, sagt die Leiterin von Tempus fugit, die selber mitspielt. Der Kontakt zu der französischen Theatergruppe entstand durch die Regisseurin Carolina Pecheny-Durozier, die man von Schauspielkursen her kannte und die im Kulturraum Rosenhof in Tegernau- Schwand 2005 mit Tempus fugit-Darstellern das Stück „Mockinpott“ von Peter Weiss inszeniert hat. In Paris, wo die Regisseurin mit dem Théâtre Lilas en Scène zusammenarbeitet, hat man sich dann getroffen, um im Theaterlaboratorium zu experimentieren. So kam es zur Kooperation eines deutschfranzösischen Erinnerungsprojekts, das die Problematik des Holocaust behandelt.

Carolina Pecheny-Durozier, deren Familie selber vom Holocaust betroffen war – nur ihre Großmutter hat das Grauen überlebt – beschäftigt sich stark mit der Shoah, der Verfolgung und Ermordung der Juden im Nationalsozialismus. Wie sie erzählt, hat die Tochter die Mutter oft gefragt: „Raconte-moi“, also: Erzähl mir, wie es damals war. Und diese Art von künstlerischer Vergangenheitsbewältigung gab dem Theaterstück den Titel. Vor dem biografischen Hintergrund und der persönlichen Betroffenheit muss man Pechenys Regie-Arbeit ein Stück weit als Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte sehen.

Vorlage liefert Kertész’ autobiografischer Roman, der den Alltag in Auschwitz schildert und eine Folie für die episodenhaften Szenen, Lebensläufe, Schicksale, Geschichten und Handlungen der einzelnen Personen ist. Die Regisseurin hat für die Sprache des Autors eine Entsprechung im Theater mit eindringlichen Bildern gesucht. In dem Fünf-Personen- Stück begegnen sich eine Musikerin, ein junger Italiener, eine Bäuerin, ein Clochard und ein Schauspieler. Neben Karin Maßen wirken als Darsteller Stefanie Klimkait, François Accard, Matthias Meier sowie Christine Kotschi (Musik) mit. Dieser Tage wurden die Proben wieder aufgenommen. An die Lörracher Vorstellungen schließt sich eine kleine Tournee an, die nach Tübingen, Rheinfelden und Berlin führt - schließlich ist Klaus Wowereit Schirmherr des Projekts.


Der Sonntag vom 5. Oktober 2008

Frage ohne Antwort

Ein aufwühlendes Theaterprojekt: „Raconte moi – Erzähl mir“ im Burghof Lörrach

Der Auftakt der Lörracher Reihe „Erinnern & Vergessen“ (...) könnte erschütternder kaum sein: Deutsche und französische Schauspieler dramatisieren Imre Kertesz‘ autobiografischen Auschwitz-Roman.

ANNETTE MAHRO

Eine Antwort kann es nicht geben. Die Ausgangsfrage, ob und wie ein Weiterleben nach der Erfahrung des Unfassbaren möglich sein kann, muss offen bleiben. Imre Kertész, Auschwitz-Überlebender und Literaturnobelpreisträger von 2002, hat sich ihr in seinem autobiografischen Hauptwerk, dem „Roman eines Schicksalslosen‘ dennoch gestellt. Sein Werk war Inspiration und Grundlage für ein deutsch- französisches Erinnerungsprojekt, das am Dienstag im Lörracher Burghof deutsche Premiere hat.

Zentral ist für „Erzähl mir— Raconte moi“ die Frage nach der Darstellbarkeit, die sich jeder Bühnenproduktion, diesmal aber auch den Betroffenen und Opfern stellt. Wie lässt sich, was sich jeder lebbaren Erinnerung notwendig entziehen müsste, vermitteln, wie damit umgehen? Die französische Regisseurin Carolina Pecheny-Durozier, um deren Idee herum das Stück von Mitgliedern des freien Theaters „Tempus Fugit“ aus Lörrach und dessen französischen Partner, den „Lilas en Scène“ entwickelt wurde, hat zum Thema sehr persönliche Bezüge. Die gesamte Familie ihrer Mutter ist im KZ umgekommen. Die Großmutter konnte als einzige Überlebende bis zum Tod nicht über ihre Erfahrungen sprechen.

„Ich habe mich sehr oft mit der Shoah beschäftigt“, sagt die Französin, „ich habe viel dazu gelesen, aber zu der Frage nach dem Weiterleben nie eine Antwort gefunden.“ Entwürfe wären denkbar, etwa der Ausweg in die Kunst, aber auch der selbstbestimmte Tod. Das Geschehen auf der Bühne teilt sich in drei Abschnitte, den Aufbruch, die Ankunft in Auschwitz und schließlich die Rückkehr. Alle fünf Figuren des Stücks werden in ihrem alltäglichen Lebensumfeld eingeführt. Eine zentrale Rolle spielt die Fischerin und Musikantin (Christine Kotschi), die mit einer Vielzahl von zum Teil eigens für „Raconte-moi“ gefertigten Instrumenten durch das Stück führen wird. Als nächster betritt der Lebenskünstler und Clochard (François Accard) die Bühne, es folgen die Bäuerin (Karin Maßen), der junge Italiener (Matthias Meier) und die Schauspielerin (Stefanie Klimkait).

Aus Kertész‘ Roman wurden Struktur und Idee übernommen, ansonsten entwickelt das Stück aber ein Eigenleben. Sophokles‘ „Antigone“ und Shakespeares „Hamlet“ fließen zusätzlich als Textsplitter ein. Deutlich über dem Wort stehen Bild und Ton, die kunstvoll minimieren und auf den Punkt verdichten, was sich nur minimieren lässt. Je weniger von einem greifbaren Bild aber schließlich übrig bleibt, umso gewaltiger wird der Assoziationsspielraum für den Zuschauer.  In „Erzähl mir“ wird er

stellenweise ähnlich erdruckend wie etwa in Constantin Costa Gavras‘ meisterlicher Verfilmung von Rolf Hochhuths „Stellvertreter“ (2002).

Die Güterzüge, die in dessen Film immer neu durchs Land rattern, bald mit geschlossenen in die eine, bald mit offenen Waggontüren in die andere Richtung, brauchen keinen Kommentar. Mit noch einmal weniger Text kommt die Bühne aus. „Die Worte, die übrig bleiben“, so beschreibt Carolina Pecheny-Durozier ihre Vorgehensweise, „sind die unvermeidlichen“.  Was bleibt, ist aber nicht nur Hamlets berühmtes „Sein oder Nichtsein“ in deutsch und französisch oder Antigones Schuld-Monolog. Es bleiben auch Teile eines Kinderliedes, mit dem eine Mutter ihr Baby in den Schlaf singt, Diskussionsfetzen eines Jugendlichen mit seiner Mutter oder Bruchstücke aus den Zurufen zweier Verliebter. Fünf anfangs noch völlig von einander getrennte Schicksale werden schließlich zu einem.

„Erzähl mir — Raconte-moi“ wurde als Koproduktion von ‚Tempus fugit“ und „Lilas en Scène“ im November 2007 in Ariane Mnouchkines legendärem Pariser „Théâtre du Soleil“ uraufgeführt. Die deutsche Fassung reist weiter nach Tübingen, Rheinfelden und nach Berlin, dessen Bürgermeister und Bevollmächtigter  für die deutschfranzösische Zusammenarbeit Klaus Wowereit die Schirmherrschaft über das Projekt übernommen hat. In Lörrach bildet das Stück den Auftakt zum Kulturprojekt „Erinnern & Vergessen“, mit dem am 9. November 70 Jahre nach ihrer Zerstörung die Einweihung der neuen Lörracher Synagoge gefeiert wird.


BZ vom 04.10.2008

Die Bändigung des Unerträglichen

Das deutsch-französische Theaterprojekt "Erzähl mir — Raconte-moi" gastiert im Burghof Lörrach

"Ich bin eine Überlebende der Shoa." Sechs Worte, eine tonnenschwere Botschaft und das Einzige, was die polnische Großmutter Carolina Pecheny-Durozier von ihrem frühen Schicksal offenbarte. Als einziges Familienmitglied hatte die Großmutter die Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden durch die deutschen Nationalsozialisten und deren Verbündete über- und zwangsläufig unfassbare Dinge erlebt — ein Schicksal, das sie unter Tränen in diesem einem Satz preisgab und danach bis zu ihrem Tod nie wieder thematisierte, wie die argentinisch-französische Theaterregisseurin schildert. Da s ist ein Weg, mit Erinnerungen umzugehen. Imre Kertész, der ungarische Literaturnobelpreisträger, hat die gleiche Erfahrung in anderer Form verarbeitet — auch er wurde von der nationalsozialistischen Menschen-Vernichtungsmaschinerie erfasst und hat sie überlebt. Sein "Roman eines Schicksallosen" beschreibt das aus der Perspektive eines 14-Jährigen als nüchterne Bestandsaufnahme. "Kertész weigert sich ein Opfer zu sein" , analysiert Carolina Pecheny-Durozier das im Gespräch in Lörrach.

Der autobiografische Text und diese Weigerung liefern ihr den Rahmen für das deutsch-französische Erinnerungsprojekt "Erzähl mir — Raconte-moi" . Die Regisseurin, die auch schon am Rosenhof in Schwand gastierte, hat daraus in einer Koproduktion des Lörracher Theaters Tempus fugit mit dem französischen Theater Lilas en Scène eine Bilderfolge komponiert, ein Théâtre des Images. Die Geschichte orientiere sich zwar an der Struktur des Romans, folge dessen Spannungsbogen — vom Aufbruch ins Konzentrationslager, der Ankunft und dem Zurechtfinden in Buchenwald bis zur Rückkehr von dem Ort des Grauens. Aber die Aufführung ist keine Dramatisierung des Romans. Im Gegenteil. "Die Worte stehen nicht im Vordergrund" , schildert die Regisseurin. Rollendialoge gibt’s gleich gar keine, stattdessen reflektieren einmontierte Textbausteine Reaktionen auf extreme, hoffnungslose Situationen — Shakespeares Hamlet und sein Monolog vom Sein oder Nichtsein zum Beispiel. Dazu gibt’s viel Musik — unter anderem mit einer iranischen Geige, einer Ghicheh, und bildhafte Szenen. "Wir erzählen die Geschichte mit einfachen klaren Mittel" , betont Karin Maßen denn auch.

Das Stück entwickelt sich aus der Begegnung von fünf Menschen — einem jungen Italiener (Matthias Meier), einer angelnden Musikerin (Christine Kotschi), einem Lebenskünstler und philosophisch-angehauchten Clochard (François Accard), einer Schauspielerin (Stefanie Klimkait) und einer Bäuerin (Karin Maßen). Das Quintett trifft sich zufällig und ahnt nicht, dass daraus ein gemeinsames Schicksal werden wird: die Deportation in ein Konzentrationslager. Dieses verändert das Dasein dramatisch und Stufe um Stufe wird den Protagonisten dort die ausweglose Lage bewusst. Genau dieses langsame Erkennen wiederum legt aber die Grundlage dafür, dass sie überleben . . .

Die Gemeinschaftsproduktion deren Schirmherr übrigens der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, als Kulturbeauftragter der Bundesregierung für die deutsch-französische Zusammenarbeit ist, wurde im Vorjahr zum fünften "Festival  De Troupes Théâtrales" in Ariane Mnouchkines Théâtre du Soleil nach Paris eingeladen und dort sehr positiv aufgenommen — auch wenn die erste Reaktion oft Verstörung zeigt, wie die Regisseurin erinnert. Nun kommt das Stück in einer sprachlich leicht angepassten deutschen Version in den Burghof — auf die zum Kammertheater umfunktionierte Bühne des Großen Saals.

Michael Baas


BZ vom 25.10.2007

Theater des Unfassbaren

Tempus fugit gastiert mit der Gemeinschaftsproduktion "Raconte moi" im Théâtre du Soleil

Tempus fugit ist fraglos eine Erfolgsgeschichte. Vor mehr als zehn Jahren gründete Karin Maßen die freie Theatergruppe. Inzwischen haben sich aus der Wurzel nicht nur zahlreiche neue Triebe entwickelt; vielmehr ist der mittlerweile sehr stabile Stamm um die Gründerin längst auf dem Weg vom Amateur- zum Profitheater. Und das Ziel ist klar. "Wir wollen professionelle Strukturen schaffen und eine professionelle Gruppe aufbauen" , sagt Karin Maßen. Mit "Raconte moi — erzähl’ mir" , erklimmt Tempus fugit nun zumindest eine weitere Stufe auf der langen Leiter in dieses Profigeschäft.

Die Gemeinschaftsproduktion mit dem französischen Theater Lilias en Scène, deren Schirmherr übrigens der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, als Kulturbeauftragter der Bundesregierung für die deutsch-französische Zusammenarbeit ist, wurde mit sieben weiteren Inszenierungen zum fünften "Festival De Troupes Théâtrales" in Ariane Mnouchkines Théâtre du Soleil nach Paris eingeladen. Das wiederum ist nicht irgendein Theater, sondern eine der ersten Adressen der freien Theaterszene in Europa. Acht mal wird "Raconte moi" während des sechswöchigen Festivals in dem Theatertempel aufgeführt; zusätzlich werden von der Truppe — zum schauspielerischen Team gehören neben Karin Maßen auch die Tempus fugit-Mitglieder Stefanie Klimkait und Matthias Meier — Arbeitsdienste erwartet und spontanes szenisches Arbeiten. Ein Anspruch, der auch eine vergleichsweise erfahrene Schauspielerin wie Karin Maßen fordert. "Ich bin aufgeregt", räumt die 52-Jährige ein.

Inhaltlich befasst sich das Stück vor allem mit dem Thema Erinnerung, genauer gesagt mit der Frage, wie Erinnerungen jenseits der Ebene der Zeitzeugen wachzuhalten sind. Den Stoff dazu liefert eine der großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, der Zweite Weltkrieg und insbesondere der nationalsozialistische Terror und seine Massenmorde an Juden, Behinderten, Zwangsarbeitern, Linken . . . Im Kern geht es um die Frage, welche lebendige Form des Erinnerns denjenigen bleibe, die die Shoa und die Nazi-Diktatur nicht unmittelbar erlebt haben. Ziel sei eine theatrale Umsetzung, eine Form, die die Risse zwischen real Erlebtem und dem Nachgeborensein überbrückt, "die nicht sentimentalisiert oder instrumentalisiert" , wie es in der Projektbeschreibung heißt. Mit anderen Worten: Es geht darum, der Verkürzung der Geschichte auf moralisierende Schlagworte und Gedenktage entgegenzutreten.

Die Basis dafür bilden Werke des ungarischen Literaturnobelpreisträgers Imre Kertész, der die nationalsozialistischen Konzentrationslager am eigenen Leib erlitten hat und mit dessen Generation "die lebendige Erfahrung" dieser Katastrophe ausstirbt, wie er feststellt. Das insgesamt achtköpfige Ensemble habe unter Leitung der argentinischen Regisseurin Carolina Pecheny-Durozier, die übrigens schon mit einer Inszenierung im Rosenhof in Schwand gastierte, aus den Kertész-Texten aber eigene Figuren entwickelt, schildert Maßen; diese tasteten sich behutsam an Einzelschicksale heran, zeigten Menschen, die im Konzentrationslager ankommen, ihr Leben diesen Umständen anpassen und im besten Fall nach 1945 mit den schrecklichen Erlebnissen weiterleben müssen. Figuren also, die das Unbeschreibliche fassbar zu machen versuchen. Umgesetzt wird das sehr körperbetont, in einem Bühnenbild des französischen Künstlers Erik Nussbicker und mit viel Musik; diese komponierte die in Paris lebende Deutsche Christine Kotschi.

Das Projekt versteht sich denn auch nicht nur als Beitrag gegen das Verblassen historischer Erfahrungen, sondern will einen kulturübergreifende Dialog übers Erinnern anregen. Deshalb soll es nach der Premiere in Paris auf Tournee gehen durch Deutschland und Frankreich und nach Möglichkeit noch mit Zeitzeugen-Projekten in lokalen Bibliotheken vernetzt werden. Für die deutsche Erstaufführung hat Tempus fugit den Burghof ins Auge gefasst; auch in der Coupole in St. Louis und der Filiature in Mulhouse soll "Raconte moi" zu sehen sein — dann in der französischen Version.

Michael Baas

   
 
   
  Fotos
   
  Lörrach 2008
   
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
  Fotos 2008: Thomas Quartier
   
   
  Paris 2007
   
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

   
 
 
Es spielen:
 
 
 
   
Stefanie Klimkait François Accard
   
Matthias Meier Karin Maßen
   
Musik: Christine Kotschi
   
Bühnenbild: Erik Nussbicker
   
Lichtdesign: André Kulawik
   
Regie: Carolina Pecheny-Durozier
   
 
 
 

 

 

 

IMPRESSUM

 

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