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SPUNK vom 5. Juli 2007
Am Anfang wollte keiner so recht
Theaterprojekt weckt Interesse bei Schülern der Neumattschule in Lörrach
Von Norman Riebesel
Eigentlich hatte
bei uns keiner so recht Lust auf Theater.“ Das ist das Statement von
Sara Breitenfeld von der Neumattschule. Ihre achte Klasse ist die
Kooperationsklasse, mit der das Theaterprojekt Tempus fugit während der
letzten Wochen geprobt hat. Die Zusammenarbeit wurde von Stephan Stock
im Rahmen seines Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ), das er gerade bei
Tempus fugit macht, in Eigenregie organisiert. Sie bestand in ihrem
Hauptteil aus fünf Terminen, an denen Stephan Stock an die Schule•
gekommen ist und mit den Schülern Szenen aus dem Stück „Die Uhr“
vorbereitet und geprobt hat. Die Schüler hatten die Novelle des
russischen Schriftstellers Turgenjew bereits im Unterricht gelesen und
besprochen.
Nach der anfänglichen Scheu konnte sich bald die ganze Klasse für die
Theater- arbeit begeistern. Dazu habe nach den Worten von Christoph
Sillmann, ebenfalls Schüler der achten Klasse, auch das „Tempus
fugit-Ritual“ beigetragen, das in einem besonderen Sprachtraining vor
jeder Probe besteht. Für ihn war das Stück an sich - es dreht sich um
das Erwachsenwerden - zweitrangig; es ging ihm mehr darum, überhaupt
einen Einblick in das Theatergeschehen zu bekommen. Dennoch hat er eine
Botschaft mitgenommen: dass sich im Leben nicht alles um Dinge und
Besitz drehe. Er interessiert sich besonders für den technischen Aspekt
des Theaters. Er war auch bei allen Vorstellungen des Stücks dabei und
hat sich um die Beleuchtung gekümmert. Aber auch die anderen Schüler der
achten Klasse sind teilweise zu den Vorstellungen und auch zu den Proben
gekommen. Denn zu ihren Aufgaben im Rahmen des Projekts gehörte es, eine
Figur, die sie selbst schon gespielt‘ hatten, genau zu beobachten und
dem Schauspieler hinterher Anregungen und Verbesserungsvorschläge zu
geben. Und auch beim Schminken der Schauspieler haben die Schüler
freiwillig mitgeholfen.
Zu denjenigen, die auch am letzten Abend noch mit dabei waren, gehören
auch Sara Breitenfeld und Nadja Hügin, die offenbar (Theater)Blut
geleckt haben. In der Schule haben sie das gute und das schlechte
Gewissen der Hauptfigur dargestellt und jetzt wollen sie selber bei
Tempus fugit einsteigen. Sie werden beim nächsten Stück der Gruppe als
Schauspieler mitmachen.
Der Projektleiter Stephan Stock ist sehr zufrieden mit der Mitarbeit
seiner Schützlinge. Nach seiner Erfahrung sei es normal, dass an der
Schule zuerst niemand „Bock“ auf Theater habe und dass sich dann doch
alle dafür begeistern ließen. Er bedauert, dass sein FSJ bei Tempus
fugit zu Ende geht, freut sich aber auf sein Schauspielstudium, das er
in Bern aufnehmen wird. Ein möglicher Weg, der sich für Jugendliche
bietet, die Erfahrungen bei Tempus fugit gesammelt haben...
Die Oberbadische vom 29. Juni 2007
Temporeicher Entwicklungsprozess
Karin Maßen inszeniert mit dem Jugendtheater "Tempus fugit" eine
Turgenjew-Novelle
Lörrach. Die
Regisseurin des Lörracher Theaterprojekts "Tempus fugit" inszeniert
derzeit das Stück "Die Uhr" nach einer Novelle von Turgenjew. Mit ihr
sprach Norman Riebesel.
Wie viel Arbeit haben Sie
investiert, um die Novelle umzuschreiben?
Ich habe etwa drei
Wochen jeden Tag fünf bis sechs Stunden daran gearbeitet.
Haben Sie das allein für sich
gemacht?
Nein, ich habe die
Novelle zusammen mit den Schauspielern gelesen und diese haben
Anregungen und eigenen Ideen eingebracht. Besonders wichtig war mir
immer, Turgenjews Sprache in den Dialogen zu erhalten.
Wie kam es zur Verknüpfung von
szenischer Darstellung und Erzählung?
Das ist eine
bewusste Vereinigung von Drama und Novelle. Für die Schauspieler machte
die Novelle den etwas unwirklichen Eindruck eines Puppentheaters, was
wir szenisch umgesetzt haben. Und zum Puppentheater gehört der
Erzähler.
Was bedeutet die Eröffnungsszene, in
der die Puppen zum Leben erweckt werden?
Das ist eine
Metapher für Fremd- gegenüber Eigenbestimmung und somit auch für die
Entwicklung der Hauptfigur Alexej, der langsam seine Selbständigkeit
erwirbt.
Was bedeutet der weiße und der
schwarze Engel?
Sie verkörpern
Alexejs Gewissenskonflikt, der durch seine Träume zum Ausdruck kommt.
Die Engel stellen das verführerische Element dar. Sie sind nicht in dem
Sinne "schwarz und weiß", also als gut und böse zu interpretieren,
sondern sind beide Verführer.
David ist kleiner als Alexej, obwohl
jener älter ist ist und Alexej zu ihm aufschaut. Hätte man die
Rollenverteilung nicht umdrehen sollen?
Nein. Till Lang,
der den David darstellt, hat einfach eine natürliche Souveränität, die
er nicht beweisen muss. Benedikt Brahm, der Alexej spielt, gelingt es
hervorragend, dessen noch etwas ungelenkes und träumerisches Wesen zu
verkörpern.
Alle Schauspieler treten barfuß auf.
Hätte man den Gegensatz zwischen arm und reich nicht durch Schuhwerk für
die Höheren darstellen können?
Ja, aber aus
technischen Überlegungen war das nicht möglich, da die Schauspieler oft
fliegende Rollenwechsel haben.
Besonders verblüffend ist die Szene,
in der David ins Wasser fällt. Wie haben Sie das gemacht?
Wir machen auch
Akrobatiktraining und der Schauspieler ist von Natur aus sehr gelenkig.
Er springt erst auf die Tischkante und dann nach hinten runter.
Wie sind Sie auf die Idee mit dem
absolut minimalistischen Bühnenbild - es besteht im Wesentlichen aus
zwei Tischen - gekommen?
Im Rahmen der
Proben hat sich die Zahl der Requisiten immer mehr verringert. Das kommt
dem Stück sehr zugute, da dadurch die schauspielerische Qualität steigt.
Außerdem fördert es die Geschwindigkeit und die Fantasie der Zuschauer.
Welches waren die größten
Herausforderungen bei der Inszenierung?
Die ständigen
Umbauten der zwei Tische, die Platzierung der Schauspieler im Verhältnis
zu ihnen und die Aufrechterhaltung des hohen Tempos. Die Schauspieler
müssen in jedem Moment präsent sein, wozu regelrechter Drill nötig war,
den sie aber gern mitgemacht haben.
Gibt es Verbindungen zum Stück
"Amerika", mit dem Sie nächste Woche Premiere feiern?
Die Hauptfiguren
machen jeweils einen Entwicklungsprozess durch, in dem sie ein Stück
weit erwachsen werden und lernen, eigene Entscheidungen zu treffen.
BZ vom 25.06.2007
Zeitreisende in Sachen Freundschaft
Die
Jugendgruppe von Tempus fugit inszeniert Iwan Turgenjews "Die Uhr" in
Lörrach
"Die haben richtig
viel geprobt, jeden Tag in der letzten Woche", erzählt Andrea Benner.
Sie sitzt in der dritten Reihe in der Aula des Lörracher
Hans-Thoma-Gymnasiums (HTG) und reibt aufgeregt ihre Hände aneinander.
In zwei Minuten wird ihr Sohn Yukon das erste Mal als Schauspieler
auftreten. Er ist einer von 20 Jungschauspielern im Alter zwischen 12
und 18 Jahren der Jugendtheatergruppe des freien Theaters Tempus fugit,
die am Freitag mit Iwan Turgenjews Stück "Die Uhr" ihre Premiere hatten.
Es ist genau 20 Uhr
als das Licht in der Aula erlischt und mystische Musik erklingt. Um
einen langen Tisch sitzen die Hauptdarsteller und scheinen zu schlafen.
Ein Mädchen mit einen langen blauen Kleid geht um den Tisch herum, und
bewegt sie wie Marionetten, die durch einen unsichtbaren Faden mit ihr
verbunden scheinen. Szenen ohne Worte. Es ist die Puppenspielerin
(gespielt von Katherina Burchin), die in die Geschehnisse des Stückes
einführt. Das Publikum wird auf eine Zeitreise in das Jahr 1801 nach
Russland geschickt. Da sitzen ein aufbrausender Vater, ein verarmter
kranker Jurist, eine alte Jungfer, Haushälterinnen und arme Bettelkinder
um den Tisch. Und in der Mitte Alexej (Benedikt Brahm), der Gymnasiast,
der von seiner Taufpatin (Linda Wölfle) eine Uhr geschenkt bekommt. Ein
Präsent, welches das Leben des Jungen durcheinander bringt und das ihn
vor schwierige Entscheidungen stellt.
Regisseurin Karin
Maßen hat die Novelle des russischen Dichters Iwan Turgenjew zufällig
entdeckt und zusammen mit der jüngsten Theatergruppe von Tempus fugit
erarbeitet. Auch wenn das Stück aus dem 19. Jahrhundert ist, es steckt
voller Bezüge zur Gegenwart. "Da haben wir einerseits den Gegensatz von
Arm und Reich" , erläutert Maßen. Auf einer anderen Ebene geht es um
wahre Freundschaft und das Finden der eigenen Identität. Nicht zuletzt
steht die Zeit im Mittelpunkt — die Entwicklung mit der Zeit, die Zeit
die abläuft, die Zeit, die vergeht.
Mit der "Die Uhr" ist
Karin Maßen wieder ein kleines Meisterstück gelungen. Witzige Dialoge
mit ernstem Hintergrund, rasante Szenen, wunderschöne Choreografien und
einmal mehr die passende Theatermusik, die Benedikt Reising komponiert
hat, ergeben eine abwechslungsreiche Inszenierung. Nicht zu vergessen
die schauspielerische Leistung der Jugendlichen. Allen voran Benedikt
Brahm in der Rolle des Alexej. Er spielt überzeugend den melancholischen
Schülers, der seinem Platz im Leben nicht gefunden hat und immer wieder
mit seinem despotischen Vater (Jakob Klapprott) aneinander gerät.
Susanne Breitinger agiert hervorragend als schrullige Tante und sorgt
immer wieder für Wirbel. Viele Darsteller spielen Doppelrollen, auch
Yukon Benner. Er spielt ein Bettlerkind und den Uhrmacher. Nachdem "Die
Uhr" nach anderthalb Stunden abgelaufen war, gibt es minutenlang
Applaus.
Kornelia Schiller
Die Oberbadische vom 25. Juni 2007
Bestechende Inszenierung
Tempus fugit macht Turgenjews „Die Uhr“ zur „Action-Dravelle“
Von Norman Riebesel
Lörrach. Ein Dutzend barock gewandeter,
leblos an einem Tisch sitzender Personen, untermalt mit geheimnisvoller
Musik. Unter dem Tisch kriechen weitere Personen hervor, die die am
Tisch sitzenden, offenbar Marionetten, begutachten. Dann werden die
Puppen langsam zum Leben erweckt.
Das ist der Beginn des Stücks, mit dem die jüngste Truppe des Lörracher
Theaterprojekts Tempus fugit am Freitag Premiere feierte. Es heißt „Die
Uhr“ und basiert auf der gleichnamigen Novelle von Ivan Turgenjew (1818-
83). Regisseurin Karin Maßen hat die Novelle eigens zum Drama
umgeschrieben. Darin dreht sich alles um eine kostbare Uhr, die der
15-jährige Alexej (Benedikt Brahm) von seiner Taufpatin (Linda Wölfle)
geschenkt bekommt. Er freut sich zunächst darüber, aber sein Vetter
David (Till Lang) hat sowohl für die Uhr als auch für die Taufpatin nur
Verachtung übrig. Da Alexej seinen Vetter sehr verehrt, befindet er sich
nun in einem inneren Konflikt und versucht, die Uhr los zu werden, was
ihm auch zunächst gelingt, jedoch kehrt sie wieder zu ihm zurück. Die
Uhr wird so regelrecht zum Fluch, und das Verwirrspiel um sie droht, in
der Katastrophe zu enden.
An der Inszenierung
fällt am meisten das hohe Tempo auf. Die Dialoge sind kurz und die
Szenenwechsel durchgängig fliegend, was durch das minimalistische
Bühnenbild begünstigt wird: Es besteht im Wesentlichen aus zwei großen
Holztischen, die mal als Bett, mal als Wand und mal einfach als Tisch
verwendet werden. Beeindruckend, wie viel sich mit so einfachen Mitteln
darstellen lässt.
Die Regisseurin
bringt kein reinrassiges Drama auf die Bühne. Vielmehr wurde die
novellistische Urform in Rudimenten erhalten, umgesetzt durch die
Erzählpassagen der Puppenspielerin (Katherina Burchin). Die temporeiche
Mischung von Drama und Novelle macht aus dem Stück quasi eine
„Action-Dravelle“ mit den Polen Schicksal und Selbstbestimmung. Sie
besticht durch die schauspielerische Leistung der Jugendlichen, die
zwischen zwölf und 18 Jahre alt und fast alle Bühnenneulinge sind, und
durch verblüffende Regieeffekte. Über die Resonanz zeigte sich Karin
Maßen zufrieden: über 100 Zuschauer hatten den Weg zur Premiere
gefunden.
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