Widersprüche der Wirklichkeit
"Tempus fugit" im Weiler Kesselhaus mit "Von denen, die ausziehen sich nicht zu fürchten"
Erwachsen werden ist ein Schmerz. Aus der Geborgenheit
der Kindheit geht es hinaus in eine kalte, feindliche
Welt. Dort zeigt es sich, dass Vorbilder keine sind, und
idiotische Modevorgaben wie ein grotesker
Schlankheitswahn verunsichern zusätzlich. Über allem
steht dabei der Wunsch, glücklich zu leben. Aber was ist
das überhaupt: Glück? Doch an dem Schritt hinaus führt
kein Weg vorbei.
"Von denen, die ausziehen sich nicht zu fürchten"
handelte das Stück der Jugendtheatergruppe "Tempus
fugit" , das am Wochenende im Weiler Kesselhaus
aufgeführt wurde. Damit wurde eine alte Eigenproduktion
wieder aufgenommen, aber mit neuem Personal und mit
überarbeitetem Inhalt. Denn: Tempus fugit — die Zeit
flieht, und was Jugendliche heute bewegt, ist etwas
anderes, als was die Jugendlichen vor acht Jahren
bewegte.
Ein Junge, dessen Vater die Familie verlassen hat, zieht
sich in sich selbst zurück. Von der Mutter, die alles
perfekt machen will, doch damit überfordert ist,
missverstanden, flieht er in eine Welt aus Träumen und
Büchern. Fabelwesen und Pippi Langstrumpf werden für ihn
lebendig und stehen ihm bei, doch in der Wirklichkeit
gerät der stille Denker in Konflikt mit Lehrer und
Mitschülern. Durch Bücher, Geschichten und gegenseitiges
Vorlesen finden die Schüler aber zu Gemeinschaft und
Geborgenheit.
Diese Aussage ist ohne Frage hoch sympathisch, doch
kommt sie ein wenig zu einfach und zu pädagogisch daher.
Ganz anders im zweiten Teil, wo Zweifel und Widersprüche
— wie im wirklichen Leben — nicht aufgelöst werden. Bei
der Schulentlassfeier nach dem Abitur reden die Schüler
von ihren Vorstellungen und Ängsten und sagen Dinge, die
der Lehrer und die Erwachsenen nicht hören wollen. "Ich
habe Angst, so zu sein wie ihr" , ruft eine Schülerin
den Erwachsenen zu. Eine Schülerin träumt von Familie,
Haus, Garten und Hund. Eine andere hat Halt gefunden in
einer Gemeinschaft, die sich durch Gewalt definiert. Die
Mutter schlüpft am Ende aus ihrer Rolle und sagt, sie
wolle nicht, wie im Stück, als Alleinerziehende enden,
sondern träume von der ganz großen Liebe, die nicht
durch Trennung bedroht ist. "Einstweilen stürze ich mich
verbissen in andere Sachen, um mich abzulenken."
"Tempus fugit" gelang eine eindringliche Aufführung, die
zugleich nachdenklich machte und mit kompromisslosen
Aussagen verstörte. Das ist das Beste, was man von einem
Theaterabend erwarten kann. Das Ensemble bestehend aus
Ric Weißer, Anja Gottschalk, Stephan Stock, Elisa
Müller, Verena Sepp, Sina Böhringer, Laura Di Renzo,
Julia Aragüas-Nübling, Kristofer Gudmundsson, Lena
Philipp, Lena Knobloch, Robin Klimkait und Simon Andris
agierte durchweg eindrucksvoll und überzeugend. Die
Regie, Karin Maßen und Matthias Meier, entlockte den
jungen Schauspielerinnen und Schauspielern
professionelles Agieren und ein flüssiges Zusammenspiel.
Daniel Vogel, Ursula Oberle und Stefan Trube schließlich
steuerten die schöne und immerzu passende Musik bei. Ein
wirklich toller Theaterabend.









































