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Badische Zeitung vom Samstag, 11. März 2006
Zwischen Idylle und Inferno
Karin Maßen und Vaclav Spirit inszenieren mit Tempus fugit William
Goldings “Herr der Fliegen”
Die zwei, die da
anfangs nicht blut- aber lehmverschmiert auf die Bühne stolpern, muss
das Publikum langsam einordnen. Ralphs Sätze wirken aufgesagt, seine
Versuche, den mit ihm Gestrandeten aus der Reserve zu locken, bleiben
unsichere, hier und da auch derbe Gesten. Auch die Angst der beiden, am
Ende die einzigen Überlebenden einer Katastrophe zu sein, bleibt
irgendwie diffus. Nach und nach stoßen andere dazu. Das Einordnen geht
weiter: Was trägst Du für eine Uniform? Und von welcher Schule kommt
ihr? “Von der Nirgendwo-Schule” antwortet Roger (Laura Löffler) trotzig.
Als erster zeigt der Internatsschüler deutliche Anzeichen von
Verletztsein und Benommenheit. Sein Trauma deutet schon auf die spätere
Entwicklung, sie wird sich zu einen Blutrausch auswachsen. Der Entdecker
Ralph (Matthias Meier) und das Muttersöhnchen Piggy (Felix Banholzer)
finden inzwischen in ihre Rollen und fangen an, sich nützliche Gedanken
zu machen.
Ein Feuer wird in
Betracht gezogen und mit Sonne und Piggys Brillengläsern auch entfacht.
Bis die Rampe, die die halbe Bühne einnimmt und hauptsächlich als
Bergrücken dient, auch als Hütte Schutz gewährt, müssen allerdings noch
einige Kämpfe gekämpft, einige Schweine zur Strecke gebracht werden. Als
Jack (Ric Weißer) auf den Plan tritt, kippt die Idylle sehr schnell. Ein
Kampf um die Macht entsteht, der anfangs noch nach den Regeln der
Demokratie zum Guten ausfällt aber schnell zur Spaltung in zwei
rivalisierende Gruppen führt und nicht nur das.
William Goldings
1954 erschienener Roman um einen Flugzeugabsturz in dessen Folge eine
Gruppe englischer Internatsschüler völlig auf sich selbst gestellt eine
neue Robinsoniade erlebt, dürfte wohl den wenigsten Theaterbesuchern
völlig fremd sein. In Regie-Kooperation haben ihn jetzt Karin Maßen und
Vaclav Spirit mit der Tempus fugit Crew auf die Bühne gebracht. Wo wild
gewütet, geheult und getrampelt wird, wo Maurice (Stephan Stock) und
Bill (Britta Rechlin) sich sogar in kraftstrotzender Artistik versuchen,
da sind die Figuren manchmal sogar schon erschreckend glaubhaft.
Weniger Wichtigkeit
bekommen die leisen Töne und Rollen. Wo Angst ist, wird sie übertönt, wo
es keine Regeln mehr gibt, werden überstürzt neue geschaffen. Kurze
Wärme strahlt nur das Bild des langsam per Lichteffekt aufknisternden
Feuers aus. Bedrohlich steht im Hintergrund ein Wald aus wenigen
Stämmen, bedrohlich sind auch die Gazevorhänge hinter denen Irrende
auftauchen. Und wer bestimmt zu jeder Zeit, was zu tun ist? “Wenn Du
Boss bist, kannst Du machen, was Du willst!” Ralph hat sich in seine
Führerrolle noch nicht ganz gefügt, da hat er sie schon wieder verloren.
Wie funktioniert Demokratie, wie hingegen nicht? Haben Regeln einen
Sinn? Immer? Tempus fugit hat in Goldings Werk nach Antworten gesucht.
Annette Mahro
OV vom 11. März 2006
Wann ist der Mensch ein Mensch?
Tempus fugit spielt mit Goldings Der Herr der Fliegen auf existentielle
Fragen an
Von Michaela Wassmer
Lörrach. Wie fragil ist die Patina aus
Kultur und Zivilisation, die den Menschen erst zu einem solchen macht?
Dies lotet das freie Theater von Tempus fugit in der Inszenierung Herr
der Fliegen nach dem Roman von William Golding (1954) und der
dramatischen Bearbeitung von Nigel Williams aus.
Zehn englische
Schuljungen landen während des Krieges durch ein Flugzeugunglück auf
einer Insel im Nirgendwo des Pazifischen Ozeans. Die anfängliche Ekstase
grenzenloser Freiheit und das harmonische Zusammenleben weichen einer
beklemmenden Gruppendynamik. Es werden Regeln aufgestellt und gebrochen,
Versammlungen einberufen, Revolten verübt. Die Gestrandeten spalten sich
in zwei Gruppen um den demokratischen Ralph (Matthias Meier) und den
diktatorischen Jack (Ric Weißer/Bernhard Greif). In blindem Macht- und
Blutrausch entfesselt Jacks Lager eine von Stammesbewusstsein
unterfütterte Primitivität, die auch vor Mord nicht zurückschreckt. Der
Antiheld Piggy (Felix Banholzer) fällt neben Simon (Lilian Maßen) dem
Recht des Stärkeren zum Opfer. Einem Deus ex machina gleich erscheint
ein Schiffskapitän (Michael Greff), welcher der Barbarei mit den Worten
Es war nur ein Spiel ein Ende setzt.
Nichts ist bequem an
dieser pessimistischen Robinsonade (Regie Karin Maßen, Co-Regie Vaclav
Spirit). Keine Identifikationsangebote und wenig Sympathie-Lenkung
kennzeichnen das Parabelstück, das existentielle Fragen aufwirft und
menschliche Abgründe seziert.
Visuelle Signale
werden sparsam eingesetzt: Hinter einem transparenten Vorhang etwa
klopfen Jack und seine Adepten in hypnotischem Rhythmus Holzspeere auf
den Boden. Derlei platzierte Theaterbilder in einem sonst kargen
Bühnenbild machen den spröden Reiz dieser Inszenierung aus.
Trotz einer etwas
unausgewogenen Dramenführung sowie des unvermittelten Schlusses
entwickeln die Darsteller (in weiteren Rollen: Laura Löffler, Linda
Sepp, Stephan Stock, Britta Rechlin, Veronika Nepple, Katharina Grimm)
überzeugend und mit engagiertem Spiel eine Chronologie menschlichen
Verfalls. Diese fußt letztlich auf dem kulturphilsophischen Apriori Der
Mensch ist des Menschen Wolf. Und das - so Goldings Botschaft - gilt für
jeden von uns.
Badische Zeitung vom Donnerstag, 9. März 2006
Die dünne Decke der Zivilisation
Karin Maßen und Vaclav Spirit inszenieren mit Tempus fugit Goldings “Der
Herr der Fliegen”
Was passiert in
sozialen Gruppen? Welche Dynamik ergibt sich? Wie entsteht Herrschaft?
Wie funktioniert Zivilisation? Solchen Fragen geht William Golding,
Literaturnobelpreisträger von 1983, in seinem Roman “Der Herr der
Fliegen” nach. Der 1911 geborene Engländer, der in seinem literarischen
Schaffen stark geprägt wurde vom Einsatz als Soldat im zweiten
Weltkrieg, erzählt in dem Roman die Geschichte einer Kindergruppe, die
während eines Krieges in Sicherheit gebracht werden soll und darüber
selbst in eine Katastrophe schlittert. Denn die Sechs- bis Zwölfjährigen
stranden nach einem Flugzeugabsturz auf einer Insel und da keine
erwachsenen Begleiter überleben, müssen sie sich dort selbst
organisieren.
Der zwölfjährige Ralph
freundet sich darüber mit einem gleichaltrigen Asthmatiker an, den alle
“Piggy” nennen, weil er korpulent und tollpatschig ist. Dem Dou gelingt
es zunächst, die Jungs zu einer Gruppe zusammen zu schmieden und Ralph
wird zum Anführer gewählt. Das Kollektiv findet auf der unbewohnten
Insel Trinkwasser, Früchte und Wildschweine. Es scheint als gelinge es
den Kindern, ein geregeltes, fast zivilisiertes Zusammenleben zu
organisieren. Doch dann zerbricht die romantische Utopie: Ein Streit um
den Führungsposten zerstört die Gruppe und die Harmonie und Jack, der
mit Ralph rivalisierende Leiter einer Chorgruppe verfällt in einen
barbarischen Machtrausch. Darüber zerfällt das Kollektiv und es bricht
ein Kampf aus, der brutale und blutige Züge annimmt, primitive und
barbarische Affekte freilegt. Ein Kampf um Leben und Tod . . .
Golding entwirft so
ein düsteres und pessimistisches Bild der menschlichen Gesellschaft, ein
Gleichnis, das aufzeigen will, dass jeder zu “Bösem” fähig ist und der
Firniss der Zivilisation nur eine dünne Schicht an der Oberfläche, die
jederzeit reißen kann. Gleichwohl sind diese Kinder keine Monster oder
Verbrecher; vielmehr steckt auch jedem noch ein “normales” Schulkind.
Der aufschreckende
Roman war zunächst von mehr als zwanzig Verlagen abgelehnt worden; nach
seinem Erscheinen 1954 in Großbritannien und den USA wurde er dann aber
schnell zum Bestseller. Nigel Williams, dem 1978 mit dem Stück
“Klassenfeind” der Durchbruch gelang, hat das Werk schließlich
dramatisiert. Uraufgeführt wurde die Bühnenversion von der “Royal
Shakespeare Company at The Other Place” in Stratford-upon-Avon.
Karin Maßen und Vaclav
Spirit haben diese Parabel auf das Gut-Menschentum nun mit dem
Jugendtheater Tempus fugit neu inszeniert. Die Rolle des Ralph spielt
Matthias Meier seinen Gegenspieler Jack Ric Weißer oder Bernhard Greif,
Piggy spielt Felix Banholzer; weiter wirken mit Laura Löffler (Roger),
Linda Sepp (Perceval),Lilian Maßen (Simon), Stephan Stock (Maurice),
Britta Rechlin (Bill), Veronika Nepple (Sam), Katharina Grimm (Eric) und
Michael Greff (Officer).
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