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Presse
zum Stück:
Badische Zeitung vom 6. April 2005
Verwirrspiele zur Wahrnehmung
VOR DER PREMIERE: Karin Maßen inszeniert für die "Kultur am Schlipf"
mit Tempus fugit eine Krimitour über drei Stationen
Was ist real, was ist inszeniert? Was sind harte Fakten, wo beginnen
Spekulationen und Illusionen? Wie verschränken sich Fantasie und
Wirklichkeit? In den von den Medien dominierten Gesellschaften der
Gegenwart stellen sich diese Fragen immer drängender. Sind die
artifiziellen Welten in Kunst und Medien noch ein Abbild der
Wirklichkeit oder ist es nicht schon umgekehrt: Gerät die Wirklichkeit
zum Abbild ihrer medialen Inszenierung? Die ölverschmierten Wasservögel,
mit denen die USA im ersten Irak-Krieg Anfang der 90er-Jahre in ihrem
Sinn Stimmung machten, obwohl die Vögel woanders aufgenommen worden
waren, demonstrierten eindrucksvoll die "Macht der Bilder": Sie sind nur
ein Beispiel dafür, wie sich "Wirklichkeit" oft nur noch mit
kriminalistischer Feinarbeit entschlüsseln lässt.
Wer nimmt welchen Ausschnitt der Realität wahr? Wie werden Informationen
interpretiert? Wer spielt welche Rolle? Solche Fragen stehen auch im
Mittelpunkt der Krimitour "Seit - Schritt -Schluss", die Karin Maßen mit
einem um Ehemalige verstärkten Ensemble von Tempus fugit und den
Musikern George Ricci, Daniel Vogel und David Schiller für die neue
Auflage der seit 1997 bestehenden grenzüberschreitenden Reihe "Kultur am
Schlipf" inszeniert hat.
Wie die Akte im Theater verknüpft das Stück drei Schauplätze
Das Stück verknüpft - wie die Akte in einem Theaterstück - drei sehr
verschiedene Schauplätze in Riehen, Weil am Rhein und Lörrach und
orientiert sich am Genre des Krimis: Das waren die Vorgaben, die die
Veranstalter der "Kultur am Schlipf", das Kulturbüro Riehen, das
Kulturamt Weil am Rhein und seit 2003 auch das Lörracher "Nellie
Nashorn", gemacht haben, wie sie gestern in einem Pressegespräch im
Nellie Nashorn in Lörrach erläuterten. Auf der Basis haben die
Regisseurin und ihr 14-köpfiges Team ein Stück entwickelt.
Dessen Konzept entstand in einem "Prozess" aus dem Ensemble heraus, wie
die Regisseurin schildert. Dafür gab's zwar inspirierende Quellen: Die
Hauptfiguren und die Genese der Intrige etwa orientiert sich an dem Film
"Gefährliche Liebschaften", auch die Tatsache, dass viele verdächtig
werden, ist ein beliebtes Motiv und selbst Alfred Hitchocks Klassiker "Vertiko"
und dessen Frage, ob überhaupt etwas geschehen ist, floss in die
Überlegungen ein. Am Ende indes entstand ein eigenes Stück, das sich von
den "Vorbildern" emanzipiert und vor allem die Gegebenheiten der
bespielten Räume - dem Wenkenhof in Riehen, dem Pavillon, den die
Irakerin Zaha Hadid für die Landesgartenschau '99 in Weil am Rhein
geplant hat und dem Foyer des Nellie Nashorn - aufgreift und in den Plot
einbindet.
Da ist der barocke, leicht morbide Charakter des Wenkenhof. Dort beginnt
die Geschichte. Es ist eine Art Tag der offenen Tür in einer Tanzschule,
in den auch das Publikum mittanzend (Foxtrott und Walzer) eingreifen
darf. Dabei geschieht es: Ein Unfall? Ein Mord? Eine Selbstötung?
Kommissar Sander muss die Frage klären und kämpft dabei mit den
vielfältig verschachtelten Assoziationsebenen, die bis in das in eine
Zeugenrolle rutschenden Publikum reichen.
Hier wird Wahrnehmung permanent hinterfragt
Die zweite Station, der Hadid-Bau, wird in seiner nüchtern-modernen Aura
zu einer Art Polizeipräsidium: Dort werden die Verdächtigen begutachtet
- vergleichbar einer Hinter-der-Glaswand-Szene aus amerikanischen
Kriminalfilmen. "Hier wird Wahrnehmung permanent hinterfragt", schildert
Karin Maßen. Am dritten Schauplatz, dem Foyer des Nellie Nashorn erhält
das Stück noch eine "neue Wendung" und eine "Lösung des Falls", verrät
die Regisseurin. Unter dem Strich ist "Seit - Schritt - Schluss" so
nicht nur ein gelöster Kriminalfall, sondern eine theatralische
Entdeckung der bespielten Räume.
Michael Baas
Badische Zeitung vom Donnerstag, 14. April 2005
Die rutschende Wirklichkeit
"Kultur am Schlipf":
Karin Maßen und Tempus fugit spielen eine Krimitour zwischen Riehen,
Weil am Rhein und Lörrach
Was wird hier
eigentlich gespielt? Die Frage, die die vamphafte Elisabeth Maibaum
(Laura Löffler) zum Schluss im Foyer des "Nellie Nashorn" lauthals in
den Raum wirft, durchzieht die neue, für "Kultur am Schlipf" erarbeitete
Inszenierung von Karin Maßen und Tempus fugit von Beginn an. "Seit
Schritt Schluss" entzieht sich nicht nur in der Form konventionellen
Schubladen, transzendiert Grenzen zwischen Bühne und Publikum, weist
gemeinhin passiven Zuschauern aktivere Rollen zu; nein, die Inszenierung
ist auch inhaltlich vielschichtig, wechselt Ebenen, verwischt das Genre,
weckt Assoziationen . . . .
Was also wird
gespielt? Die Handlung verbindet drei Schauplätze in zwei Staaten: den
Wenkenhof in Riehen, Zaha Hadids Gartenschau-Pavillon in Weil am Rhein
und das Foyer des "Nellie Nashorn" in Lörrach. In diesem Raumensemble
kreieren die Regisseurin und ihr Team einen Kriminalfall. Die Genese
spielt im barocken, von Stuck, Kronleuchtern und Ölschinken geprägten
Wenkenhof. Die Tanzschule Steiger feiert Tag der offenen Tür. Hinter der
Fassade starrer Tanzschulen-Höflichkeit aber werden schnell schwelende
Konflikte und Intrigen sichtbar, brodeln Hass, Eifersucht, Rivalitäten
und Rachegelüste, Lüste, Leidenschaften und Ängste.
Da steht eine
Vamp-Frau (Laura Löffler) zwischen zwei auch beruflich konkurrierenden
Männern (Bernhard Greif als Liebhaber, Benjamin Kraus als Verlobter), da
arbeiten sich Bruder und Schwester (Ric Weißer und Maren Walter) ab an
einer inzestuösen Bindung und wirken eher wie ein Liebes- denn wie ein
Geschwisterpaar, da kämpft die angefahrene, in Folge behinderte und
ausgegrenzte Jutta Berger (Britta Rechlin) mit ihrem Schicksal, da
reiben sich die Steiger-Brüder (Matthias Meier und Simon Stotz)
aneinander. Schließlich gipfelt das krampfhaft-lockere Fest in der
Entdeckung des leblosen Heiko Steiger.
War es Mord? Ist
der oder die Täterin unter den Gästen? Motive hätten nahezu alle: Heiko
Steiger erschien als selbstgefälliger, tyrannischer und rücksichtsloser
Tanzschulen-Patron, der seinen Bruder gegängelt, andere Männer in ihren
Gefühlen provoziert und mit Frauen gespielt hat - bis zur körperlichen
Verstümmelung. Licht in dieses Gestrüpp wuchernder Fantasien und
Verdachtsmomente zu bringen, versucht Kommissar Sander (Christoph
Möser), der das Geschehen zur Aufklärung ins Polizeipräsidium über die
Grenze nach Weil am Rhein in den Hadid-Pavillon verlagert.
Die
nüchtern-sachliche Atmosphäre des Betonbaus ist wie geschaffen für diese
Szene - zumal Publikum und Schauspieler nun durch eine Plexiglaswand von
einander getrennt sind und sich der Ablauf wie in einer Käfigszene im
Zoo beobachten lässt. Unterlegt von einer kongenialen Musikbegleitung
(Georg Ricci, Daniel Vogel, David Schiller) entwickelt sich so die
psychologische Spirale einer Verhörsituation, werden die Filme aus den
Köpfen der Protagonisten auf die Bühne geholt - und das fast ohne Worte.
Ein lapidares "ganz schön kalt" wird schon zum vielsagenden Kommentar.
Nervös Kette rauchend der eine, zusammen gekauert die andere, unruhig
zappend der nächste: Kleine Gesten sind hier große Botschaften,
signalisieren den Stand und das Befinden. So reduziert sich das Verhör
nicht nur auf den Kern, das ist auch eine Schule des Sehens und fraglos
der eindrücklichste Teil der Inszenierung.
Das Schmoren im
eigenen Saft, das Kreisen im Brei aus Fakten und Fantasien aber zieht
sich durch bis zur dritten Station: der Bar im "Nellie Nashorn" und der
überraschenden Klärung (…). Von diesem Ende her gesehen legt "Seit
Schritt Schuss" nicht nur den Kern der Krimistruktur frei, ist deren
gekonnte und schauspielerisch überzeugende Dekonstruktion; vielmehr wird
es zu einem Lehrstück über die Macht der Fantasien, einer rutschenden
Wirklichkeit, die sich dem Zugriff immer wieder entzieht und erzielt mit
minimalen Mitteln maximale Effekte. Bravo!
Michael Baas
Oberbadisches
Volksblatt vom 14.04.05
Die Verbrecher sind unter uns
Trinationales
Krimi-Projekt unter der Regie von Karin Maßen ist erfolgreich angelaufen
Von Dorothea
Gebauer
Wer war der
Mörder? Das beschäftigt nicht nur den Zigarre rauchenden Inspektor
Columbo, es nagt an allen. Schließlich sind sie unverhofft zu Zeugen
geworden, beim Tatort selbst direkt in ein schreckliches Geschehen
verwickelt. Sie, das sind die Besucher des trinationalen Krimi-Projekts
"Seit Schritt Schluss - Tanzschritte durch eine ungewöhnliche
Krimigeschichte", das an drei Spielorten grenzüberschreitend aufgeführt
wird und sich zum Ziel gesetzt hat, kulturelle Grenzen der Region
durchlässiger zu machen. Regisseurin ist Karin Maßen, eindrucksvoll
spielen ein junges Ensemble und drei Musiker.
Zunächst beginnt
im Gebäude des Wenkenparks in Riehen alles vor traumschöner Kulisse.
Walzer, Foxtrott, Schampus, zwei Tanzlehrer, die als Vertreter der
Tanzschule Steiger Klischees klassischen Tanzschulmilieus erfüllen.
Schmierige Anmachersprüche, Doppeldeutigkeit, Manieriertheit bestimmen
das Parkett. Die Besucher werden sofort beteiligt, lassen sich
bereitwillig zum Tanz auffordern. Bald ist nicht mehr ganz auszumachen,
wer die eigentlichen Protagonisten sind. Skurril die Figur, die ein
steifes Bein hinter sich herzieht: Ist sie die Böse? Oder die
prinzessinnenhafte Schönheit, die unschuldiger dreinschaut als sie
möglicherweise ist? Einer der Musiker entfernt sich plötzlich: Hat das
etwas zu bedeuten?
Über allem liegt
viel Atmosphäre, glanzvoll geschmeidig nimmt das Geschehen seinen Lauf:
Ein Toter liegt plötzlich auf der Wiese. Die Wahrheitsfindung über
dieses Verbrechen wird in den Hadid-Bau verlegt, wohin die gesamte
Besucherschaft mit einem Bus gekarrt wird. Auf der Fahrt dahin wird
gerätselt, spekuliert, kommen wildfremde Menschen miteinander ins
Gespräch: Wer wars denn nun? Inspektor Columbo bittet bei der Aufklärung
schließlich um Mithilfe. Hinter Plexiglas sitzen die potenziellen
Übeltäter, davor die Besucher. Aus deren stummen Blicken lässt sich
alles Mögliche interpretieren.
Die Verbrecher
sind unter uns, und wir ganz nah am Geschehen, das sich zuletzt im
Nellie Nashorn zur bedrängenden Wahrheit verdichtet. Auch hier ist das
Spiel der Schauspieler mittendrin platziert. Es gibt keine Bühne. Was
geschieht, könnte jetzt und hier, mit realen Figuren passieren, der
Mörder oder das Opfer mittendrin sitzen. Man ist nicht nur Zuschauer,
sondern Mitmacher, und muss zur Aufklärung des Verbrechens unbedingt
seinen Beitrag leisten.
Aufatmen dann
nach zwei Stunden und einer überraschende Wendung. Ein aufregendes
Krimievent mit hohem Erlebniswert.
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