aktuelle Inszenierung:

Tempus fugit Freie Gruppe

   
 
 

"Seit Schritt Schluss" (2005)

   
   
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  Zum Stück

Diese Ausgabe von Kultur am Schlipf ist die Inszenierung einer KrimiTour zwischen Riehen, Lörrach und Weil am Rhein. Die Theaterszenen spielen an verschiedenen außergewöhnlichen
Schauplätzen: Wenkenhof in Riehen, Hadid-Pavillon im Dreiländergarten in Weil am Rhein und der Theaterraum Nellie Nashorn. Die Zuschauer werden mit einem Bus von einem Spielort zum anderen gefahren. Und die Geschichte geht immer weiter, selbst während der Fahrt.

Inszeniert wird dieses Theaterprojekt von Karin Maßen mit jungen Schauspielern der Theatergruppe Tempus fugit und weiteren aus Basel, Zürich und Berlin.

Die Geschichte: Es beginnt mit einer Unterrichtsstunde in einer Tanzschule. Das Publikum - gerne auch Nicht-Tänzer und Nicht-Tänzerinnen … wird Zeuge … eines Unfalls?… einer Mordtat? … einer Selbsttötung? Jede/r verdächtigt jede/n. Doch die entscheidende Frage wird nicht sein: Was ist passiert? sondern: Was habe ich gesehen? Und zu sehen gibt es viel – mehr als zehn Personen geraten in Verdacht, werden beobachtet, lenken von sich ab und nebenbei erfährt das Publikum Geschichten, wie z.B. die einer jungen Frau, die mit ihrem steifen Bein unbedingt an dem Tanzkurs teilnehmen möchte oder die eines jungen Mannes, der seine Schwester keine Minute aus den Augen lässt.

Auch ein junges Pärchen kommt mehr als einmal aus dem Takt! Ständig blitzen neue Szenen auf, und das Publikum ist mittendrin. Kein Mitmachtheater, aber ein Theaterereignis, das die Beobachterrolle des Zuschauers selbst thematisiert.
 

 
  Presse zum Stück:

Badische Zeitung vom 6. April 2005

Verwirrspiele zur Wahrnehmung

VOR DER PREMIERE: Karin Maßen inszeniert für die "Kultur am Schlipf" mit Tempus fugit eine Krimitour über drei Stationen

Was ist real, was ist inszeniert? Was sind harte Fakten, wo beginnen Spekulationen und Illusionen? Wie verschränken sich Fantasie und Wirklichkeit? In den von den Medien dominierten Gesellschaften der Gegenwart stellen sich diese Fragen immer drängender. Sind die artifiziellen Welten in Kunst und Medien noch ein Abbild der Wirklichkeit oder ist es nicht schon umgekehrt: Gerät die Wirklichkeit zum Abbild ihrer medialen Inszenierung? Die ölverschmierten Wasservögel, mit denen die USA im ersten Irak-Krieg Anfang der 90er-Jahre in ihrem Sinn Stimmung machten, obwohl die Vögel woanders aufgenommen worden waren, demonstrierten eindrucksvoll die "Macht der Bilder": Sie sind nur ein Beispiel dafür, wie sich "Wirklichkeit" oft nur noch mit kriminalistischer Feinarbeit entschlüsseln lässt.

Wer nimmt welchen Ausschnitt der Realität wahr? Wie werden Informationen interpretiert? Wer spielt welche Rolle? Solche Fragen stehen auch im Mittelpunkt der Krimitour "Seit - Schritt -Schluss", die Karin Maßen mit einem um Ehemalige verstärkten Ensemble von Tempus fugit und den Musikern George Ricci, Daniel Vogel und David Schiller für die neue Auflage der seit 1997 bestehenden grenzüberschreitenden Reihe "Kultur am Schlipf" inszeniert hat.

Wie die Akte im Theater verknüpft das Stück drei Schauplätze

Das Stück verknüpft - wie die Akte in einem Theaterstück - drei sehr verschiedene Schauplätze in Riehen, Weil am Rhein und Lörrach und orientiert sich am Genre des Krimis: Das waren die Vorgaben, die die Veranstalter der "Kultur am Schlipf", das Kulturbüro Riehen, das Kulturamt Weil am Rhein und seit 2003 auch das Lörracher "Nellie Nashorn", gemacht haben, wie sie gestern in einem Pressegespräch im Nellie Nashorn in Lörrach erläuterten. Auf der Basis haben die Regisseurin und ihr 14-köpfiges Team ein Stück entwickelt.

Dessen Konzept entstand in einem "Prozess" aus dem Ensemble heraus, wie die Regisseurin schildert. Dafür gab's zwar inspirierende Quellen: Die Hauptfiguren und die Genese der Intrige etwa orientiert sich an dem Film "Gefährliche Liebschaften", auch die Tatsache, dass viele verdächtig werden, ist ein beliebtes Motiv und selbst Alfred Hitchocks Klassiker "Vertiko" und dessen Frage, ob überhaupt etwas geschehen ist, floss in die Überlegungen ein. Am Ende indes entstand ein eigenes Stück, das sich von den "Vorbildern" emanzipiert und vor allem die Gegebenheiten der bespielten Räume - dem Wenkenhof in Riehen, dem Pavillon, den die Irakerin Zaha Hadid für die Landesgartenschau '99 in Weil am Rhein geplant hat und dem Foyer des Nellie Nashorn - aufgreift und in den Plot einbindet.

Da ist der barocke, leicht morbide Charakter des Wenkenhof. Dort beginnt die Geschichte. Es ist eine Art Tag der offenen Tür in einer Tanzschule, in den auch das Publikum mittanzend (Foxtrott und Walzer) eingreifen darf. Dabei geschieht es: Ein Unfall? Ein Mord? Eine Selbstötung? Kommissar Sander muss die Frage klären und kämpft dabei mit den vielfältig verschachtelten Assoziationsebenen, die bis in das in eine Zeugenrolle rutschenden Publikum reichen.

Hier wird Wahrnehmung permanent hinterfragt

Die zweite Station, der Hadid-Bau, wird in seiner nüchtern-modernen Aura zu einer Art Polizeipräsidium: Dort werden die Verdächtigen begutachtet - vergleichbar einer Hinter-der-Glaswand-Szene aus amerikanischen Kriminalfilmen. "Hier wird Wahrnehmung permanent hinterfragt", schildert Karin Maßen. Am dritten Schauplatz, dem Foyer des Nellie Nashorn erhält das Stück noch eine "neue Wendung" und eine "Lösung des Falls", verrät die Regisseurin. Unter dem Strich ist "Seit - Schritt - Schluss" so nicht nur ein gelöster Kriminalfall, sondern eine theatralische Entdeckung der bespielten Räume.

Michael Baas


Badische Zeitung vom Donnerstag, 14. April 2005 

Die rutschende Wirklichkeit 

"Kultur am Schlipf": Karin Maßen und Tempus fugit spielen eine Krimitour zwischen Riehen, Weil am Rhein und Lörrach

Was wird hier eigentlich gespielt? Die Frage, die die vamphafte Elisabeth Maibaum (Laura Löffler) zum Schluss im Foyer des "Nellie Nashorn" lauthals in den Raum wirft, durchzieht die neue, für "Kultur am Schlipf" erarbeitete Inszenierung von Karin Maßen und Tempus fugit von Beginn an. "Seit Schritt Schluss" entzieht sich nicht nur in der Form konventionellen Schubladen, transzendiert Grenzen zwischen Bühne und Publikum, weist gemeinhin passiven Zuschauern aktivere Rollen zu; nein, die Inszenierung ist auch inhaltlich vielschichtig, wechselt Ebenen, verwischt das Genre, weckt Assoziationen . . . .

Was also wird gespielt? Die Handlung verbindet drei Schauplätze in zwei Staaten: den Wenkenhof in Riehen, Zaha Hadids Gartenschau-Pavillon in Weil am Rhein und das Foyer des "Nellie Nashorn" in Lörrach. In diesem Raumensemble kreieren die Regisseurin und ihr Team einen Kriminalfall. Die Genese spielt im barocken, von Stuck, Kronleuchtern und Ölschinken geprägten Wenkenhof. Die Tanzschule Steiger feiert Tag der offenen Tür. Hinter der Fassade starrer Tanzschulen-Höflichkeit aber werden schnell schwelende Konflikte und Intrigen sichtbar, brodeln Hass, Eifersucht, Rivalitäten und Rachegelüste, Lüste, Leidenschaften und Ängste.

Da steht eine Vamp-Frau (Laura Löffler) zwischen zwei auch beruflich konkurrierenden Männern (Bernhard Greif als Liebhaber, Benjamin Kraus als Verlobter), da arbeiten sich Bruder und Schwester (Ric Weißer und Maren Walter) ab an einer inzestuösen Bindung und wirken eher wie ein Liebes- denn wie ein Geschwisterpaar, da kämpft die angefahrene, in Folge behinderte und ausgegrenzte Jutta Berger (Britta Rechlin) mit ihrem Schicksal, da reiben sich die Steiger-Brüder (Matthias Meier und Simon Stotz) aneinander. Schließlich gipfelt das krampfhaft-lockere Fest in der Entdeckung des leblosen Heiko Steiger.

War es Mord? Ist der oder die Täterin unter den Gästen? Motive hätten nahezu alle: Heiko Steiger erschien als selbstgefälliger, tyrannischer und rücksichtsloser Tanzschulen-Patron, der seinen Bruder gegängelt, andere Männer in ihren Gefühlen provoziert und mit Frauen gespielt hat - bis zur körperlichen Verstümmelung. Licht in dieses Gestrüpp wuchernder Fantasien und Verdachtsmomente zu bringen, versucht Kommissar Sander (Christoph Möser), der das Geschehen zur Aufklärung ins Polizeipräsidium über die Grenze nach Weil am Rhein in den Hadid-Pavillon verlagert.

Die nüchtern-sachliche Atmosphäre des Betonbaus ist wie geschaffen für diese Szene - zumal Publikum und Schauspieler nun durch eine Plexiglaswand von einander getrennt sind und sich der Ablauf wie in einer Käfigszene im Zoo beobachten lässt. Unterlegt von einer kongenialen Musikbegleitung (Georg Ricci, Daniel Vogel, David Schiller) entwickelt sich so die psychologische Spirale einer Verhörsituation, werden die Filme aus den Köpfen der Protagonisten auf die Bühne geholt - und das fast ohne Worte. Ein lapidares "ganz schön kalt" wird schon zum vielsagenden Kommentar. Nervös Kette rauchend der eine, zusammen gekauert die andere, unruhig zappend der nächste: Kleine Gesten sind hier große Botschaften, signalisieren den Stand und das Befinden. So reduziert sich das Verhör nicht nur auf den Kern, das ist auch eine Schule des Sehens und fraglos der eindrücklichste Teil der Inszenierung.

Das Schmoren im eigenen Saft, das Kreisen im Brei aus Fakten und Fantasien aber zieht sich durch bis zur dritten Station: der Bar im "Nellie Nashorn" und der überraschenden Klärung (…). Von diesem Ende her gesehen legt "Seit Schritt Schuss" nicht nur den Kern der Krimistruktur frei, ist deren gekonnte und schauspielerisch überzeugende Dekonstruktion; vielmehr wird es zu einem Lehrstück über die Macht der Fantasien, einer rutschenden Wirklichkeit, die sich dem Zugriff immer wieder entzieht und erzielt mit minimalen Mitteln maximale Effekte. Bravo!

Michael Baas


Oberbadisches Volksblatt vom 14.04.05

Die Verbrecher sind unter uns

Trinationales Krimi-Projekt unter der Regie von Karin Maßen ist erfolgreich angelaufen

Von Dorothea Gebauer

Wer war der Mörder? Das beschäftigt nicht nur den Zigarre rauchenden Inspektor Columbo, es nagt an allen. Schließlich sind sie unverhofft zu Zeugen geworden, beim Tatort selbst direkt in ein schreckliches Geschehen verwickelt. Sie, das sind die Besucher des trinationalen Krimi-Projekts "Seit Schritt Schluss - Tanzschritte durch eine ungewöhnliche Krimigeschichte", das an drei Spielorten grenzüberschreitend aufgeführt wird und sich zum Ziel gesetzt hat, kulturelle Grenzen der Region durchlässiger zu machen. Regisseurin ist Karin Maßen, eindrucksvoll spielen ein junges Ensemble und drei Musiker.

Zunächst beginnt im Gebäude des Wenkenparks in Riehen alles vor traumschöner Kulisse. Walzer, Foxtrott, Schampus, zwei Tanzlehrer, die als Vertreter der Tanzschule Steiger Klischees klassischen Tanzschulmilieus erfüllen. Schmierige Anmachersprüche, Doppeldeutigkeit, Manieriertheit bestimmen das Parkett. Die Besucher werden sofort beteiligt, lassen sich bereitwillig zum Tanz auffordern. Bald ist nicht mehr ganz auszumachen, wer die eigentlichen Protagonisten sind. Skurril die Figur, die ein steifes Bein hinter sich herzieht: Ist sie die Böse? Oder die prinzessinnenhafte Schönheit, die unschuldiger dreinschaut als sie möglicherweise ist? Einer der Musiker entfernt sich plötzlich: Hat das etwas zu bedeuten?

Über allem liegt viel Atmosphäre, glanzvoll geschmeidig nimmt das Geschehen seinen Lauf: Ein Toter liegt plötzlich auf der Wiese. Die Wahrheitsfindung über dieses Verbrechen wird in den Hadid-Bau verlegt, wohin die gesamte Besucherschaft mit einem Bus gekarrt wird. Auf der Fahrt dahin wird gerätselt, spekuliert, kommen wildfremde Menschen miteinander ins Gespräch: Wer wars denn nun? Inspektor Columbo bittet bei der Aufklärung schließlich um Mithilfe. Hinter Plexiglas sitzen die potenziellen Übeltäter, davor die Besucher. Aus deren stummen Blicken lässt sich alles Mögliche interpretieren.

Die Verbrecher sind unter uns, und wir ganz nah am Geschehen, das sich zuletzt im Nellie Nashorn zur bedrängenden Wahrheit verdichtet. Auch hier ist das Spiel der Schauspieler mittendrin platziert. Es gibt keine Bühne. Was geschieht, könnte jetzt und hier, mit realen Figuren passieren, der Mörder oder das Opfer mittendrin sitzen. Man ist nicht nur Zuschauer, sondern Mitmacher, und muss zur Aufklärung des Verbrechens unbedingt seinen Beitrag leisten.

Aufatmen dann nach zwei Stunden und einer überraschende Wendung. Ein aufregendes Krimievent mit hohem Erlebniswert.
 

 
   
  Fotos von den Proben im neuen Wenken, Riehen (Schweiz)
 

 

 

 
 

 
 

 
 
 
 

 
 

 
 

 
 
 
 

 
 
 
 
 
 

 
 

 
 

 
 

 
 
 
 
 
 

 
 

   
 

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Die Personen:
 
 
Regie Karin Maßen
   
Buch Karin Maßen und Ensemble
   
Spieler Musik
Bernhard Greif · Gerhard Hannssen
Benjamin Kraus · Moritz Becker
Laura Löffler · Elisabeth Maibaum
Matthias Meier · Heiko Steiger
Christoph Möser · Kommissar Sander
Britta Rechlin · Jutta Berger
David Schiller · Marco Fischer
Simon Stotz · Andi Steiger
Ric Weißer · Paul
Maren Walter · Céline
George Ricci
Daniel Vogel
David Schiller
  Licht/Ton/Barkeeper
www.fugit.de André Kulawik
 
 
 

 

 

IMPRESSUM

 

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