| Presse
zum Stück:
OV vom 2. Juli 2005
Angesteckt vom Sturm und Drang
Theater-AG zeigt
ideensprühende Schiller-Interpretation: „Von der Schwierigkeit, mit
Schiller zu räubern"
Von Veronika
Zettler
Lörrach. Da
gelingt es ihm also immer noch, dem jungen Schiller, den Sturm- und
Drang-Funken überspringen zu lassen. Natürlich haben sich die Zeiten
geändert. Die Theater-AG der Kaufmännischen und Hauswirtschaftlichen
Schulen Lörrach unter der Leitung von Karin Maßen hat das Nachdenken
über die unterschiedlichen Bewusstseinszustände damals und heute zum
Bestandteil ihrer „Räuber"-Inszenierung gemacht. „Von der Schwierigkeit,
mit Schiller zu räubern" heißt das Stück jetzt, und neben den Figuren
des Dramas sind die Schauspieler und ihre Theaterproben selbst zum Thema
geworden. Immer wieder werden die Aussagen hinterfragt: Warum hat
Schiller den Bösen auch als Hässlichen geschrieben? Welchen
Freiheitsbegriff haben wir heute? Ist das
immer noch so
wichtig mit „Vertrauen, Schuld und Vergebung?" Offenbar. Denn die
Rivalität der schauspielernden Brüder Kai (Victor Hoffmann) und Fabian
(Ric Weißer) eskaliert in der Frage, wer Karl spielen darf und wer Franz
mimen muss. Zwischen Nora, Maria und Jeanne (Natalja Köpnick, Natalie
Schmidt, Julia Aaragüas-Nübling) entbrennt ein Konkurrenzkampf um die
Rolle der Amalia. Anton (Patrick Lauk) will dagegen den Part des alten
Moor nicht übernehmen, weil der fast wie sein eigner Vater ist.
Dazwischen ein
paar hervorragend und leidenschaftlich gespielte „Best-Ofs" der Räuber:
„Wir können uns raus nehmen, was uns gefällt", erklärt Regisseurin
Susanne (Laura Di Renzo) im Stück. Zu dieser Herangehensweise ohne Scheu
vor dem hehren Dichter-Monument hat Karin Maßen die
Akteure
ermuntert und es so geschafft, den „Räubern" in einer außergewöhnlich
energiegeladenen Aufführung Leben und Aktualität zu verleihen.
Erstaunlich, wie harmonisch hier Sturm und Drang mit modernem,
kritischen Jugendtheater einher geht; wie der Gefühlshaushalt, obwohl
das Pathos ironisiert wird, nach über 200 Jahren als unveränderliche
Konstante gezeigt wird. Und wie, obwohl alles Karl sein will, doch der
schlechte Franz zur bemitleidenswerten Hauptfigur der „Räuber" wird.
Dass sich die
Truppe trotz der unverkrampften Herangehensweise ganz auf Schiller
eingelassen hat, zeigen die vielen Ideen, die bei der Lektüre entstanden
sind. Wer hätte gedacht, dass sich Schiller so hervorragend rappen
lässt: „Stehlen, morden, huren, balgen", singen die Schauspieler auf der
Bühne, die als Boxring gestaltet wurde. Dort bleibt die Atmosphäre bis
zum Schluss spannungsgeladen. „Je mehr sich alle selber eingebracht
haben, desto näher ist uns Schiller gekommen", erklärt Karin Maßen. Auch
dem Publikum kommt er mit dieser Aufführung nahe.
Badische Zeitung vom Samstag, 2. Juli 2005
Aufklärer im Nahkampf
Theater AG der
beruflichen Schulen „räubert“ bei Schiller
„Von der
Schwierigkeit, mit Schiller zu räubern“ – gespielt von der Schultheater
AG der hauswirtschaftlichen und der kaufmännischen Schulen Lörrach unter
der Regie Karin Maßen – hat sich überzeugend an Schillers „Räuber“
angenähert. Eindrucksvoll eröffnete die zehn Akteure unter höfisch weiß
gebleichten Gesichtern und barocken Rüschenhemden das Stück. Typische
Sturm und Drang Attitüden mit pathetisch hochgerissenen Stühlen und
überzogen deklamierten Textpassagen des Klassikers beherrschen die
ersten Minuten.
Diese
Ironisierung der Vorlage erzeugt einen Raum, der gefüllt werden muss.
Was würden die Schüler der Theater AG einer Schülergruppe gleichen
Alters für Reflexionen über die Konkurrenz zweier Brüder zutrauen? Im
Nahkampf mit dem kritischen Aufklärer Schiller wurde überprüft, wie
zeitgemäß dieser noch ist. Zwar las man auch im Programmheft, dass im
Zentrum des Stückes eine Schülergruppe steht, die „keinen Bezug zu dem
entwickelt, was sie spielt“. Ganz zustimmen kann man dem aber nicht,
denn immer wieder tauchen Szenen auf, in denen die Kids beim
Basketballspielen über Schiller und seine Inhalte diskutieren.
Zum Schluss vollzieht sich ein Drama
innerhalb der Schülergruppe. Es zeigt, wie sehr sich der von Ric Weisser
gespielte Fabian mit der Rolle des abgelehnten Sohnes im Klassiker -
Franz Moor - identifiziert. Wunderbar bewährt sich hier der alte
Spiel-im-Spiel-Technik Inhalte auf einer anderen Ebene der Komposition
wieder auftauchen zu lassen. Und dies nicht nur einmal: „Wir sind frei!
Wir nehmen uns vom Schiller einfach, was wir brauchen!“, ruft Kristofer
Gudmunsson alias Paul rebellisch aus. Mit dieser Äußerung überträgt er
Schillers Revolutionsemphase in unsere Gegenwart. Und schließlich werden
die Handlungsmaximen der skrupellosen Räuber auch mit Bushs
Kriegspolitik verglichen. Eine große Leistung und eine runden
Inszenierung, die Schillers „Räubern“ aus der Geschichte in die
Gegenwart zu überführt.
Tanja Holtze
Oberbadisches Volksblatt
vom 30. Juni 2005
Intrigen rund um die Räuber
Premiere: „Von der
Schwierigkeit mit Schiller zu räubern“ / Regie führt Karin Maßen
Lörrach. Die Theater AG der hauswirtschaftlichen und kaufmännischen
Schulen Lörrach zeigt das neue Stück „Von der Schwierigkeit mit Schiller
zu räubern", eine Eigenproduktion frei nach Schillers Räubern unter der
Regie von Karin Maßen. Premiere ist am heutigen Donnerstag 30. Juni, 20
Uhr.
Die Zuschauer
erleben eine Gruppe von Schülern, die es sich zur Aufgabe gemacht hat,
Schillers Räuber zu inszenieren. Das Publikum ertappt quasi die Schüler,
die mit den Szenen und dem Versuch, diese nachzuspielen nicht weiter
kommen. Sie geraten ständig in Streit und entwickeln keinen Bezug zu
dem, was sie spielen. Durch die Choreographie gerät dies zu einem Tanz
wider Willen. Konkurrenz, Intrigen und Zwist beherrschen die Szene.
Jeder in der
Gruppe hat so seine eigenen Vorstellungen, die noch weit weg sind von
der dramatischen Vorlage. Aber dabei bringt auch jede und jeder seine
eigene Welt mit ein.
Einer der
Schüler hat daheim permanent Streit mit den Eltern. Er wird nie den
Anforderungen und Erwartungshaltungen seines Vaters gerecht. Offen
darüber reden kann er aber auch nicht. Weder daheim noch in der Schule.
Kein Wunder, dass er den Alten Moor auch sehr kritisch sieht.
Ein anderer aus
der Gruppe kennt die Geschwisterkonkurrenz nur zu gut. Ausgerechnet er
soll den Franz Moor spielen. Drei der Mädchen wollen Amalie sein. Die
Einigung fällt schwer.
Erlebbar soll
das Ringen um eine innere Haltung werden. Die Suche und
Auseinandersetzung über Ideale von heute, Wünsche und Ziele, die sich
Jugendliche stecken. Aber auch Plattheiten, Schwärmereien, Plattitüden
und mediengestählte Kids, die sich über den Inhalt des Räuberlieds
absolut keine Gedanken machen, da der Rhythmus zum Rappen einlädt, ist
nicht ausgespart. Ganz nebenbei wird dabei auch die Geschichte von
Schillers Räuber erzählt.
Badische Zeitung vom 29.
Juni 2005
Das Individuum und die Gruppe
VOR DER PREMIERE:
„Räubern bei Schiller“ mit der Theater AG
Die Schultheater
AG der hauswirtschaftlichen und kaufmännischen Schule Lörrach besteht
zehn Jahre. Seitdem hat die Gruppe jedes Jahr ein neues Stück auf die
Bühne gebracht. Nun im Jubiläumsjahr greift das Ensemble, das noch 14
Schüler und Schülerinnen verschiedener Schultypen - vom Berufskolleg bis
zum Wirtschaftsgymnasium - versammelt und damit auch ein Beispiel für
übergreifendes Lernen ist, seinerseits ein Jubiläum auf: Im Schillerjahr
versuchen sich die 15- bis 19-Jährigen und ihre Regisseurin Karin Maßen
an den „Räubern". „Von der Schwierigkeit mit Schiller zu räubern" nennt
sich die Eigenproduktion, die das Ensemble frei nach der klassischen
Vorlage erarbeitet hat.
Diese gerät in
der Inszenierung allerdings eher zur Nebensache. Im Mittelpunkt steht
eine Gruppe von Schülern und Schülerinnen, die die „Räuber" inszenieren
will. Ohne Hilfe von Außen wollen sie den Klassiker für sich
erschließen. Warum? Weil er berühmt ist? Weil das Punkte gibt? Weil das
als Seminararbeit zählt? So beginnt das Stück und Schillers Geschichte
von Karl Moor wird Ehre zur Folie über die die Darsteller mit sich,
ihren Selbstbildern und den Rollenerwartung des Außen konfrontiert
werden.
Das Publikum
sieht das Ensemble, das versucht die Szenen nachzuspielen, nicht weiter
kommt, in Streit gerät und keinen Bezug zu dem entwickelt, was es
spielt. Durch die Choreographie gerät dies zu einem Tanz wider Willen.
Konkurrenz und Intrigen beherrschen die Szene. Denn jeder hat nicht nur
Vorstellungen, die zunächst weit weg sind von der Vorlage; vielmehr
begegnet jeder dem Stück auch mit einem subjektiven Blick, eigenen
Ideen, einer persönlichen Geschichte.
Einer der
Darsteller zum Beispiel hat zu Hause permanent Streit mit den Eltern. Er
wird nie den Anforderungen und Erwartungshaltungen seines Vaters
gerecht. Offen darüber reden kann er aber nicht - weder zu Hause noch in
der Schule. Kein Wunder, dass er den alten Moor kritisch sieht. Ein
Schwächling, der nur sein Ideal, aber nicht den wirklichen Menschen in
Karl liebt. Ein anderer aus der Gruppe kennt die Geschwisterkonkurrenz
gut. Ausgerechnet er soll Franz Moor spielen: einen Intriganten und
Feigling. Das Einzige, was den Jungen auszeichnet, ist, dass er gut
aussieht. Er hat er immer Wert darauf gelegt schick und cool zu sein.
Und jetzt den Franz? Diese Ausgeburt an Hässlichkeit? Und sein Bruder,
mit dem er in einer Klasse geht, darf den Karl spielen? Solche
Rollenzuweisung provozieren Widerstand. Aber die Gruppe hat einen Pakt
geschlossen. Dem muss er sich fügen.
Auch unter den
Mädchen gibt's Konflikte: Drei wollen Amalie sein. Die Einigung fällt
schwer. Wie sollte die Amalie eigentlich ein? Was will die Gruppe
zeigen? Amalias Stärke, ihre Konsequenz oder ihr Festhalten an
schwärmerischen Idealen von der Liebe, die nicht der Wirklichkeit
entsprechen? So zeigt die Inszenierung das „Ringen um eine innere
Haltung", sagt die Regisseurin, und die Auseinandersetzung über Ideale,
Wünsche und Ziele, die sich Jugendliche stecken. Aber auch Plattheiten,
Schwärmereien und mediengestählte Kids, die sich über den Inhalt des
Räuberlieds keine Gedanken machen, da der Rhythmus zum Rappen einlädt,
werden nicht ausgespart. So entsteht das Bild einer faszinierenden
Gruppendynamik und nebenbei wird auch die historische Geschichte von
Schillers Räuber erzählt, gespielt und gelebt.
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