| Presse
zum Stück:
Badische Zeitung vom Dienstag, 9. August 2005
Premiere nach dem Camp
Die neue Compagnie „A
tempo“ zeigt beim Festival im Rosenhof eine Tragikomödie von Peter Weiss
Mit wild
schlenkernden Armen balanciert Herr Mockinpott auf den Bühnenbrettern,
versucht auf dem Holzbalken das Gleichgewicht zu halten – eine Gestalt
in Unterhemd, Hosenträgern und langem Mantel, die taumelnd und tänzelnd
langsam hinter dem Vorhang verschwindet. „Wie dem Herrn Mockinpott das
Leiden ausgetrieben wird“ heißt das Stück von Peter Weiss, das am 11.
August beim Theaterfestival im Rosenhof in Tegernau-Schwand aufgeführt
wird.
Die Inszenierung
der französischen Regisseurin Carolina Pecheny ist eine erstmalige
Koproduktion zwischen dem Kulturraum Rosenhof und der neuen Compagnie „A
tempo“, die aus einer Idee des regionalen Theaters „Tempus fugit“
entstanden ist. Die langjährigen „Tempus fugit“-Akteure Karin Maßen,
Matthias Meier, Benjamin Kraus und Andrea Casabianchi, die mittlerweile
in Essen Schauspiel studiert, sowie der Schauspielstudent Nico Selbach
aus Hannover haben sich für diese erste Produktion der neuen Gruppe „A
tempo“ zusammengefunden.
Hintergrund des
Projekts ist, dass Mitglieder von „Tempus fugit“ künftig immer wieder
mit professionellen Regisseuren wie jetzt Carolina Pecheny aus Paris
zusammenarbeiten möchten, um ihre Theaterarbeit zu professionalisieren.
Das Stück von Peter Weiss wurde in einem mehrwöchigen „Theatercamp“ im
Rosenhof einstudiert, wo das Ensemble nicht nur intensiv probte, sondern
auch unter einem Dach wohnen konnte.
In der
Kulturscheune werden die Raumverhältnisse für die Aufführung umgedreht:
Dort, wo sonst die Zuschauer sitzen, ist dieses Mal die Spielfläche,
denn in der Inszenierung werden bewusst beide Ebenen der Scheune samt
der Leiter und der Balken miteinbezogen. Bei dem Stück des bekannten,
1982 Verstorbenen Dramatikers, Regisseurs, Schriftstellers und
Büchner-Preisträgers Peter Weiss handelt es sich um eine Art von
Clowneske über einen Unglücksraben, der schwer geprüft wird in der
Schule des Lebens.
Für Regisseurin
Pecheny ist es „ein Stück, das eine Geschichte erzählt, auch eine
Geschichte voller Hoffnung, eine metaphorische Fabel voller Poesie und
Tiefe“. Die Titelfigur, dargestellt von Matthias Meier, ist ein ganz
normaler Mensch, dem plötzlich eine Reihe von Dingen und
Ungerechtigkeiten passieren, die ihn aus der Bahn werfen. Der
unbescholtene Bürger wird eines Tages ins Gefängnis gesteckt, sein Geld
wird ihm abgenommen, seine Frau betrügt ihn, er verliert seine Arbeit.
Der Herr
Mockinpott fragt sich ständig, warum ihm das passiert und wer dafür
verantwortlich ist, geht zum Arzt, zur Regierung, sogar zum lieben Gott.
Aber keiner kann ihm eine Antwort geben auf die Frage nach dem Sinn all
des Leidens. Begleitet wird Mockinpott auf seiner Odyssee von dem
Vagabunden Wurst (Karin Maßen), der mit wenig zufrieden ist und keine
Fragen nach dem Warum stellt. Am Schluss des Stücks, in dem auch das
Burleske seinen Platz hat und die Vertreter von Gesellschaft, Politik
und Religion als groteske Figuren dargestellt sind, findet Mockinpott
die Antwort auf seine Fragen bei sich selbst.
Roswitha Frey
Badische Zeitung vom Samstag, 13. August 2005
Absurdität des Lebens
„Wie dem Herrn
Mockinpott das Leiden ausgetrieben wird“ beim Theaterfestival im
Rosenhof
Zwischen den
Leitersprossen eingeklemmt steckt Herr Mockinpott und hadert mit seinem
Schicksal: „Gibt es denn keine Gerechtigkeit?“. Unschuldig wird er ins
Gefängnis geworfen, von einem uniformierten Wärter schikaniert, von
seiner Frau schmählich betrogen, um sein Geld und seine Arbeit gebracht
– wahrlich ein schwer gebeutelter Mann. Das Stück „Wie dem Herrn
Mockinpott das Leiden ausgetrieben wird“, eine Tragikomödie in Versform
von Peter Weiss, war jetzt in einer witzigen und burlesken Inszenierung
der Theatercompagnie „A Tempo“ beim Theaterfestival im Rosenhof in
Tegernau-Schwand zu sehen.
Und die
Zuschauer in der „ausverkauften“ Kulturscheune waren begeistert von
dieser Aufführung, die etwas von komödiantischer Farce, skurrilem Spiel
und einer Parabel auf die Absurdität des Lebens hatte. Selten einmal
wurde die urige Scheune mit ihren Leitern und Holzbalken so konsequent
und einfallsreich bespielt wie von dieser neuen Theatergruppe unter
Regie von Carolina Pecheny aus Paris. Was sich da an originellen bis
grotesken Szenen abspielte, zeugte von vielen Regie-Ideen, Humor und
Gespür für Theatereffekte.
Matthias Meier
als schwer geprüfter Mockinpott kam als etwas kafkaeske Figur rüber: ein
unbescholtener Bürger, der zum Pechvogel wird und nicht begreift, warum
das Leben so ungerecht ist. Wie er mit Hut, Spazierstock und angeklebtem
Schnurrbart agiert, hat etwas Rührendes und Liebenswertes. Karin Maßen
als Vagabund Wurst, ausstaffiert mit dicken Wollstrümpfen und unförmigem
Mantel, wirkt wie eine Figur von Beckett. Dieser Wurst nimmt das Leben
so hin, wie es eben ist. Mit größtem Vergnügen verfolgt man die
Stationen dieser sympathisch schrulligen Gefährten Mockinpott und Wurst.
Fast an eine
klassische Lustspielsituation erinnert die Szene bei Mockinpotts
untreuer Frau, die ihren Liebhaber unter der Decke und im Schrank
versteckt - eine irrwitzig gespielte Parodie. Zur Satire wird der Besuch
beim Arzt, der Mockinpott gleich auf den Operationstisch legt und mit
einer Riesenspritze traktiert. Nicht viel besser ergeht es dem
Unglücksraben bei der Regierung. Die Politiker verschanzen sich hinter
einem schwarzen Tuch und reden Nichtssagendes übers Wetter – und bringen
noch eine „Proklamation“ im hippen Rap-Stil. Besser kann man das
politische Blabla nicht auf die Schippe nehmen.
Und dann erst
die Szene beim lieben Gott! Wer sich da immer einen alten Mann mit
weißem Rauschebart vorgestellt hat, kriegt vor Staunen (und Lachen) den
Mund nicht mehr zu. Der liebe Gott ist hier eine Art Playboy in
Hawaii-Badehose, Sonnenbrille und Bademantel, der sich um seine „Firma
und ihre Abteilungen“ sorgt. Und das liebe Engelchen turnt zu
schwülstiger Schlagermusik sexy als Playboy-Bunny auf dem Balken unter
dem Dachstuhl herum. Die jungen Darsteller Andrea Casabianchi, Nico
Selbach und Benjamin Kraus zeigen in diversen Rollen unglaubliches
Verwandlungsvermögen, sprühenden Spielwitz und Sinn für zugespitzte
Komik in teils herrlich verrückten Kostümen. Riesenbeifall für diese
geglückte Inszenierung.
Roswitha Frey
Markgräfler Tagblatt vom Samstag, 13. August 2005
Furioso beim lieben Gott
Burleske Inszenierung
im Rosenhof: „A Tempo“ treibt Herrn Mockinpott das Leiden aus
Tegernau (js). Herr
Mockinpott ist zu bedauern. Er ist vom Pech verfolgt, grundlos verhaftet
und ins Gefängnis gesteckt, ohne Arbeit, ohne Geld, seine Frau betrügt
ihn mit einem anderen: eine Ungerechtigkeit nach der anderen. Man kennt
dieses Gefühl, dass sich alles gegen einen verschworen hat. Sind wir
nicht alle ein bisschen Mockinpott?
Es ist eine
wunderbare Komödie mit Elementen der Groteske, Clowneske, der Burleske,
die Peter Weiss in seinem Stück mit dem Bandwurmtitel „Wie dem Herrn
Mockinpott das Leiden ausgetrieben wird" gelungen ist.
Und was für ein
gefundenes Fressen für die neu gegründete Theatercompagnie „A Tempo",
die beim Internationalen Theaterfestival in Tegernau-Schwand ihrem Herrn
Mockinpott das Leiden austreibt. Die Zuschauer in der ausverkauften
Kulturscheune lachen, obwohl das alles so traurig und so ernst ist. Man
fühlt mit Mockinpott, diesem braven Mann mit Schnauzer und schwarzem
Hut, der sein Unglück nicht versteht.
Unter der Regie
der Pariser Regisseurin Carolina Pecheny ist diese Koproduktion zwischen
dem Lörracher Theater „Tempus fugit" und dem Kulturraum im Rosenhof eine
bittersüße komische Farce geworden. Kein Clownsspiel mit grotesken
Schießbudenfiguren und nur ein bisschen eine Hanswurstiade, die sich in
den skurrilen Knittelversen wie „Ich hab einen Durst, mein Name ist
Wurst" ausdrückt.
Diesen, nämlich
den Landstreicher Wurst, spielt Karin Maßen wie einen Beckett-Clochard.
Manchmal glaubt man sich auch bei Kafka und meint, Mockinpott (Matthias
Meier), dieser Jedermann, sei der Herr Josef K. aus dem „Prozess". Denn
vieles wirkt kafkaesk, die Verhaftung, auch die absurde Szene vor .der
Regierung.
Agiert wird
äußerst lebendig, witzig, alles ist wirklich „a tempo" inszeniert. Es
gibt Szenen, in denen die burleske Phantasie schier explodiert, etwa
wenn die Politiker eine „Proklamation" zu einer Rap-Nummer machen, oder
wenn der Nebenbuhler sich ständig im Schrank versteckt. Auch die Visite
beim Arzt ist eine absolute Doktor-Satire. Der Patient Mockinpott kriegt
nach dieser „Operation" der besonderen Art spastische Zuckungen.
Ein echtes
Furioso passiert beim lieben Gott im Himmel, wo das Stück kulminiert.
Dort oben, unter dem Gebälk der Scheune, geht es bei schwülstiger Musik
wie in einem Rotlicht-Etablissement zu, mit einem sexy Bikini-Engelchen,
einem Badehose tragenden und Zigarre rauchenden Herrgott und „Miserere,
Miserere"-Kommentare der Engel. Das ist also wieder nicht die richtige
Adresse, muss Mockinpott erkennen.
In den Rollen
sieht man noch - sehr wandlungsfähig - Nico Selbach, Andrea Casabianchi
und Benjamin Kraus. Und man schaut vergnügt zu bis zum Ende mit dem wie
Fred Astaire tanzenden Titelhelden und der Erkenntnis: „Das Schicksal
von Mockinpott ist Mockinpott".
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