|
|
Zum Stück
„Ich würde gerne was anderes machen, als das, was
ich mache, verstehst du, was anderes.
Jemand anders sein, am liebsten sogar das genaue
Gegenteil...“
Gerald sucht eine Frau, die er lieben kann.
Bislang hat er bei Frauen kein Glück gehabt. Er ist auf der Suche, um
dem Alleinsein zu entfliehen.
Luzia und Fred führen eine Beziehung die geprägt
ist von bohrender Eifersucht, Machogehabe und dem verzweifelten Bemühen
„cool“ zu sein.
Silvia ist eine Frau, die von niemandem beachtet
wird. Sie fällt nicht auf, keiner kann sich ihren Namen merken...
Ein junges Mädchen versucht den Menschen zu
entkommen. Sie will von allen in Ruhe gelassen werden und stopft sich
mit Schokolade voll...
Daneben ein Mädchen, das aufhört zu essen, zu
denken, zu fühlen...
In Textpassagen, kleinen Geschichten, Monologen
und Dialogen wird bruchstückhaft eine Welt sichtbar - poetisch und
ernüchternd zugleich.
Durringers Stück hat keine dramatische
Handlung, aber das Drama ist immer gegenwärtig. Die Figuren haben keine
Entwicklung, dafür Sehnsucht, Angst, Aggression, Liebe und Schmerz und
das „ganze verdammte Zeug!“
Rat- und orientierungslos taumeln die zufällig
aufeinander treffenden Protagonisten durch die soziale Eiseskälte, die
sie umgibt und die sie selbst verkörpern. Sie beschimpfen sich,
streiten, reden aneinander vorbei, sind abwechselnd zärtlich und
aggressiv, romantisch und brutal.
Kurze Momentaufnahmen des ganz alltäglichen
Wahnsinns Leben. Facettenreiche Sinnbilder für den Lebenshunger der
Menschen, die alles dafür tun, um sich diesen nicht einzugestehen. Hart
am Abgrund, und doch immer wieder geprägt von Komik, Hoffnung und der
Suche nach dem anderen in sich selbst.
|
|
|
Presse
zum Stück:
Oberbadisches Volksblatt vom Samstag, 7. Mai 2005
Momente ohne Sinn
und Seele
Premiere im
Kesselhaus: "Ganze Tage - ganze Nächte"
Von Dorothea
Gebauer
Auf der Bühne,
einem Laufsteg gleich, tummeln sich mitten im Theatersaal, bizarre
Typen. Links und rechts dieses Podests sitzen die Gäste an
Bistro-Tischen des Kesselhauses, an die sich von Zeit zu Zeit die
Schauspieler selbst gesellen, Zuschauer ansprechen und so aus der
Distanz herausholen. Theater, so die Botschaft, ist nicht etwas, was
sich da draußen, weit weg auf einer Bühne entwickelt, es spiegelt das
Leben wider. Wir können uns und seinen Fragen nicht entziehen, wir sind
immer, ob wir wollen oder nicht, mittendrin.
"Ganze Tage,
ganze Nächte" ein Stück nach Xavier Durringer und unter der Regie von
Karin Maßen mit dem Jugendtheater Tempus fugit umgesetzt, hat zunächst
etwas Beklemmendes. Feindselige Stimmung, Gewalt, die sich heftig
entlädt: "Schlag mich doch!", "Hau mir in die Fresse!"
Die Figuren, die
da wild gestikulierend auf und ab laufen, scheinen verzweifelt, als
hätten sie einen gnadenlosen Antreiber im Genick. Getrieben sind sie von
der Frage, was das Leben ausmacht, wer man ist, wie man Liebe bekommt
und lieben kann. In kleinen Geschichten, Andeutungen, Skizzen wird
dargelegt, dass die Antwort nur im Fragment, im Scheitern, im Experiment
liegen kann.
Zunächst lässt
man sich Zeit, im Kaleidoskop der Befindlichkeiten alle möglichen
Gefühle eindringlich wiederzugeben. Sehnsüchtig, hilflos, verletzt und
verwundet sind die Protagonisten. "Ich will alles anders!" "Ich warte
auf etwas Gewaltiges!" sind Schreie, die verhallen. Kein Zuhause, kein
Ankommen, nur seelenloses Herumtreiben. Vorübergehender Trost und
Betäubung liefern Illusionen, ansonsten bestimmt das Rennen in
Sackgassen, die sich in Parallelhandlungen scheinbar zufällig
entwickeln.
Sehr engagiert,
vital und virtuos, mit beinahe existentialistischer Schärfe treiben die
Protagonisten streitend, schreiend, lamentierend und sinnierend
authentisches Geschehen voran. Beinahe hätten wir vergessen, dass wir im
Kesselhaus sind. Wir wähnten uns im Café, am Küchentisch irgendeines
Appartements, an irgendeiner Straßenecke: im wirklichen Leben eben.
|