aktuelle Inszenierung:

Tempus fugit - Freie Gruppe

   
 
"b-sides  oder Künstlergarderobe für Zweitbesetzung" (2004)

Regie: Karin Maßen

 

 

   
   
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Der Sonntag am 5.9.04

PULS Nr. 28 September 2004

Badische Zeitung vom 14. September 2004

   
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Pech! Der Schauspieler muss sich mit dem Musiker eine Garderobe teilen.
Nicht unbeobachtet kann sich der Darsteller von kleinen Nebenrollen auf seine Auftritte vorbereiten. Selbst der Stellwerker (Lichttechniker) kann alles, was in der Garderobe geschieht, per Lautsprecher mitverfolgen und sich einmischen. Er hat seinen Spaß daran!


Die Grenze, die der junge Schauspieler bald im Raum zwischen sich und dem Nachbarn zieht, symbolisiert die beiden Welten, in denen die beiden leben:
So träumt der Schauspieler beständig von seiner Karriere: „Einmal etwas Großes, Tragisches spielen zu dürfen, das imponiert und Eindruck macht!“ Das ist sein Ziel. Dafür möchte er die Technik perfektionieren, dafür studiert er Theatertheorien und Schauspielkonzeptionen.
Er sucht den Applaus. Zu dumm dass er, in seiner Orientierung nach Außen, sein eigenes komisches Talent nicht anerkennt und wertschätzt Blindlings kämpft er dagegen an. Seine Angst, nicht ernst genommen zu werden, ist bestimmend.
Sein Kontrapunkt ist der Musiker, dessen Profession die Begleitung jeder Rolle und jeder Szene ist. Die Eskapaden seines Mitbewohners und die imaginäre Grenze betrachtet er in einer Mischung aus Ironie und Verwunderung. Auch dieser Garderobenbewohner steht nicht im Rampenlicht:. Was ihn aber unangreifbar macht, ist die Liebe zu seinem Instrument, zu seiner Musik, die ihn auch immer wieder Brücken zu seinem Nachbarn schlagen lässt.
Mal subtil vertont, mal wörtlich direkt, auf englisch und auch auf deutsch, weist der dem Garderobenkollegen neue Wege auf: auch Komiker können Helden sein!

 
 
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Der Sonntag vom 5. September 2004

Aus der Improvisation geboren: Das Lörracher Tempus-fugit-Team hat mit „B-Sides“ sein eigenes Stück entwickelt.

Tragisch, ein Huhn

Überzeugende Eigenproduktion von Tempus fugit: „B-Sides“

Von Annette Mahro

B-Seite, Nebenrolle und Zweit­besetzung: Im Theater geht es kaum anders zu als irgendwo sonst auf der Welt. Wer will schon den Hanswurst am Rande der Bühne oder gar ein Huhn spielen und den ganz großen Ap­plaus am Ende des Stücks ande­ren überlassen?

Nirgends fällt die eigene Nebenrolle aber mehr auf als im Bühnen-Scheinwerferlicht, das alles Unwichtige noch unwichtiger, alles Nebensächliche noch nebensächlicher macht. Vor der Bühne ist hinter der Bühne. Ein Schauspieler (Matthias Meier) und ein Bühnenmusiker (George Ricci) teilen sich in der jüngsten Eigenproduktion der Lörracher Theatergruppe Tempus fugit eine Künstler-Garderobe.

Die Grenze, die der junge Darsteller bald im Raum zwischen sich und dem Nachbarn zieht, symbolisiert die zwei Wel­ten, in denen die beiden leben. „Einmal etwas Großes, etwas Tragisches spielen", träumt der noch Glücklose, der auch noch vor dem winzigsten Auftritt so viel Nervosität entwickelt, dass ihm gerade seine Ernsthaftigkeit zur überzeugendsten Komik gerät. An dem ihm wirklich Wesentlichen geht das nur leider meilenweit vorbei.

    Sein Kontrapunkt ist der Musiker, dessen Profession die Begleitung jeder Rolle und jeder Szene ist. Die Eskapaden seines Mitbewohners und die imaginä­re Grenze betrachtet er in einer Mischung aus Ironie und Verwunderung. Zwar steht auch dieser Garderobenbewohner nicht im Rampenlicht. Was ihn aber unangreifbar macht, ist sein Instrument, das er sprechen, ja kommentieren lassen kann, ohne deshalb je wirklich selbst Partei ergreifen zu müssen.

Während der Schauspieler sich ernsthaft den Theorien seines Fachs unterwirft, so derjenigen, niemals je Persönliches auf der Bühne zu tragen, sich darin aber mehr und mehr in ungewollter Komik verstrickt, steht der Musiker auf der anderen Seite des Horizonts. Mal subtil vertont, mal wörtlich direkt weist er dem Garderobenkollegen neue Grenzen. Während der noch über die Herausforderung philosophiert, ein Huhn zu spielen, bringt sein Zimmernachbar Anspruch und Wirklichkeit der Nebenrolle auf den Punkt: „You gonna be a great chicken!"

Grenzen in den Köpfen

Mit wenigen Ausnahmen spricht der Musiker Englisch auf der Bühne, sein Mitbewohner dagegen meistens Deutsch. Das ist einerseits eine weitere nicht wirklich greifbare Grenze in den Köpfen, macht das Stück andererseits aber auch mit aller Beiläufigkeit real. George Riccis Deutsch ist ganz einfach nur marginal, und die Rollen der Protagonisten passen sich ihren Darstellern an. Sie sind schließlich, inklusive aller Situationskomik, auch von ihnen selbst entwickelt worden.

„B-sides oder: Künstlergarderobe für Zweitbesetzung" ist als Eigenproduktion von Tempus Fugit unter Karin Maßens bewährter Regie diesmal in der freien Gruppe entstanden. Um die Grundidee herum wurde zunächst improvisiert, die Dialoge dann nach und nach schriftlich festgehalten und ausgefeilt bis zur Premiere.

Die Schauspieler spielen also gleich doppelt eigene Rollen und sprechen eigene Texte. Da ist es nichts weniger als logisch, dass als Dritter im Bunde auch der langjährige Tempus-fugit-Beleuchter Andre Kulawik auf der Bühne mit von der Partie sein darf. Von seiner Kommandobrücke aus ist er nicht nur allgegenwärtig und überblickt den Raum vor und hinter der Bühne, sondern er steigt auch ab und an herab und greift in die Handlung ein.

Episches Theater im klassischen Sinne ist das Ergebnis am Ende trotzdem nicht, selbst wenn Bert Brechts berühmtes Dreigroschenoper-Zitat hier einmal mehr so recht gepasst hätte: „Und man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht." Als Schlussbemerkung bleibt da nur ganz nebenbei: „B-­sides oder: Künstlergarderobe für Zweitbesetzung" hat auch so das Zeug zum Bühnenklassiker.


PULS Nr. 28  September 2004

Meine Welt – deine Welt: Die Künstlergarderobe als Bühne

Tempus fugit zeigt „b-sides oder Künstlergarderobe für Zweitbesetzung“

Die Theatergarderobe als Bühne. Zwei Akteure wie sie unterschiedlicher nicht sein können bereiten sich auf ihren Auftritt vor. „Das hier ist die Grenze“, tönt es schroff aus dem Mund des einen. „Hier ist meine Welt“

Von Birgit-Cathrin Maier

Die blauen Augen von Matthias blicken kalt und grau auf den Klarinettenspieler. Dieser lässt sich nicht aus der Konzentration bringen, spielt belustigt auf seiner Klarinette. Dem Zuschauer wird klar: das hier ist keine Probe. Es ist das wirkliche Leben.

Mikrokosmos Garderobe: Was geschieht, bevor sich der Vorhang der Bühne lichtet? Was, wenn der Vorhang gefallen, der Applaus verebbt, das Schein­werferlicht erloschen ist? All das hat das neue Stück: „b-sides oder Künstlergar­derobe für Zweitbesetzung" der Freien Gruppe Tempus Fugit zum Inhalt.

Schauspieler Matthias (Matthias Meier) und der englische Musiker Michael (George Ricci) teilen sich eine Garderobe. Beide haben bereits bessere Tage erlebt. Michael ist das so ziemlich egal. Ihn drücken private Probleme. Seit dem Rauschmiss aus der Wohnung lebt er heimlich in der kleinen Garderobe. Auf der Bühne spielt er, was man von ihm verlangt. Nur wenn er privat zur Gitarre greift und Melodien zupft, taucht seine verletzte, träumerische Seele für kurze Momente an die Oberfläche und gewährt Einblick in seinen wirklichen Zustand.

Matthias ist ehrgeizig. Er steckt voller Theorie, weiß aber nicht, es umzusetzen. Sein Spiel wirkt mechanisch, ungelenk und irgendwie ziemlich komisch. Dass in ihm durchaus ein komisches Talent steckt, das er sich zu nütze machen kann, nimmt er überhaupt nicht wahr. Matthias will ein ernsthafter Schauspieler sein. Und scheitert an seinem Perfektionismus, der alles Lebendige in ihm erstickt. Dem sensiblen Michael ist dies längst klar und vergebens versucht er, seinen Kollegen darauf aufmerksam zu machen. Die kleine Garderobe wird selbst zur Bühne auf der sich die schmorenden Kessel der Gemüter entladen. Noch machen sie sich selbst etwas vor, doch die Fassade ist längst schon am bröckeln.

Das Stück wird derzeit während der Proben improvisiert und entwickelt, erzählt Regisseurin Karin Maßen. Das macht das ganze so spannend - für Akteure wie auch für die Regisseurin.

Mit „b-sides oder Künstlergarderobe für Zweitbesetzung" will man die Welt des Theaters ein bisschen auf die Schippe nehmen", berichtet Karin Maßen. „Theater dient dem Publikum, es soll Menschen erreichen und keine Wissenschaft darstellen", erklärt sie die Inhalte des neuen Stücks, dessen Ende sich noch nicht herauskristallisiert hat.

Spannend ist das Miteinander von Worten und Musik. Denn Musiker Michael drückt sich überwiegend durch seine Instrumente aus. Das habe einen ganz praktischen Grund, erzählt George Ricci: „Mein Deutsch ist einfach limitiert". Interessant ist der Wechsel von Michael, dem Bühnenmusiker zu Michael dem Gitarrenspieler, das seine gespaltene Seele zeigt.

„b-sides oder Künstlergarderobe für Zweitbe­setzung" spielt mit seinem Titel auf die B-Seite von Singles an. Während auf der A-Seite ein Hit veröffentlicht ist, dümpelt auf der B-Seite ein weniger gutes Stück vor sich hin. Eine weitere Erklärung wäre auch, dass alles im Leben eine Vorder- und eine Rückseite hat.

Tempus Fugit ist ein Verein mit sieben Gruppen und über 100 Schauspielern. In der Freien Gruppe, haben sich Schauspieler und Musiker zusammengefunden, die einen professionellen Anspruch an ihre Arbeit haben. Matthias Meier, George Ricci, Karin Maßen und Andre Kulawik (Bühnenbau, Licht) standen bereits 2002 mit dem Stück „Die Augen" gemeinsam auf der Bühne.

Das Stück wird erstmals als Koproduktion von Nellie Nashorn, Lörrach und dem Kulturzentrum Kesselhaus Weil am Rhein aufgeführt.


Badische Zeitung vom Dienstag, 14. September 2004

Die B-Seiten hinter dem Traum von Größe

Theatergruppe Tempus fugit hat mit "B-sides oder Künstlergarderobe für Zweitbesetzung" ein neues Stück inszeniert

LÖRRACH. Das Leben ist nicht immer schwarz oder weiß - meistens ist es grau. Und weil es grau ist, haben Busse Verspätung und regnet es immer dann, wenn man ohne Schirm unterwegs ist. "Warum muss ich mit einem Musiker eine Garderobe teilen" schreit Peter Bohner, der junge enthusiastische Schauspieler in den Raum. Genau aus diesem Grund: das Leben hat eben nicht nur eine A-Seite, die stets und ständig den Hit spielt, sondern auch eine B-Seite, auf der genau die Dinge passieren, die das Leben nicht perfekt machen.
In der neuen Tempus fugit-Inszenierung "b-sides oder Künstlergarderobe für Zweitbesetzung" setzt Regisseurin Karin Maßen zwei extrovertierte Charaktere in Szene: Beide haben den Hang zur Depression und treffen im Mikrokosmos Künstlergarderobe aufeinander. Ironisch überspitzt und dennoch einfühlsam agieren drei vollkommen gegensätzliche Figuren auf drei Ebenen. Schauspieler Peter Bohner (gespielt von Matthias Meier) und Musiker Michael (George Ricci) teilen sich auf der größten Ebene eine kleine Künstlergarderobe. Eine nackte Glühbirne baumelt von der Decke und und wirft einen hellen Schein auf den Holztisch in der Mitte des Raumes. Ein Mikrofon verbindet den Künstlerraum mit der oberen Ebene, auf welcher der Stellwerker (André Kulawik) sitzt und wie "Big Brother" ein Auge auf die zwei Akteure unter sich hat. Es hat den Anschein, als bewege er Peter und Michael wie Marionetten. "Peter Bohner zur Bühne bitte", schallt es aus dem Lautsprecher in der Garderobe und Peter tanzt in seinem lächerlichen Postbotenkostüm hinaus. "C7 nach D8" spricht der Techniker in sein Mikrofon und eine Etage tiefer führt Musiker Michael den Schachzug aus, während sich Peter gerade als Postbote auf der dritten Ebene, der Bühne produziert. Diese Bühne, lag verborgen hinter einem schwarzen Netzvorhang und wurde erst sichtbar, als ein Scheinwerfer sie beleuchtete.
Eine tragende Rolle spielt Peter nicht und genau das ist sein Problem. "Ich möchte einmal etwas Großes, Tragisches spielen, was imponiert" schreit Peter verzweifelt seinem Raumgenossen Michael zu, der ihm nicht mit Worten antwortet, sondern mit Musiknoten. Obwohl viele Wörter, Zitate und Klischees durch die Luft fliegen, reden die drei Akteure nie wirklich miteinander. Während Peter in einem fort redet, drückt sich Michael über sein Spiel auf der Klarinette oder der Gitarre aus. Aber die Melodien sind nicht einfach Musik, vielmehr sind sie der Soundtrack für Peters schwankenden Gefühle.
Kommen Emotionen ins Spiel, werden schnell Grenzen gezogen und Wände aufgebaut. Aber diese Mauern fallen wieder. Denn beide Garderobenbewohner merken, dass sie voneinander profitieren können, wenn sie sich nicht nur um sich selbst drehen. Fast wie im banal-normalen Leben.

Kornelia Schiller
 

 
   
  Fotos von den Proben
 

 
 
 
 

 
 
 
 

 
 
 
 

 
 

 
 
 
 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
 
   
 

Fotos: Thomas Quartier

   
 
 
Das Ensemble:
 
Der Schauspieler Matthias Meier
Der Musiker George Ricci
Der Stellwerker Andre Kulawik
   
Regie: Karin Maßen
Text Karin Maßen und Spieler
Dramaturgie Karin Maßen
   

Lichtdesign/lichttechnik:

Andre Kulawik
Musik/Komposition George Ricci
Bühnenbau Nicole Kessler
   
Plakat & Programm Britta Rechlin
Fotos Thomas Quartier
Dr. Martin Schulte-Kellinghaus
   
Produktionsleitung Johannes Maßen
   

Probenbegleitung und Assistenz 

Benjamin Kraus, David Voges, Andrea Casabianchi, Laura Löffler, Stefanie Klimkait, Johannes Maßen

   
Portraits

George Ricci

Pure music is an attempt to express that which is unatterable.
Music in theatre underlines or contradicts what is being shown, giving a commentary or sometimes playing a role.
The job of the musician in a theatre is, ultimately, to play upon the heart –strings.

G.R.  04

   

Matthias Meier

Theater macht wach und hält wach, zwingt mich dazu nicht “satt” zu sein, und immer wieder eine neue Offenheit zu entwickeln.

   

Andre Kulawik

Theater tut Kultur gut.

Der direkte Kontakt zwischen allen Beteiligten lässt uns Welten beleben, die sonst in unserer Gesellschaft unbefruchtet blieben. Vorhang auf!

   
Karin Maßen

Die Arbeit in und mit dem Ensemble, und dazu zählen bei Tempus fugit tatsächlich alle an dem gesamten Realisierungsprozess Beteiligten, erfordert immer den gesamten Menschen.
Genau darin sehen wir auch die Chance für unsere Theaterarbeit:
nicht die Technik in den Vordergrund sondern die Menschen in das Zentrum des Geschehens zu stellen. Nähe zuzulassen und dem Publikum wieder die aktive Rolle zuzugestehen, die jedes Bühnengeschehen erst lebendig werden lässt.
Die Herausforderung ist die emotionale Beteiligung aller, nicht die distanziert abgehobene Betrachtung.
 

   
 

Portraitfotos: Thomas Quartier

   
 
 

 

 

 

IMPRESSUM

 

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