aktuelle Inszenierung:

Tempus fugit - Freie Gruppe

   
 
 

"Der Sandmann"
nach E.T.A. Hoffmann
 

Regie: Karin Maßen
 

 

 

   
   
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  zum Stück:

Für Nathanael ist der Sandmann der Inbegriff des Bösen. Die Begegnung mit ihm bringt unweigerlich Schrecken und Tod.
Hat nicht die alte Frau ihm als kleinen Jungen schon erzählt: „Das ist ein böser Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bett gehen wollen und wirft ihnen Händevoll Sand in die Augen, daß sie blutig zum Kopf herausspringen...“
Für Nathanael hat die Figur des Sandmanns Gestalt in der Person des Advokaten Coppelius gewonnen, ein Bekannter seines Vaters:
Hat er nicht schon als kleines Kind das Unheimliche, die düstere Ausstrahlung dieses Mannes schon immer geahnt? Und ist nicht der Vater selbst bei einer der heimlichen nächtlichen Zusammenkünften mit Coppelius umgekommen?
Viele Jahre später, Nathanael ist mittlerweile Student und Dichter, glaubt er im Wetterglashändler Coppola (coppa: ital. Augenhöhle), den Advokaten Coppelius wieder zu erkennen.

Ist das nun Spuk oder Einbildung? Ist die Wirklichkeit verschoben oder die Wahrnehmung.?
Seine Verlobte Clara, selbst eine einfühlsame, besonnene Person, versucht ihm deutlich zu machen, dass er seine Kindheitsvorstellungen von dem Sandmann auf Coppelius projiziert, ohne dafür vernünftige Gründe angeben zu können. Anfänglich mit Erfolg.
Doch dann häufen sich die Ereignisse:
Mit einem Fernglas des Wetterglashändlers Coppola nimmt Nathanael die bewegliche Puppe Olimpia ins Visier, ein Geschöpf seines Professors Spalanzani.
In seiner Wahrnehmung ist diese Automatenpuppe lebendig – er vergisst, dass es eine Clara, eine Mutter, Freunde in der Welt gibt. Er lebt nur noch für Olimpia -

Bitter ist das Erwachen!
Nathanaels Geschichte erfahren wir aus verschiedenen Blickwinkeln. Einmal durch Briefe von ihm selbst, durch Briefe seiner Verlobten und durch den Erzähler.
Offen bleibt stets der Anteil an Subjektivität. Was ist Schein und was ist Wirklichkeit? Was sehen die Augen unabhängig von unserer inneren Deutung?
 

 
  zum Autor:

E.T.A. Hoffmann

veröffentlichte 1816/17 einen zweibändigen Zyklus unter dem bezeichnenden Namen „Nachtstücke“. Eröffnet wird der Zyklus mit der Erzählung: „Der Sandmann“.

Innerhalb der Romantik ist die Aufwertung der Nacht stets polemisch auf die allzu hoffnungsvolle Lichtmetaphorik der Aufklärung bezogen.
Der aufklärerische Erkenntnis, Erziehungs- und Vervollkommnungsoptimismus erscheint durch die Erfahrung des Nächtlich Abgründigen gebrochen.

E.T.A. Hoffmann sieht die Vertiefung in die Nachtseiten der Psyche aber auch durchaus kritisch.:
Die Begegnung mit der Automatenpuppe Olimpia veranlasst die Anwesenden zu herablassender Kritik und Distanzierung gegenüber Nathanael und doch
„schlich sich in der Tat abscheuliches Misstrauen gegen menschliche Figuren ein. Um nun ganz überzeugt zu werden, dass man keine Holzpuppe liebe, wurde von mehreren Liebhabern verlangt, dass die Geliebte etwas taktlos singe und tanze... vor allen Dingen aber, dass sie nicht bloß höre, sondern auch manchmal in der Art spreche, dass dieses Sprechen wirklich ein Denken und Empfinden voraussetze“
(E.T.A. Hoffmann: Nachtstücke. Reclam S.43)

Die wechselnde Erzählperspektive, düstere Grausamkeit, ironische Distanzierung und die Nähe von Schrecken und Komik lassen den Leser erahnen, dass eines Menschen Schicksal nicht nur als logische Folge bestimmter Ereignisse zu deuten ist..
Traum und Wirklichkeit durchdringen sich, Ursache und Wirkung sind nicht eindeutig zu bestimmen.

Die Grenzen unserer subjektiven Anschauung sind die Grenzen unserer Welt. Für Nathanael wird diese Welt immer kleiner. Er verliert den Boden unter den Füßen und damit jede Möglichkeit sich von sich selbst zu distanzieren und kritisch zu hinterfragen..

Der Leser selbst wird angezogen und abgestoßen. Bald versucht er zu analysieren, rückt das Erleben Nathanaels ganz in das Reich der Phantasiegeburten, der bloßen Subjektivität;
dann fühlt er sich selbst in das Geschehen hineingezogen und spürt das Unverständnis, das eine Außenwelt einem Menschen entgegenbringt, der sich immer weiter in seine Innenwelt verstrickt..

Diese Ambivalenz, die beständige Suche nach einer Haltung, war für uns Motor für die Dramatisierung.

 

 
  Presse

Neue Württembergische Zeitung vom 24.11.03

"Der Sandmann"
an den Göppinger Theatertagen 2003

THEATERTAGE: "Sandmann" und "Goldner Topf" auf der Bühne

KURT LANG

Hoffmanns "Sandmann" ist nicht gerade ein fröhliches Kindermärchen. Die ganz in Schwarz gehüllte Bühne wirkt bedrohlich, das einzige Requisit, ein mächtiger, alter Kleiderschrank, trägt ohnehin nicht zur räumlichen Aufhellung bei. "Sandmann" Coppelius, der unheimliche Wetterglashändler, trachtet nach schönen Kinderaugen, die Öffnung des Schrankes erweist sich als tückische Höhlung, in der gar seltsam-teuflische Dinge geschehen: Der kleine Nathanael wird zwar nicht des Augenlichtes beraubt, dafür muss er sich den Mechanismus von Händen und Füßen "observieren" lassen, dass die Gelenke nur so knacken. Trotz der Düsternis besticht die Handlung durch seine äußerst farbkräftigen Gestalten. Auch wenn Hoffmanns Skurrilität in der Fassung der Gruppe "Tempus Fugit" etwas zu kurz kam, ließ die Ensemble-Bearbeitung mitunter Gegensätze wunderbar aufeinander prallen: Hier der unheimliche Alte mit seiner bizarren Fratze, da der ängstliche, poesie-verklärte Knabe. Am Schluss viel Beifall für eine außergewöhnliche Inszenierung.

 


Badische Zeitung vom 13. September 2003

Von Menschen und Automaten

Das Jugendtheater "tempus fugit" inszeniert den Sandmann nach E.T.A. Hoffmann

LÖRRACH. "Mr. Sandman, bring me a dream", säuselt die Geige von George Ricci in trügerischer Sanftheit. Die Träume, die der Sandmann aus dem gleichnamigen Stück von E.T.A. Hoffmann bringt, sind aber grässliche Alpträume. Der Popanz aus dem Ammenmärchen verwandelt sich darin nämlich für den Jungen Nathanael in einen Unhold, der unweigerlich Schrecken, Tod und ewiges Verderben bringt, den Inbegriff des Bösen also. In Gestalt des Advokaten und Alchimisten Coppelius ist er verantwortlich für den Tod des Vaters.

Der Sandmann, wie die Gruppe "tempus fugit" ihn darstellt, holt statt Sand dicke Murmeln aus seinem Sack, und statt sie den Menschen in die Augen zu streuen bewirft er sie damit. Klack, klack, klack, hüpfen die Glaskugeln über den Boden. Als spielerisches Element ziehen sie sich durch die neue Inszenierung der Freien Gruppe von "tempus fugit", die am Donnerstag im Nellie Nashorn Premiere hatte. Der besonnenen Clara (Andrea Casabianchi) und Nathanael (Bernhard Greif) dienen sie zum neckischen Spiel, bevor ihr Liebesglück zerstört wird. In der Hand des Wetterglashändlers Coppola (italienisch coppa für Augenhöhle), in dem der Student Nathanael Coppelius (beide Daniel Voges) wiederzuerkennen glaubt, werden sie zu "Schöne Oge", schönen, aber nicht sehenden Augen - einem Sinnbild für die zunehmende Blindheit von Nathanael, der die seelen- und empfindungslose Puppe Olimpia als Mensch, die Menschen aber als Automaten verkennt.

Das Publikum wird durch das stakkatoartige Klacken der Murmeln, das karge Bühnenbild mit nur einem alten Schrank vor schwarzem Vorhang, dem Wechsel von Zwielicht und Scheinwerferschein, Masken aus der Commedia dell'Arte und den hypnotischen Klängen, mit denen George Ricci die Geschichte musikalisch miterzählt, in eine eigenartige Bühnenwelt versetzt. Die entspricht freilich der vielschichtigen Novelle Hoffmanns, einem typischen Werk der Romantik, das in der Zeit der Aufklärung das rationale Denken kritisiert und dass die damalige Gesellschaft sich nicht mit Träumen, Phantastereien oder Geisteskrankheiten auseinandersetzen mag, den dunklen Mächten und inneren Dämonen also, die man heute Depressionen, Neurosen oder Traumata nennt.

Regisseurin Karin Maßen und ihre Gruppe schildern Nathanaels Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln, durch Briefe und einen Erzähler (Benjamin Kraus). Wirklichkeit und Wahrnehmung verschieben sich im intensiven, beeindruckenden Spiel immer mehr. Bald weiß der Zuschauer nicht mehr, was nun Spuk ist, was Realität. Im intensiven Miterleben des Geschehens auf der Bühne spürt er jedenfalls das Unverständnis, das einem sich immer weiter in seine Innenwelt verstrickenden Menschen von den Anderen entgegen schlägt. Zur Auflockerung der oftmals beklemmenden Momente gibt es aber auch humorvolle, beispielsweise wenn Andrea Casabianchi als wachsgesichtige Olimpia herrlich überkandidelte "Hachs" ausstößt. Dann kann auch das Publikum durchatmen und schmunzeln.

Barbara Ruda
 


Badische Zeitung vom 6. September 2003

Suche nach Haltung

VOR DER PREMIERE: Tempus fugit spielt "Der Sandmann"

LÖRRACH. 1816/17 veröffentlichte E.T.A. Hoffmann einen zweibändigen Zyklus von Erzählungen mit dem bezeichnenden Titel "Nachtstücke". Eine dieser Erzählungen ist "Der Sandmann". Aber das ist kein Sandmann wie wir ihn aus dem Kinderfernsehen kennen. Der Sandmann ". . . das ist ein böser Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bett gehen wollen... und wirft ihnen Hände voll Sand in die Augen, dass sie blutig zum Kopf herausspringen . . ."
Für den jungen Nathanael tauchte der Sandmann in Gestalt des Wetterglashändlers Coppelius auf, der immer kam, um mit seinem Vater alchemistische Versuche zu machen. Ihm gibt er auch die Schuld am Tod des Vaters. Die Angst vor Coppelius lässt auch den inzwischen erwachsenen Nathanael nicht mehr los. Clara, seine Verlobte, kämpft darum, ihm diese Angst zu nehmen. Sie ist stark, aber die scheinbar zufälligen Begegnungen mit Coppelius werden für Nathanael immer belastender. Nathanaels Geschichte wird einmal durch Briefe von ihm selbst erzählt, dann durch Briefe seiner Verlobten und durch den Erzähler.
Offen bleibt stets der Anteil an Subjektivität. Was ist Schein und was ist Wirklichkeit? Was sehen die Augen unabhängig von unserer inneren Deutung? Diese Mehrperspektivität macht eine Bühnenfassung spannend und fordert heraus. Die Freie Gruppe des regionalen Jugendtheaters "Tempus fugit" hat sie mit Regisseurin Karin Maßen erarbeitet. Premiere ist am 11. September im Nellie Nashorn Lörrach, Tumringer Straße. Es spielen: Benjamin Kraus, Andrea Casabianchi und Bernhard Greif. Außerdem wirken als Musiker David Voges und George Ricci mit eigenen Kompositionen mit.

 

 
   
  Fotos von den Proben
   
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

Fotos: Thomas Quartier

   
 
 
Es spielen:
 
 

Nathanael

Bernhard Greif

Clara

Andrea Casabianchi

Olimpia

Lothar

David Voges

Coppelius

Siegmund

Benjamin Kraus

Der Vater

 

 

Musik

George Ricci

Regie

Karin Maßen

 

 

Textvorlage

E.T.A. Hoffmann: Der Sandmann

Dramaturgie

Karin Maßen und Gruppe

Bühnenbau

Frank Mayer

Lichtdesign/Lichtregie

Andre Kulawik

Lichttechnik

Marco Reif

Kostüme

die Gruppe und Alex Sojka

Programm- und Plakatgestaltung

Simon Stotz

Internetfotos

Thomas Quartier

Sponsoring, Organisation, Werbung

Johannes Maßen, Thorsten Blank

Probenbegleitung

Daniel Jeroma, Stefanie Klimkait, Stefan Maßen

 
 

 

 

 

IMPRESSUM

 

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