aktuelle Inszenierung:

Tempus fugit - Jugendtheater Lörrach II

   
 
 

"Das kunstseidene Mädchen"
nach Irmgard Keun

Regie: Karin Maßen
 

 

   
   
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  zum Stück:

Doris, ist ein Mädchen des niederen Mittelstands in der Weimarer Republik, und hat mit sich so große Pläne: Sie will "ein Glanz" werden!
Ihre Ziel sind Ruhm, Anerkennung, gesellschaftlicher Aufstieg, Geld.
Nach dem gescheiterten Versuch als kleine Büroangestellte, versucht sie dies durch ihre Männerbekanntschaften zu erreichen.
Die Flucht nach Berlin erscheint ihr wie eine Verheißung:
Die Lichter, der Reklamezauber, die Kinos, der Glanz der Stadt der Golden Twenties.
Doris stürzt sich in das Leben der Tanzhallen, Bars und den Cafes der feinen Gesellschaft.
Sie lässt sich darin treiben.
Immer sind es die wechselnden Männerbekanntschaften, die ihr zu ihrem Ziel verhelfen sollen, an dem sie unentwegt festhält: sie will ein Glanz werden!
Alle Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, tiefem Erleben, ordnet sie diesem unter.
Dabei wird sie immer heimatloser und einsamer. Sie will dies aber nicht wahrhaben, und tröstet sich mit immer neuen Plänen.
Die Stationen ihrer "Karriere" wechseln schnell.
Sie selbst hat zu wenig Halt, um sich dem Strudel der Ereignisse entgegenstemmen zu können. Die Angst, eine Hure zu werden wächst.
Gewohnt ihren Erfolg in Äußerlichkeiten zu bemessen, hat Doris keine Möglichkeit, in sich selbst Stärken zu finden.
Darin liegt die Aktualität des Stückes:
Es trifft die Golden Twenties genauso wie den gegenwärtigen Medienzauber, den so viele Mädchen als Maßstab für ihre eigene Wertschätzung anlegen:
"Bin ich hübsch? Nicht zu dick, nicht zu dünn? Zu alt? Zu jung? Was zieht man an, was ist "in" und was ist "out"? Wie komme ich groß raus und wie kann ich mich gut "verkaufen"?

 

 
  zur Autorin:

Irmgard Keun (1909-1982)

Irmgard Keun wird am 6.2 1909 als Tochter eines Fabrikanten in Berlin geboren.
1918 zieht die Familie nach Köln, wo sie ihre Jugend verbringt. Mit sechzehn Jahren besucht sie die dortige Schauspielschule. Sie geht zwei Engagements ein, gibt die Schauspielerei dann aber auf.
1931 erscheint der erste Roman "Gilgi, eine von uns". Irmgard Keun ist zu diesem Zeitpunkt erst 21 Jahre alt.

Im folgenden Jahr erscheint ihr zweiter Roman "Das kunstseidene Mädchen", welcher sie über Nacht weit über Deutschland hinaus berühmt macht. Der Roman wird in achtzehn Sprachen übersetzt .

1933 werden die gesamten Bestände der Bücher Irmgard Keuns beim Universitätsverlag beschlagnahmt. Irmgard Keun nimmt kein Blatt vor den Mund und ihre Ablehnung der Nazis und derer Ideologie wird in ihren Romanen deutlich spürbar.
Das bleibt nicht unbeantwortet. Als sie wegen der Beschlagnahmung Beschwerde einreicht, wird sie von der Gestapo verhaftet. Sie kommt jedoch bald wieder frei, da ihr Vater sie, wie Irmgard Keun nach dem Krieg erfährt, aus der Haft freikauft.

Bis 1935 bleibt sie in Deutschland und weigert sich standhaft der Reichsschriftkammer beizutreten. Dann geht sie nach Brüssel. 1936 erscheint der Roman "Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften", die Geschichte über eine Kindheit in Köln.
Im Herbst diesen Jahres bereist sie Paris, Amsterdam, Warschau und Lemberg. In dieser Zeit entstehen "Bilder und Gedichte aus der Emigration", welchen 1937 der Roman "Nach Mitternacht" folgt.
Mit "Das kunstseidene Mädchen" gehört dieser Roman zu den gegenwärtig bekanntesten Werken der Irmgard Keun.
1945 beginnt Irmgard Keun mit Arbeiten für den Rundfunk und Zeitungen. Viele ihrer Romane und Erzählungen werden neu aufgelegt.

1981 erhält sie den "Marieluise-Fleißer-Preis".
Waren ihre Romane und Erzählungen lange in Vergessenheit geraten, so wurden sie in den letzten Jahren neu entdeckt.

 

 
  Presse

Badische Zeitung vom Dienstag, 14. Oktober 2003
Das trügerische Glück des Glanzes
 
Karin Maßen hat mit dem Jugendtheater "Tempus fugit" Irmgard Keuns Roman "Das Kunstseidene Mädchen" inszeniert

LÖRRACH. Was ist das Leben wert, wenn man nicht berühmt ist, nicht reich ist und keinen Mann hat? Es ist glanzlos, zumindest für Doris. Sie ist das kunstseidene Mädchen und trachtet nach Glanz und Glamour, koste es was es wolle. Ausbrechen will sie aus ihrer Welt, aus den Fängen ihrer Eltern und ihres moralischen Freundes Hubert. Denn was zählt Moral in der Welt des Glanzes? Zeitlos und doch aktuell ist "Das kunstseidene Mädchen", das Karin Maßen nun mit der zweiten Gruppe des Jugendtheaters "Tempus fugit" inszeniert hat.

Nach einem Roman von Irmgard Keun wurde am Freitagabend in der Aula des Hans-Thoma-Gymnasiums ein Stück inszeniert, das an Aktualität kaum zu überbieten ist, obwohl sich der Roman auf das Jahr 1932 bezieht. Ein alter Tisch, ein rotes Seidenbettlaken und zwei Holzbänke bildeten das Bühnenbild für ein brillant inszeniertes Stück. Ungewöhnlich war schon die Besetzung der Rollen. Hauptfigur Doris ist gleich 15fach besetzt. Jeder Gemütszustand, jede Facette der vielfältigen Persönlichkeit des kunstseidenen Mädchens wurde durch eine andere Schauspielerin dargestellt. Wie Klone verhielten sie sich, wenn Doris' Gedankenwelt zusammen zu brechen drohte. Wie Geister spukten sie über die Bühne und verfolgten sie mit Liedern oder Phrasen. Doris als Sekretärin, Doris als Verlassene, Doris als Geliebte, Doris auf der Flucht, Doris als Statistin und Doris ganz allein.

Besessen von der Idee ein Glanz zu werden, zerstört Doris ihr eigenes Leben, bringt sich um ihre Freunde, um ihren Job, muss sich letztlich prostituieren. "Lieber Gott, bitte hilf mir, ich habe ausgeglänzt!", schreit sie verzweifelt in das Dunkel des Raumes, aber selbst Gott scheint sich von ihr abgewendet zu haben. Und immer wieder die Frage: Was ist schon Moral? Ein Dutzend weiße Regenschirme dienen als Moralapostel, weiß wie die Unschuld schimmern sie im gleißenden Bühnenlicht, beschützend von dem was da von oben kommt.

Traurig ist die Geschichte von Doris, die sich auf dem Weg zum "Glanz" selbst verliert, traurig ihre Besessenheit jemand zu sein, der sie nicht sein kann, und traurig die Aktualität des Stückes. Heute, wo Jugendliche von einer Castingshow zur nächsten rennen, ihr Leben auf der Jagd zum Star zu werden einem Aufstieg verschreiben, der schneller als man denkt zum Fall werden kann. Was ist schon Moral in dem Geschäft? Was bleibt zurück? Eine kaputte Seele und ein korrumpierter Charakter. Doris hat ausgeglänzt obwohl sie schön ist. Aber was nützt die äußere Schönheit, wenn niemand die innere Schönheit sieht? "Auf dem Glanz kommt es nicht an", stellt sie am Ende fest und 14 Köpfe stimmen ihr zu. Ihre multiple Persönlichkeit hat noch einmal den Sprung geschafft und verschmilzt wieder zur integrierten Doris. Was bleibt? Einmal mehr das Nachdenken, ob Ruhm und Glanz so wichtig sind.

Kornelia Schiller

 


Der Sonntag vom 12. Oktober 2003
Glanz und Abglanz
 
Premiere: Tempus fugit spielt "Das kunstseidene Mädchen"

Von Frank Zimmermann

17 Mädchen stehen auf der Bühne, alle gleich gekleidet bis auf unterschiedlich farbige Röcke. Ein Stück mit 17 weiblichen Hauptrollen? Ja und nein. Regisseurin Karin Maßen hatte eine schöne Idee: Sie versiebzehnfachte die Hauptfigur Doris aus "Das kunstseidene Mädchen" - will heißen verteilte sie auf 17 Schauspielerinnen. Fast ein gesamtes Ensemble kommt durch diesen Regieeinfall in den Genuss einer Hauptrolle und zu der Möglichkeit, die verschiedenen Facetten einer Frau zu zeigen. Mit "Das kunstseidene Mädchen", einer Bühnen-Adaption von Irmgard Keuns 1932 veröffentlichtem gleichnamigem Roman, hatte das Jugendtheater Tempus fugit vorgestern im Lörracher Hans-Thoma-Gymnasium Premiere (am kommenden Samstag ist das Stück beim Lörracher Theatertreff zu sehen).

Mit Irmgard Keun haben sich die Regisseurin und ihre Truppe (insgesamt hat Tempus fugit derzeit sieben) eine vergessene Autorin ausgesucht. Als Tochter eines Fabrikanten (1905 oder 1909) in Berlin geboren, schrieb Keun ihren ersten Roman "Gilgi, eine von uns" 1931, im Jahr darauf erschien "Das kunstseidene Mädchen". Der Roman machte sie über Nacht bekannt und erschien in 18 Sprachen. Von den Nationalsozialisten wurden Keuns zunehmend politischer werdenden Texte - ihre Ablehnung des Faschismus wird in ihren Romanen spürbar - verboten, ihre Bücher schon 1933 beschlagnahmt.

Späte Würdigung

Keun protestierte und wurde von der Gestapo zwischenzeitlich verhaftet. Bis 1935 blieb sie in Deutschland, ehe sie emigrierte. 1937 verfasste sie ihren wohl bekanntesten Roman "Nach Mitternacht". Nach dem Krieg arbeitete Irmgard Keun für Rundfunk und Zeitungen, erst 1981, ein Jahr vor ihrem Tod, wurde ihr Werk mit dem Marieluise-Fleißer-Preis gewürdigt.

"Ich will so ein Glanz werden", sagt die junge Doris in "Das kunstseidene Mädchen" und meint damit Ruhm, Anerkennung und Geld. Sie, ein einfaches Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen, will partout etwas Besonderes sein ("Alles ist erstklassig an mir"), und sie will, dass jeder es sieht. Doch anstatt sich daran zu machen, ihre Ideen und Wünsche aus eigener Kraft zu verwirklichen, sucht sie sich Männer, die ihr zu Ruhm und Ansehen verhelfen könnten. Liebe, Geborgenheit oder dauerhafte Freundschaft findet sie bei keinem, auch nicht bei Hubert, dem "Einzigen, den ich jemals geliebt habe". Stattdessen wird sie immer orientierungsloser, lässt sich treiben: von Ort zu Ort, von Spelunke zu Spelunke, von Mann zu Mann, getrieben von der Angst, zur Hure zu werden. Statt Glanz ist sie, ohne es zu merken, ein Abglanz ihrer selbst. Irgendwann stiehlt sie einen Pelz und muss fliehen, vom eigenen Spiegelbild ist sie angeekelt: Sie verkauft sich. "Auf den Glanz kommt es vielleicht gar nicht so an", stellt sie, obdach- und arbeitslos, am Ende fest. Und man hat das erste Mal die Hoffnung, dass das naive Mädchen mit dieser gewonnenen Einsicht etwas anzufangen weiß - dass es das eigene Glück nicht bloß an Äußerlichkeiten bemisst.

Regisseurin Karin Maßen lässt in ihrer Inszenierung Bilder sprechen, die Handlung, Doris' Treibenlassen, wird aus der Ich-Perspektive erzählt (Doris erzählt und schreibt ein Tagebuch). Ort und Zeit - Berlin am Ende der Weimarer Republik - werden mittels Choreografie und Musik aus jener Zeit präsent - Schlager wie "Schöner Gigolo, armer Gigolo", "Das kommt nur einmal, das kommt nie wieder" oder "Das ist die Liebe der Matrosen". Die gesamte, im September 2002 gegründete Truppe, zu der außer den 17 jungen Schauspielerinnen auch zwei Schauspieler gehören, sorgt (bei seinem ersten Bühnenauftritt!) mit unbekümmertem Spiel dafür, dass eine schwierige Romanvorlage bühnentauglich wird. Ein (sprach-)witziges und zugleich trauriges Stück, das stets vom Gefühl des Verlassenseins durchdrungen ist.

 


Badische Zeitung vom Mittwoch, 8. Oktober 2003

Vor der Premiere:
Die außengeleiteten Persönlichkeiten
 
"Tempus fugit" bringt Irmgard Keuns Roman "Das kunstseidene Mädchen" auf die Bühne

LÖRRACH. Ein Mädchen will ganz nach oben und verliert in diesem verzweifelten Wunsch seine Persönlichkeit. Um dieses Thema rankt sich Irmgard Keuns Roman "Das kunstseidene Mädchen". Die zweite Gruppe des Jugendtheaters tempus fugit, die sich im September 2002 zusammengeschlossen hat, hat den berühmten Roman nun für die Bühne be- und erarbeitet.
Wie aus dem Munzinger Archiv hervorgeht, verbrachte Irmgrad Keun als Kind wohlhabender Eltern viele Jahre in Berlin und Köln. Mit dem Roman "Gilgi, eine von uns" wurde sie 1931 über Nacht bekannt. Wegen ihrer aufsässigen Art bekam sie bald Probleme mit dem Nazi-Regime und ging 1936 ins Exil. Mit ihrem mehrjährigen Lebensgefährten Rudolph Roth bereiste sie daraufhin Europa. Als die Deutschen 1941 in den Niederlanden einmarschierten, kehrte sie nach Deutschland zurück.
Im "kunstseidenen Mädchen" erzählt sie die Geschichte des Mädchens Doris, das sich in den Trubel der 20er Jahre stürzt und alles versucht, um sein großes Ziel, "ein Glanz", zu werden, zu erreichen. Bei ihren unermüdlichen Versuchen, gesellschaftlich aufzusteigen wird sie selbst aber immer einsamer. Das 20-köpfige Ensemble (18 Frauen und zwei Männer) unter der Leitung von Karin Maßen sieht in Doris' vergeblichem Bemühen nach einem unerreichbaren Ziel auch eine gewisse Aktualität. Heutzutage strebt man eben danach den von den Medien gesetzten Maßstäben im Bezug auf Kleidung, Aussehen und Lebensstil gerecht zu werden und ist doch nie mit sich selbst zufrieden.

Teresa Quast

 

 
   
  Fotos von den Proben
   
  Vor der Wiederaufnahme am 25. März 2004:
 

 

 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
  Fotos vom 9. Oktober 2003:
 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

Fotos: Thomas Quartier

   
 
 
Es spielen:
 
 

Doris

Leyla Bauer
Lena Philipp
Maren Schrader
Julia Genrich
Nicole Kessler
Katharina Köpnick
Maria Tammik
Claudia Palladino
Linda Sepp
Helga Jakobi
Miriam Widdess
Franziska Rachel
Esther Stalujanis
Isabel Hertrich
Juliane Gutgesell
Sonja Summ
Rihana Adam

Sänger / Karl:

Attila Va´rai

alle anderen Männer

Felix Bauholzer

 

 

Buch

Irmgard Keun

Bearbeitung

Karin Maßen
Andrea Casabianchi
Bernhard Greif

 

 

Regie

Karin Maßen

Co-Regie

Andrea Casabianchi
Bernhard Greif

 

 

Probenhilfe

David Voges
Benjamin Krauss

Musikproben  

Anne Ehmke

 

 

Lichtdesign
Lichttechnik

André Kulawik

Lichtausleihe

Martin Storz

 

 

Plakat- und Programmgestaltung

Britta Rechlin

Kostüme,

Tempus fugit und Gruppe

Organisation/Sponsoring

Johannes Maßen

Fotos

Dr. Martin Schulte-Kellinghaus
Thomas Quartier

Video

David Voges

 
 

 

 

 

IMPRESSUM

 

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