aktuelle Inszenierung::

Tempus fugit - Jugendtheater Lörrach I

   
 
 

"Flash"
Eigenproduktion

Regie: Karin Maßen
 

 

 

   
   
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  zum Stück:

Mit einem "Blitzlichtgewitter" beginnt das Stück. Klar, dass etwas passiert sein muss. etwas, das die Sensationslust weckt und die Medien darin stärkt, diese befriedigen zu wollen.
Gleichzeitig stehen dahinter Opfer und Täter und deren Familien, die davon gezeichnet sind und über viele Jahre keine Ruhe finden.
Menschliche Schicksale, kleine Episoden, die sich miteinander verflechten,
lassen das Drama dahinter erkennen, aber stellen dies nicht in den Vordergrund.
Wie ist es möglich zu vergessen, Erinnerungen auszuhalten, die sich nicht mehr auslöschen lassen und mitten in den "normalen" Alltag einfallen, ausgelöst durch Bilder, Stimmen, Gerüche?
Was bedeutet die Stigmatisierung für Geschwister, Eltern - und welche Rolle kommt dabei der Öffentlichkeit zu?
Das waren die Grundfragen, die uns zu der Eigenproduktion bewegt haben.
Dieses Stück ist als "work in prozess" von der gesamten Gruppe geschrieben und entwickelt worden und alle Improvisationen gingen von eigenen Recherchen, persönlichen Erlebnissen, Gesprächen mit Hilfsorganisationen und Dokumentationen aus. Das war ein schwieriger Weg, der nur in dieser Gruppe, die sich durch Erfahrung und persönliche enge Vertrautheit auszeichnet, möglich gewesen ist.
 

 
  Presse

Badische Zeitung: Vorabinformation vom 31. August 2002

Von den Medien ins Rampenlicht gedrängt

VOR DER PREMIERE:
Jugendtheater "Tempus fugit" inszeniert im Nellie Nashorn Lörrach die Eigenproduktion "Flash"


LÖRRACH. Das Stück "Flash" beginnt wie es heißt: Mit einem Blitzlichtgewitter der Pressefotografen. Es ist etwas passiert, etwas, was die Sensationslust weckt und die Medien auf den Plan ruft. Welches traumatisierende Ereignis konkret hinter dem neuen Stück des Tempus fugit Jugendtheaters Nellie Nashorn Lörrach steht, möchte Regisseurin Karin Maßen vor der Premiere am 7. September nicht preisgeben. Nur so viel wird verraten: Es ist keine Aufarbeitung der Terroranschläge des 11. September 2001 mit Mitteln des Theaters.
Am Beginn des Entstehungsprozesses des neues Stückes stand vielmehr die gemeinsame Lektüre von Büchern wie Philip Roths "Amerikanisches Idyll", E. T. A. Hoffmanns "Sandmann" oder Hermann Hesses "Steppenwolf". Auf "Hotel New Hampshire" nach John Irvings Roman folgt eine Eigenproduktion zum Generalthema "Wirklichkeit und Fiktion", das sich die Gruppen von "Tempus fugit" für sämtliche Produktionen in diesem Jahr gestellt haben.
Im Unterschied zu früheren Stücken wird in "Flash" kein Thema mit einzelnen Szenen eingekreist und beleuchtet, sondern es werden Geschichten erzählt, die sich wie in einem Roman verknüpfen. Geschichten von inneren Welten und Albträumen, Geschichten eines Traumas. Dabei steht nicht die traumatisierte Figur - ein Mädchen - im Vordergrund, sondern die Frage, was dieses Unglück für die Familie bedeutet - für die des Opfers und die des Täters? Wer wird geschont, wer stigmatisiert? Wie wird das Ereignis von den Medien in die Öffentlichkeit gebracht? Wie entwickelt sich in der Redaktion einer Boulevardzeitung der Konflikt zwischen jenen Journalisten, die sich weigern, die Geschichte der betroffenen Menschen über Jahre sensationslüstern zu verfolgen, und jenen, die sie stets weiterdrehen wollen? "Tempus fugit" begibt sich vor allem auf die Suche nach Parallelen zwischen den Familien des Opfers und des Täters: Beide stehen unfreiwillig im Rampenlicht, werden in eine Ecke gedrängt - aus Mitleid oder Neugierde. Der Blick ist einmal depressiv-traurig, dann wieder optimistisch, wenn er fragt, was Neues entstehen kann, wenn man bei Null beginnen muss.
"Um Distanz zu wahren", so Karin Maßen, spielt das Stück in den 70er- und 80er-Jahren. Immer wieder wurde die Gruppe in den vergangenen Monaten aber von der Gegenwart eingeholt und beeinflusst - von Nachrichten oder Kinofilmen. Obschon die Geschichte selbst erfunden ist, bemüht sich das Jugendtheater um größtmögliche Realitätsnähe. Die Jugendlichen haben intensiv recherchiert. Sie sprachen mit Ärzten und Psychologen, aber auch mit Journalisten und Organisationen, die traumatisierte Opfer nach Unfällen oder Zugunglücken betreuen. Die acht jungen Spieler haben bei dem Stück als "work in progress" auch aus persönlichen Erfahrungen heraus stärker als je zuvor zum Text beitragen.
Entscheidend mit gestaltet wird "Flash" von George Ricci. Der Theater- und Jazzmusiker aus Liverpool, der bereits 1995 bei der "Heimkehrer"-Produktion in Lörrach sowie beim Anne-Ehmke-Projekt mitgewirkt hat, begleitet den Erzählfluss mit Gitarre, Klarinette und Stimme.

Daniel Gramespacher


Badische Zeitung vom Dienstag, 10. September 2002

Am Ende sind fast alle Opfer und Verfolgte

Tempus fugit über traumatische Ereignisse und ihre Folgen: Jugendtheater inszeniert im Nellie Nashorn Lörrach "Flash"

LÖRRACH. Blitz folgt auf Blitz folgt auf Blitz. Grell zucken sie durchs Bühnendunkel. Wie es sich wohl anfühlt, wenn man aufgrund eines traumatisierenden Ereignisses plötzlich im Fokus des öffentlichen Interesses steht und schutzlos so einem nicht enden wollenden Blitzlichtgewitter von sensationslüsternen Pressefotografen ausgeliefert ist? Das Publikum kann es erahnen. Man wird den dringenden Impuls verspüren, allem entfliehen zu wollen, sich verstecken wollen. Vielleicht kann man ja woanders noch einmal ganz neu anfangen? Oder man wird bemüht sein, sich einen dicken Panzer anzuschaffen, an dem alle Verletzungsversuche und Anfeindungen von draußen abprallen.

Das alles probieren die Familien Obermeier und Tönberg in "Flash", dem neuen Stück des Tempus fugit Jugendtheaters Nellie Nashorn. Zuvor ist etwas passiert, das beide Familien betrifft und - auch wenn sie sich nie kennen lernen - auf immer unlösbar miteinander verbunden hat. Sara, die Tochter der Obermeiers, wurde durch das dramatische Geschehen zum traumatisierten, von Alpträumen verfolgten Opfer. Aus nicht weiter bekannten ideologischen Gründen wurde der Sohn der Tönbergs, der im Stück nicht persönlich erscheint, weil er im Gefängnis sitzt, zum Täter. Um was es sich bei diesem "Unglück" handelte, wissen die Zuschauer zu Beginn noch nicht. Erst nach und nach verknüpfen sich die einzelnen Erzählstränge aus kleinen Episoden, Blicke in innere Welten, Erinnerungsfetzen und Flashbacks, die Schicksale zu der Geschichte einer Flugzeugentführung, die am Ende fast nur Verfolgte und Opfer kennt.

Auch die Eltern und der Bruder des Täters, die wie die Familie des Opfers öffentlich stigmatisiert werden und an den daraus resultierenden Zwängen zu zerbrechen drohen oder schwer erkranken, und die Boulevardjournalisten, die den Fall nicht alle Jahre wieder neu aufrollen wollen, gehören dazu. Das humanere Licht, in die andere Medienleute die Story und ihre Beteiligten stellen wollen, gibt es nämlich nicht. Das erzählen die acht Spielerinnen und Spieler der "Tempus fugit" - Gruppe in ihrem Stück, das sie als "work in progress" gemeinsam entwickelten. Die Jugendlichen zeigen in ihren unterschiedlichen Rollen auf eindrückliche Weise, dass die Würde des Menschen dort angetastet wird, wo dem vermeintlichen "Knaller" alles andere - auch die Realität - untergeordnet wird. Das Leben, resümiert ein gescheiterter Journalist am Ende desillusioniert, sei ein Gaukelspiel bar jeden Verstehens. Auch wer möglichst offen an die Menschen herangehe, missverstehe sie, bevor er ihnen überhaupt begegne.

Anja Hitze, Bernhard Greif, Sibylle Trickes, Stefan Maßen, Matthias Meier, Stefanie Klimkait, David Voges und Andrea Casabianchi gelingt unter der bewährten Regie von Karin Maßen und inmitten einer mit spärlichen Requisiten ausgestatteten Kulisse mit "Flash" die Erzählung einer authentischen, dichten Geschichte, die gerade auch wegen ihrer aktuellen Bezüge streckenweise sehr beklemmend auf die Zuschauer wirkt. Aufgelöst werden solch bleierne Momente durch augenzwinkernd bis humorvoll daherkommende Passagen wie den Neue-Nachbarn-Besuch oder das ausgelassene Luftgitarrenduell. In ihnen können sich die Jugendlichen auch immer wieder Luft verschaffen und von dem eigenen Stück distanzieren. Eine wichtige Bereicherung ist der erfahrene Theater- und Jazzmusiker George Ricci aus Liverpool, der erstmals ein Stück von "Tempus fugit" von Anfang bis Ende musikalisch mit erzählt - auf Klarinette, Gitarre und mit Gesang.

Barbara Ruda


Oberbadisches Volksblatt vom 10. September 2002

Ein schwierig-schönes Miteinander

"Flash": provokantes Stück des Tempus fugit Jugendtheater Nellie Nashorn

LÖRRACH. Kaum hat der Besucher seinen Platz eingenommen, wird er von einem Blitzlichtgewitter eingefangen. Sensationsgierige und In lässig coolem Dress eingekleidete Reporter richten ihre Kamera auf das Publikum und kreisen es ein. Einer der Orte, an denen das Drama "Flash" vom Tempus fugit Jugendtheater Nellie Nashorn spielt, ist die Redaktion des "Stadtanzeigers". Weitere Szenen und Begegnungen zwischen unterschiedlichsten Persönlichkeiten hat die Theatertruppe als "Work in progress" erarbeitet. Unter der Regie von Karin Maßen wird In lebendig konstruierten Settings und lebhaft geführten Dialogen die Geschichte zweier Familien erzählt. In der einen Ist ein Mädchen das Opfer einer Flugzeugentführung, in der anderen ist der Täter Familienmitglied. Beide Schicksale werden von ihrem Umfeld unterschiedlich bewertet und verarbeitet.
Soweit der Rahmen, der um viele weitere kleine Geschichten gezogen wird. Diese erzählen davon, wie Misstrauen und Angst, Vorurteile und Missverständnisse Bilder voneinander prägen. Nicht möglich scheint es den Protagonisten, sich von Beklemmungen aus ihrer Vergangenheit zu lösen, sie scheinen verstrickt in das, was war, leiden unter Bildern und Assoziationen.
Eindrücklich sind Szenen, die übereinander liegen und Gegenwelten beschreiben sollen. Da geht Sara übermütig mit Freunden ins Kino und wird über einen Film an die eigene Entführung erinnert.

Die Kinobesucher verwandeln sich blitzschnell In die Reisenden eines Cockpits, bebend vor Angst, traumatisiert, unter Schock. Den Spielern gelingt, virtuos und in emotionaler Dichte zu kommunizieren.
Da ist zum einen die Zeit, die immer zu fehlen scheint, der Innere Antreiber und der Erfolgszwang, der die Redakteure dazu zwingt, die super Story zu liefern und dabei die Würde der Betroffenen zu zerstören. Da ist die Illusion, man könne sich mit Dingen trösten, einer teuren Uhr etwa, um Trauer zu betäuben. Der Wahn, alles haben zu können, für alles Lösungen parat zu haben.
In aller Nachdenklichkeit, in allem Anspruch ist "Flash" aber auch sehr unterhaltsam und vergnüglich. Die Szenen, die in der Redaktion spielen, sind höchst amüsant. Die Atmosphäre wird pointiert und sehr plastisch wiedergegeben. Machosprüche, Angebertum, Anmache und zynisches Machtgehabe, das flirrend quirlige Miteinander wird auf die Spitze getrieben. Happenings, Parties, Restaurantbesuche, das Leben in WGs wird zudem unterhaltsam karikiert. Frau Obermeier geht zum Friseur und bekommt von der Friseurin Plattitüden und Allgemeinplätze an den Kopf geworfen: "Nehmen Sie diese Spülung, wir Frauen müssen zusammenhalten!"
"Wie soll man sich in dieser wichtigen Angelegenheit verhalten, die man ‚die Anderen' nennt?" fragt jemand am Ende des Stücks. Leben heißt, sich irren, heißt, sich Schmerzen zu stellen, echt zu sein, könnte ein Fazit von „Flash“ lauten.

Dorothea Gebauer
 

 
   
  Fotos von den Proben
   
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

Fotos: Thomas Quartier

   
 
 
Es spielen:
 

Familie Obermeier

Sara

Anja Hitze

Vater

Bernhard Greif

Mutter

Sibylle Trickes

 

 

Familie Tönberg, später Schönberg

Max

Stefan Maßen

Vater

Matthias Meier

Mutter

Stefanie Klimkait

 

 

Redaktion

Herr Franke

David Voges

Herr Peters

Stefan Maßen

Dieter

Bernhard Greif

Karl

Matthias Meier

Emma

Andrea Casabianchi

Michaela

Stefanie Klimkait

 

 

Ärztin

Andrea Casabianchi

 

 

alle SpielerInnen auch in anderen Rollen

 

 

Musik

George Ricci

 

 

Text entwickelt von der Gruppe & Karin Maßen

 

 

Regie

Karin Maßen

 

 

Licht

André Kulawik

Bühnenbau

Frank Mayer, Michael Greff, "Tempus fugit" Bühnenbaugruppe

Plakatgestaltung

Simon Stotz

Programmgestaltung

Britta Rechlin

Fotoarbeiten

Thomas Quartier, Simon Stotz

Kostüme

"Tempus fugit" Requisiten- und Kostümgruppe

 
 

 

 

 

IMPRESSUM

 

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