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Presse
NWZ vom 22. November 2004
PREISTRÄGER / „Tempus fugit“ mit
„Die Augen“
Zwischen den Floskeln triefen die Emotionen
Selten hat ein Ensemble die Wahl der Theatertage-Jury so eindrucksvoll
bestätigt wie „Tempus fugit" am Samstag im Alten E-Werk. Mit großer
Präzision und Ausdruckskraft gestalteten die frischgebackenen
Förderpreisträger einen weiteren Höhepunkt der Göppinger Theatertage.
MARKUS ZECH
GÖPPINGEN Die Geschichte nach einer Novelle von Franz Nabl aus dem Jahr
1923 scheint schnell erzählt: Ein Mädchen namens Rosa verlobt sich mit
dem blässlichen Beamten Krumholz, bekommt kurz vor der Hochzeit
Torschlusspanik und wird, als sie sich mit einem anderen trifft, vom
eifersüchtigen Verlobten erschossen.
Die scheinbar stringente Handlung steht im Kontrast zur kunstvollen
Umsetzung. Mit sparsamen Mitteln verfugt Tempus fugit verschiedene
Facetten der Erzählung zu einem brillanten, spannungsgeladenen
Kammerstück. Von der Oberfläche her nähert sich das Stück dem Kern - der
Sehnsucht eines gepeinigten Herzens nach Ausbruch aus den Fesseln
beengender Wohlanständigkeit und eintöniger bürgerlicher Konventionen.
Jede beteiligte Person hat ihre eigene Sichtweise: Alle erzählen die
gleiche Geschichte, die je nach Perspektive doch eine völlig andere ist.
Wie auf einer Spieluhr drehen sich zu Beginn die Figuren, gefangen in
immergleichen Bewegungen und gesellschaftlichen Zwängen. Begleitet
werden sie abwechselnd von Flöte/Gitarre und Klarinette/Cello,
einfühlsam, mit melancholischem Ton gespielt von George Ricci und Ursula
Oberle. Nach und nach brechen die Figuren aus ihren Förmlichkeiten
heraus. Die von Höflichkeit geprägte Sprache wird als phrasenhaft
entlarvt, latente Aggressionen werden manifest, zwischen den
gestelzt-gedrechselten Sätzen trieft das Triebhafte. Das geht bis in die
satirische Überspitzung, wenn etwa in Rosas Version (mit herber
Sinnlichkeit gespielt von Stefanie Klimkait) der Verlobte wie ein
rolliger Rüde geifert und die Mutter als Gluckhenne gackert. Überhaupt
weiß Regisseurin Karin Maßen Köstliches und Tieftrauriges auf ebenso
präzise wie ergreifende Weise zu verbinden. Und die allesamt
hervorragenden Darsteller erfüllen dieses Spiel mit prallem Leben.
Nur eine Frage bleibt offen: Ist die Auszeichnung von Tempus Fugit mit
dem Förderpreis wirklich gerechtfertigt? Legt man den Maßstab an das im
E-Werk gezeigte Stück an, dann gibt es hier nichts zu fördern. Diese
Darbietung war perfekt.
Badische Zeitung vom 2. Oktober
2002
Theaterstudie zur Subjektivität
VOR DER
PREMIERE:
Tempus fugit inszeniert Franz Nabls Novelle "Die Augen" für die Bühne
LÖRRACH. Rosa ist eine Figur aus Franz Nabls Novelle "Die Augen". Sie
arbeitet als Backwarenverkäuferin in einem Vorortbahnhof. Die Blicke
eines Mannes, die sie aus einem vorbeifahrenden Zug heraus treffen,
rütteln sie auf und reißen sie heraus aus ihrem eintönigen und
lethargisch gelebten Alltag. Diese Blicke werden zur Initialzündung:
Rosa beschließt, ein aktiveres Leben zu führen und das hat Folgen für
ihre soziale Umgebung, setzt dort eine Kette folgenschwerer Ereignisse
in Gang.
Das Jugendtheater Tempus fugit hat die 1923 erschienene und im Handel
längst vergriffene Novelle des 1883 in Böhmen geborenen und in der
Habsburger Monarchie vor dem Ersten Weltkrieg aufgewachsenen Autors
umgearbeitet zu einem Bühnenstück. Im Kern geht es der Gruppe und
Regisseurin Karin Maßen dabei um das Verhältnis von Fiktion und
Realität. Rosas Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt:
ihrer eigenen, der der Mutter, der des Verlobten und der des Fremden aus
dem Zug. Die Frage ist, wer nimmt was wahr? Wessen "Augen" sehen was?
Gibt es eine Ebene, auf der sich die Wahrnehmungen treffen, eine
intersubjektiv haltbare Wirklichkeit oder ist die Realität eine rein
subjektive Konstruktion?
Thematisch folgt die Inszenierung damit der roten Linie, die die letzten
Produktionen von Tempus fugit durchweg auszeichnete. Was ist
Wirklichkeit? Die Frage steht wie ein Leitmotiv über der aktuellen
Arbeit des Theaters und seiner Gruppen. Das Ensemble ist für Tempus
fugit bei der Augen-Inszenierung aber sehr klein und besteht aus vier
Darstellern (Stefanie Klimkait, Britta Rechlin, Matthias Meier und
Bernhard Greif); dazu gibt es Live-Musik von und mit George Ricci und
Ursula Oberle.
Der Autor, Franz Nabl, zählt übrigens zu den vergessenen Autoren des
Literaturbetriebs. Zwar hat er posthum 1956 den Großen Österreichischen
Staatspreis erhalten; gleichwohl lesen seine Texte heute allenfalls noch
Germanisten. Dabei sind Nabls Schilderungen des Kleinbürgermilieus, der
dort vorherrschenden Sprachlosigkeit und Ängste, in einer Linie zu sehen
mit den Werken eines Ödon von Horvath oder einer Marieluise Fleißer.
Michael Baas
Badische Zeitung vom 5. Oktober 2002
Verfremdung eines spießigen Idylls
"Tempus fugit" hat
ein Vorkriegsstück ausgegraben
LÖRRACH. Ein wenig war es wie bei "Lola rennt": Viermal wird in "die
Augen" die gleiche Geschichte erzählt, mit gar identischen Dialogen,
aber nie sind sich die vier Teile völlig gleich. Weil derjenige, der die
Geschichte erlebt, sie anders erlebt wie sein Gegenüber. Der Zuschauer
im Nellie Nashorn bei der Premiere der Produktion des Theaters "Tempus
fugit" muss für sich selbst entscheiden, was für ihn wirklich war.
Jeder der vier Schauspieler erzählte die Geschichte aus seinem
Blickwinkel und immer schien sie wahr, in sich stimmig zu sein. Dabei
halfen Regisseurin und Ensemble bei der Bewertung, welches die wahre
Geschichte der Backwarenverkäuferin Rosa Schweiger (Stefanie Klimkait)
war. Die Sympathien lagen bei dem jungen Mädchen, das sich lesend so
gerne vom Küchentisch träumte, und dem "nach der Hochzeit das Lesen
schon vergehen würde". Der zur Untermiete wohnende Beamte Rudolf
Krummholz (Matthias Meier) wollte das "fleißige und einfache Mädchen"
heiraten, doch drei Wochen vor der Hochzeit erklärt Rosa die Verlobung
für beendet.
Da war er wieder der kleine Beamte, Inbegriff des Kleinbürgers und
Spießers, Traumschwiegersohn für besorgte Mütter und Schreckgespenst für
lebenshungrige junge Mädchen. Matthias Meier gab dieses Paradebeispiel
kleinbürgerlicher Existenz mit der aus heutiger Sicht gebotenen
ironischen Distanz. Nein, man konnte es Rosa nicht verdenken, dass sie
einer Ehe mit diesem Ausbund an Ordnungssinn mit Schrecken entgegen
sieht. Erst als seine Pläne durchkreuzt sind, wird der Aktenmensch
lebendig, leidenschaftlich, gewalttätig bis zum Mord.
Die Rolle der Mutter blieb etwas blass, was aber nicht an Britta Rechlin
lag. Der in Vergessenheit geratene österreichische Autor Franz Nabl
zeichnete in seiner Bearbeitung von Ödön von Horvaths Roman das Bild
seiner Zeit, in der Frauen im Dunstkreis der Stube verhaftet blieben.
Der kleine Satz bei der Verkündigung der Verlobung: "Hast Du Dir das
auch genau überlegt?" lässt ahnen, dass auch Frau Schweiger vom anderen
Leben träumte. Doch hat die Tochter nun die Möglichkeit, sich zu
entscheiden, wo sie "doch gar nicht denken will"? So blass wie sie zu
sein hatte, war auch Rosa zu Beginn ganz ein Kind ihrer Zeit. Zunehmend
selbstbewusster wird sie im Verlauf des Stücks, eigensinniger im besten
Sinne, und benutzt nun ihre Mutter, sie soll es dem Rudolf erklären,
dass es keine Hochzeit gebe. Ein Rollenwechsel hat stattgefunden, den
Rosa mit dem Leben bezahlt.
Das Stück wächst immer dann über sich hinaus, wenn es den Status des
reinen Erzähltheaters verlässt. Wenn Albträume sichtbar werden, oder
Mittel der Verfremdung und Absurdität Einzug halten in diese Geschichte
aus der Vorkriegszeit, die doch seltsam altmodisch anmutet. Karin Maßen
und die vier Schauspieler haben ihm ein modernes Kleid verpasst, das ihm
gut zu Gesicht steht und genügend Raum lässt für die hervorragenden
darstellerischen Möglichkeiten der jungen Akteure.
Martina David-Wenk
Oberbadisches Volksblatt am
23.7.2002
Der Blick zurück ist tödlich die Zeit zu lieben
ist kurz
„Das Spiel ist aus“ von Sartre mit Tempus fugit Rheinfelden
RHEINFELDEN. Augenfällig für den Zuschauer ist die alles dominierende
Farbwahl, karg, streng, symbolkräftig. Schwarze oder weiße
Hintergrundflächen, rote Rosen, die mal auf die Bühne fallen, mal von
den Protagonisten mit Baskenmütze als Strauß getragen werden. Ein
sentimentales Stück um die Liebe? Mit Bildern, die der
Postkartenphotographie eines Robert Doisneau entsprechen sollen?
„Das Spiel ist aus" oder „Les jeux sont faits" aus der Feder des
Existentialisten Jean Paul Sartre wurde im Bürgersaal Rheinfelden von
Tempus fugit, Jugendtheater Rheinfelden unter der Regie von Karin Maßen
auf die Bühne gebracht. Kein sentimentales, dafür ein sehr
anspruchsvolles Stück, mit einer Ernsthaftigkeit gespielt, die eine
sorgfältige Auseinandersetzung mit dem Stoff erkennen ließ.
Eine scheinbare Apathie dämmert zunächst über dem Spiel, die von
Saxophonklängen oder Xylophon noch verstärkt wird. Die Figuren befinden
sich zwar im Dauergespräch, aber sie sind doch auf merkwürdige Weise
voneinander getrennt, allein, auf sich zurückgeworfen.
Doch worum geht es in dieser Geschichte, die 1947 von Jean Delannoy im
Film nachkriegsmüden Menschen erzählt wurde? Am Vorabend zu einem
Aufstand gegen eine Faschistische Diktatur fällt der Arbeiter Pierre
Dumaine, Anführer der proletarischen Untergrundbewegung, dem Anschlag
eines Spitzels zum Opfer. Zur selben Zeit wird Eveline Charlier, die
Frau des Polizeichefs, von ihrem gewissenlosen Mann vergiftet. Die
beiden treffen sich im Reich der Toten wieder, verlieben sich dort
ineinander und erfahren, dass nur aufgrund eines Fehlers der "Direktion"
sich ihre Wege im irdischen Dasein nicht gekreuzt haben. Sie bekommen
die Chance, gemeinsam ein neues Erdendasein zu beginnen, sofern sie es
schaffen, sich innerhalb 24 Stunden vorbehaltlos zu lieben. Dazu sind
sie zunächst fest entschlossen. Sie wollen vertrauen und lieben lernen,
formulieren dann jedoch resigniert: „Wir müssen sterben, weil wir unsere
Chance verpasst haben. Wir haben verspielt.“
Gut dargestellt sind die Milieus, zum einen das Proletariat der Liga
deren lauernde Aggressivität bei gleichzeitiger Hilflosigkeit angesichts
sozialer Übermachte dramatisch zu explodieren scheint. Der Kontrast wird
spürbar zwischen wirklicher und sinnlich erfahrbarer Weit, die
verantwortliche Taten und Entscheidungen fordert und der anderen
Seinsdimension, dem Reich der Toten, das unverbindlich, schwebend,
bleiern interpretiert wird. Mit zwingender Klarheit setzt sich neben
vielen Wahrheiten die eine durch: Die Idee eines Neuanfangs, der immer
und jederzeit möglich ist, ist eine Illusion. Der Blick zurück, in die
Vergangenheit, ist tödlich. Die Altlasten drücken und verschleiern den
Blick auf das Neue. So will Eve unbedingt ihre Schwester vor dem Mann
retten, dem sie selbst zum Opfer fiel, Pierre seine Genossen vor
drohenden Massakern. Die Zeit, ihre Liebe zu leben, ist zu kurz, lässt
einen jedoch verantwortungsbewusster damit umgehen. Wir haben keine
Zeit, aneinander zu zweifeln", sagt Eve.
Wie lässt sich nun die Lehre, oder moderner gesagt, die "message" des
Stücks zusammenfassen? Du hast keine zweite Chance, aber in jedem Fall
nutze sie?! Oder, um ein Leitmotiv Sartres zu zitieren: "Wir sind allein
auf der Welt. Der Mensch ist nichts anderes als das, wozu er sich
macht." Im eigenverantwortlichen Entwerfen seiner Möglichkeiten erfährt
sich der Mensch erst frei, obwohl die Bedrohung durch die anderen nicht
aufhört.
Das Premierenpublikum, das den dargestellten Fragestellungen aufmerksam
folgte, ließ sich ansprechen und holte begeistert klatschend, die
Schauspieler mehrfach auf die Bühne zurück.
Dorothea Gebauer
Oberbadisches Volksblatt vom 5. Oktober
2002
Aufgeschreckt aus der Dumpfheit des
Lebens
Die Parabel "Die Augen" wurde vom Jugendtheater Tempus fugit in
kleiner Besetzung szenisch umgesetzt
LÖRRACH. "Und hopp!" sagt Rudolf Krumholz, zieht seine Verlobte auf
seinen Schoß und kneift ihr in die Wangen:" Ge, Roserl!" Rosa Schweiger
folgt artig, als wäre sie eigens dafür abgerichtet und lässt willenlos
alles über sich ergehen. Rosa- soll heiraten, so will es die Mutter, so
will es Rudolf. Die Bahnen sind geebnet, der Lebensplan steht. Nun gilt
es nur noch, sich in diesen ' einzufügen und Erwartungen Folge zu
leisten. Doch Rosa wird durch einen (un)glücklichen Zufall aus der
Dumpfheit ihres Lebens aufgeschreckt. Sie beschließt, eigenen Träumen
nachzugehen und ihre Willenlosigkeit aufzugeben.
"Die Augen", ein Stück nach einer Textvorlage der gleichnamigen Novelle
von Franz Nabl unter der Regie von Karin Maßen wird derzeit mit kleiner
Besetzung im Nellie Nashorn aufgeführt, ein kleines und feines
Kammerspiel mit "Rosa Schweiger" (Stefanie Klimkait), "Frau Schweiger"
(Britta Rechlin), "Rudolf Krumholz" (Matthias Meier) und "Der Mann im
Zug" (Bernhard Greif). Die Welt, in der die Geschichte spielt, ist
klein, überschaubar und verdeutlicht die Enge, in der sich die
Protagonisten bewegen. Küche, Schlafzimmer und Bahnhof lassen sich als
Orte festmachen, in denen sich zähe Dialoge entwickeln und wirkliche
Veränderung nur in der Innenwelt einer einzigen Person abspielt. Immer
wieder kehrt die Handlung an den Anfang zurück, wird gleichsam
zurückgespult, so als ob die Menschen auf ein bestimmtes Drehbuch
festgelegt wären, festgefahren in einem Teufelskreis.
Der Mangel an Freiheit, der in den Lebensentwürfen zu beklagen ist, wird
dramaturgisch und schauspielerisch umsichtig und klug umgesetzt. Immer
wie der frieren die Schauspieler in ihren Bewegungen ein,
spannungsvolles Schweigen wird als Bruch in den Gesprächsfluss
eingebaut, Erstarren und Verlangsamung sind als retardierende Momente
verwendet. Und dennoch baut sich Spannung auf, in der man sich als
Zuschauer unwillkürlich fragen muss: Wann wachen die Spieler aus ihrer
Fremdbestimmung eigentlich auf? Wird sie jemand retten? Werden sie es
selbst schaffen? Denn zunächst bewegen sich die Personen wie
Marionetten, fremdgesteuert, steif, hölzern. Wenn Gefühle geäußert
werden, dann wirken sie übertrieben oder können nur unter Alkoholzufuhr
zum Ausdruck kommen. Ganz skurril und sehr amüsant gebärden sich Szenen,
in denen Überfürsorglichkeit der Mutter und stereotype Gesprächskultur
darüber dargestellt werden, dass Frau Schweiger sich zum gurrenden Huhn
oder Rudolf Krumholz zum grunzenden starken Tier verwandelt: "Er
blinzelte ihr vertraulich-listig zu, und sie musste plötzlich an ein
plumpes, starkes Tier denken, das ein viel kleineres, schwächeres
erbeutet hat und nun seinen Raub vor dem Verschlingen noch eine Weile
ruhig und froh betrachtet, weil es weiß, dass es ihm nicht entrinnen
kann."
Rosa kann tatsächlich nicht entrinnen, nach kurzem Erwachen über der
Begegnung mit dem "Mann im Zug" taucht Rudolf wieder auf. Er erschießt
sein Opfer, das sich unerwarteterweise seinen Fängen entziehen will. Man
erinnert sich an tragische Frauenschicksale großer Prosa aus dem 19.
Jahrhundert, an "Effi Briest" etwa, die der "Rosa" ähnlich, von
Konventionen erstickt, ihr eigenes Leben nicht zu leben vermag.
Die Qualität der Arbeit rund um „tempus fugit" professionalisiert sich
mit "Die Augen" weiter.
Dorothea Gebauer
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