aktuelle Inszenierung:

Tempus fugit - Jugendtheater Lörrach I

   
 
 

"Hotel New Hampshire"
frei nach dem gleichnamigen Roman von John Irving

Regie: Karin Maßen
 

 

   
   
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  zum Stück:

Trotz aller Komik ist "The Hotel New Hampshire" ein melancholisches Stück. Es erzählt die Geschichte von Win Berrys unerschütterlichen Versuchen, seinen Traum von einem Leben in Erfolg, Luxus, Geborgenheit und von einer glücklichen Familie zu verwirklichen. Diesen Traum möchte Win als Hotelier verwirklichen, allerdings ohne die wirtschaftlichen Grundlagen dieses Metiers genügend zu beherrschen. Als sich Mary Bates und Win Berry kennen lernten, erschien es ihnen, als eröffne sich ihnen ein unbekanntes und verlockendes Leben. Nach ihrer Heirat wächst die Familie sehr schnell und besteht schließlich aus Wins Vater "Coach Bob" und den Kindern: Frank, Franny, John, Lilly, und Egg. Da keiner in dieser Familie "normal" ist, ist das Chaos vorprogrammiert. Die Figuren sind so schillernd, vielfältig und bieten sich dennoch zur Identifikation an - vielleicht war es das, was uns alle so an diesem Buch und unserer Arbeit so fasziniert.

Natürlich haben wir wieder tolle Musiker mit dabei - und im Übrigen gilt jetzt ein wichtiges Motto des Buches:

Lehn dich nicht zu weit aus offenen Fenstern!"
 

 
  Presse

Oberbadisches Volksblatt vom 24. Juli 2001

Festgeschraubt wie Schreibtischstühle

Keine leichte Kost: "Hotel New Hampshire" vom Jugendtheater Nellie-Nashorn

LÖRRACH. Wer wagt es, einen Schinken von 600 Seiten, Textsorte Roman, zu einem Drama umzugestalten, dazu noch auf kleiner Bühne? Von einem Autor, der provozierend, nicht gefällig ist und bei dem sich rein gar nichts so entwickelt, wie man es gemeinhin erwarten würde? Man muss schon über enormen Mut, Fantasie und den nötigen Biss verfügen, um episch gemächlichen Erzählfluss in inspirierende Kurzweil umzumünzen, ohne der Vorlage den inhaltlichen Kern zu entwenden.

„Tempus fugit", ein Name, unter dem sich verschiedene Jugendtheatergruppen unter der Regie von Karin Maßen verbergen - so auch das „Jugendtheater Nellie Nashorn" ist längst dafür bekannt, dass es sich unbequemer Stoffe annimmt und es dem Zuschauer, gewiss nicht immer leicht macht, Inhalte zu entschlüsseln oder eine "Message", welcher Art auch immer, hinter Gesagten auszumachen. Dazu zählt das zuletzt aufgeführte Stück "Abseits oder die Kunst des Miteinander", "Groß und Klein" von Botho Strauß oder "Von denen, die ausziehen, sich nicht zu fürchten." 60 Schauspieler in vier Theatergruppen im Alter von 13 bis 22 Jahren sind in weniger als fünf Jahren entstanden. Das Jugendtheater Nellie ist im Übrigen aus der Theater-AG der hauswirtschaftlichen und kaufmännischen Schulen erwachsen.

Die Erarbeitung eines eigenen Textes, der auch von allen ausgesucht wird, geschieht über Improvisation. Probewochenenden, die an Hüttenaufenthalten stattfinden, sichern das gegenseitige Kennenlernen und ein gründliches Auseinandersetzen mit gewähltem Thema. "Hotel New Hampshire" ist eine Erzählung, die bei allen jungen Schauspielern gleichermaßen auf Zuneigung stieß. Die Herausforderung, eine etwas andere Familiensaga in ihrer bizarren Groteske wiederzugeben, wurde souverän und schlüssig gemeistert.

Zunächst ist da das sorgfältige Herausarbeiten der Charaktere, und das hingegebene Schauspiel, das überzeugt. Underdogs, Ohnmächtige, Zwerge, Angeber, Durchschnittliche und Hilflose prägen das Geschehen und wenden die Handlung ins Tragikomische. Wunderbar kindlich und verstört, in lüsternem und aggressiven Milieu, scheinbar nicht ganz von dieser Welt ist beispielsweise die komische und liebenswerte "Egg"; die "Mutter" dagegen, immerzu vergrämt, farblos blass, gibt sich als Opfer und überforderte Märtyrerin. Die Orte in "Hotel New Hampshire“ sind nicht zum Wohnen, sie sind "Drecksnester", Brutstätten der Gewalt, des Inzest, des Voyeurismus, des kalten und machthungrigen Sex. Handlungsorte wie die Dusche, das College oder die Halloween­Party werden atmosphärisch dicht aufgebaut und' gelegentlich mit atemberaubend vibrierender Geschwindigkeit aufeinander geschichtet. Eindrücklich, wie durch das Spiel ein in die Höhe ragendes Gestänge zum großen Hotel wird, in dem viele Menschen wohnen, deren Geschichte raffiniert und auf sublime Art und Weise ausgebreitet wird. Gehalten wird die Wirrnis verschiedener Erzählebenen und wechselnder Personen durch das Familiensetting, in dem das banale Geschwätz, das Fabulieren über dies und das in all seiner Unsentimentalität doch gelegentlich furchtbar komisch, skurril und lustig daher kommt. Hinzu kommen erstklassige Beiträge von vier Musikern, darunter Klavier, E-Bass, Schlagzeug, Saxophon- oder Klarinette, die dem Spiel besondere Schärfe und Unterstützung geben.

„Jeder, der denkt, meine Charaktere und deren Schicksale seien ungewöhnlich, hat noch nicht mitbekommen, wie das wirkliche, gewöhnliche Leben so spielt," so sinngemäß John Irving in einem Interview. Der Autor, der zu den bekanntesten in den Vereinigten Staaten zählt, wird gerne im selben Atemzug mit John Updike, Vladimir Nabokov oder Stephen King genannt. Einer der Vorbilder Irvings ist Charles Dickens. Dieser hat im vergangenen Jahrhundert wie er zu beschreiben versucht, wie sie ist, die so genannte ganz gewöhnliche, ungeschönte Wirklichkeit.

Dorothee Gebauer


Badische Zeitung vom 23. Juli 2001

Ein Traum, der nichts als Blut und Kummer bringt

Jugendtheater "Tempus fugit" spielt "Hotel New Hampshire" / Das Ensemble ist großartig, aber eine Straffung täte dem Stück gut

LÖRRACH. Eine Familie ist ein kleiner Kosmos. Liebe, Anziehung und Abstoßung, Eifersucht und Solidarität, Unterordnung und Auflehnung, alles hat hier seinen Raum. John Irvings Roman "Hotel New Hampshire" führt uns eine Familie vor, freilich eine wenig alltägliche. Vater Win verfolgt leidenschaftlich und ohne jeden Sinn für Realitäten seinen Traum vom eigenen Hotel, und alle stolpern von Bauchlandung zu Bauchlandung mit: die Mutter, die ihre Bedenken immer wieder zurück stellt, die Kinder Frank, Franny, John, Lilly und Egg, die lernen, dass "Hotel" Blut und Kummer bedeutet. Sie alle sind ein wenig schräg, keinesfalls makellos, aber liebenswert. Und alle versuchen, "dem Leben etwas von seinem Ernst zu nehmen".

Das Jugendtheater "Tempus fugit" mit Regisseurin Karin Maßen hat sich von dieser Geschichte fesseln lassen und ein Stück daraus gemacht. Das Skurrile und Vielschichtige, die enge Nachbarschaft von Witz und Brutalität, die Opulenz der Irving'schen Vorlage hat das Ensemble dabei glänzend auf die Bühne übertragen, freilich ist der Stoff deutlich zu wenig gestrafft. So tempo- und ideenreich die Inszenierung ist: sie ist zu lang, und das nicht nur um zehn Minuten. Gerade im ersten Teil fährt sich die Geschichte fest und kommt kaum mehr vom Fleck, auch sind zu viele Nebenstränge da, die ablenken und verwirren. Dass (fast) alle Figuren von mehreren Darstellern verkörpert werden, bringt zusätzliche Unruhe. Bei einigen der Figuren dauert es auf diese Weise lange, bis sich ein Profil heraus schält.

Die andere Seite: Die Leistung des Ensembles ist enorm. Was die fünfzehn jungen Darstellerinnen und Darsteller drei Stunden lang an Ausdruck und Körpereinsatz, Disziplin und Konzentration aufbringen, das nötigt Respekt ab, auch spürt man, dass sie "ihr" Stück spielen. Die Inszenierung ist "technisch" ungeheuer aufwendig - die (wirkungsvoll komponierte) Bühne ist fast ständig dicht bevölkert, die Rollen wechseln fliegend, die Geschichte spielt immer wieder räumlich und inhaltlich auf mehreren Ebenen, das Tempo ist hoch, die Textmenge groß. Das Ensemble bewältigt all das großartig.

Für hervorragende Momente sorgen zusätzlich die musikalischen Kommentare von Mathias Bantle, Daniel Oswald, Florian Häußler und Urs Brombach. Wenn die Inszenierung trotz wunderbarer Erzählpassagen, teilweise eindringlicher Bilder und sehr guter darstellerischer Leistungen ermüdet und die Konzentration beim Zusehen Mühe macht, dann ist das ein Problem des "Drehbuchs". Das Ganze gestrafft, auf Wesentliches fokussiert und temporhythmisch überarbeitet - das kann dem Stück nur gut tun.

Sabine Ehrentreich
 

 
   
  Fotos von den Proben
   
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

Fotos: Thomas Quartier

   
 
 

 

 

 

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